[ANALYSE] Die sterbende #10 und der Spielmacher des 21. Jahrhunderts

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Im nachfolgenden Blog-Eintrag beschäftigt sich der dseitlhuber – sportblog mit dem Fußball als Großes und Ganzes. Er stellt nicht nur fest, sondern hinterfragt und begründet das Sterben des klassischen Spielmachers.

Diego Maradona, Michelle Platini, Manuel Rui Costa und Zinedine Zidane eint nicht vieles, aber in Sachen Spielstil sind sie einander ähnlich wie Denilson und Christoph Leitgeb. Die fünf angeführten Weltklasse-Kicker sind Spielmacher, teils aus verschiedenen Epochen stammend, aber was zählt: Sie sind Spielmacher. Der angeschnittene Denilson oder der ebenfalls erwähnte Leitgeb sind dagegen alles andere als Spielmacher im eigentlichen Sinn. Und dennoch lösen sie die Spielmacher gewissermaßen ab.

Warum?
Zur Frage nach dem “Warum” tummeln sich verschiedenste Theorien im WWW, eine einleuchtender als die andere. Ob nun abgewandelte 4-5-1/4-3-3-Systeme an der globalen Entwicklung – also der Entwicklung weg vom 10er – Schuld tragen, oder nicht doch der defensive Aspekt des modernen Fußballs einen Freigeist im Zentrum schlicht unmöglich macht, lässt sich nicht wirklich beantworten. Faktum ist einfach: Die Spielmacher sterben nach und nach aus. Oder, man zwingt sie einfach, ihren ursprünglichen Lebensraum zu verlassen.

Geriet man früher bei Zidane oder Figo ins Schwärmen, sind es heute Messis oder Christiano Ronaldos, die die Augenpaare der Öffentlichkeit förmlich anzuziehen scheinen. Gerade Lionel Messi könnte locker in die Rolle des Spielmachers schlüpfen (tat es unter Maradona ja sogar), tut es in Barcelona aber aus gutem Grund nicht: Man würde ihn mit einer Doppel- oder gar Tripple-Sechs doppeln oder gar trippeln und ziemlich leicht aus dem Spiel nehmen können. Davon abgesehen, kommt die eigentliche Spielmacher-Position im zentral offensiven Mittelfeld in den “modernen” (ich mag dieses Wort überhaupt nicht, benutze es aber der Einfachheit halber) Systemen gar nicht erst vor.

Der Überdrüberspieler muss sich folglich anderweitig aufhalten: Als “falsche 9” oder als Flügelspieler, manche entwickeln sich aber auch kurzerhand zu “Spielmachern” des 21. Jahrhunderts – dazu später mehr.

Es folgt eine Liste prominenter Spieler, die eigentlich zum Spielmacher geboren sind, von ihren Trainern aber anderswo eingesetzt werden/werden werden/wurden:

  • “falsche 9” oder hängende Spitze: Wayne Rooney (ManUdt), Andrei Arshavin (Arsenal), Kaka (damals bei Milan), Francesco Totti (AS Rom), Zoltan Gera (Fulham), Steven Gerrard (vermutlich unter Roy Hodgson bei Liverpool)
  • Flügelspieler: Lionel Messi (Barcelona), Ronaldinho (damals bei Barcelona), Samir Nasri (Arsenal), Thomas Rosicky (Arsenal), Ryan Giggs (ManUdt), Toni Kroos (Leverkusen), Alexandr Hleb (Stuttgart), Rafael van der Vaart (Nationalteam Niederlande), Yossi Shai Benayoun (Liverpool), Vladimir Weiss (ManCity, Nationalteam Slowakei), Claudio Marchisio (Juventus), Joaquin (Valencia), Andreas Ivanschitz (Mainz05), Michael Liendl (Austria), Milenko Acimovic (Austria), Steffen Hofmann (Rapid)
  • “Spielmacher” des 21. Jahrhunderts: Denilson (Arsenal), David Pizarro (AS Rom), Luka Modric (Tottenham), Christoph Leitgeb (Salzburg)

Die Liste ist bei weitem nicht vollständig, sondern beinhaltet nur einige wenige Spieler, die mir auf die Schnelle eingefallen sind.

Dass selbst eine unvöllständige Auflistung 27 umfunktionierte 10er anführt, zeigt, von welcher Größenordnung ich hier schreibe. Die Fußballwelt produziert mehr 10er denn je, teilt diesen aber andere, “modernere” Rollen zu. “Richtige”, herkömmliche Spielgestalter werden dennoch nicht gänzlich von der Bildfläche verschwinden – durch das aufkommende 4-2-3-1 und das wiedererstarkte 4-1-2-1-2 fördern immer mehr Teams immer mehr Spielmacher. Man nehme das 4-2-3-1-Team Lyon (Yoann Gourcuff), die Bremen Mannschaft von 2008 (Diego als Spielmacher im Schaaf’schen 4-2-3-1) und nicht zuletzt den Vfl Wolfsburg, der in der Saison 2008/09 mit Spielmacher Misimovic und 4-4-2-Raute Meister wurde.

Es handelt sich also mal wieder um eine Frage der Spielweise. Sicher ist aber, dass man heutzutage auch als 10er flexibel sein muss – der letzte verbliebene statische Spielmacher aus einer europäischen Top-Liga ist in Person von Juan Roman Riquelme bereits vor einigen Jahren abgelöst worden.

“Spielmacher” des 21. Jahrhunderts
Chelsea London hat ihn. Auch Manchester United hat ihn. Selbst Arsenal London hat ihn. Die Rede ist vom “Spielmacher” der kommenden Jahre. Ancelotti hat ihn in John Obi Mikel gefunden, United vertraute lange Zeit Michael Carrick und Wenger meint über seinen “Spielmacher”:

Wenn Fabregas, Nasri und Denilson bis zu ihrem 24. Lebensjahr für Arsenal spielen, dominieren wir Europa.

Komischerweise sieht die Fußballfachwelt und sogar die eigene Fanlandschaft die Dinge genau andersrum: Alan Hansen, Fußballexperte auf der Insel, fragt sich zusammen mit etlichen Blues-Fans: “What does John Obi Mikel do?”
Ebenso unglücklich sind Arsenal-Anhänger mit Denilson und ManU-Fanatiker mit Carrick.

Doch genau diese Art Fußballspieler wird von wirklichen Fachmännern als Zukunft des modernen Fußballs gesehen. Weder sind Mikel, Denilson und Carrick außerordentlich zweikampfstark, noch spielen sie den tödlichen Pass. Also: What do they do? Sie bewegen sich gut und viel, sind fleißige, bewegliche Akteure, meist in einer tiefen Mittelfeldrolle (siehe Graphik) angesiedelt und lenken von dort aus den Spielaufbau. Ihre Aufgabe ist meist klar strukturiert: Sich freilaufen, Ball empfangen, Ball abspielen, sich freilaufen, Ball empfangen, Ball abspielen, …

Arsenals Aufstellung

Arsenals mögliche Top-XI 2010/11 --- Denilson als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff

Wer glaubt, dass Spieler wie Denilson oder Carrick nur 08/15-Kicker sind, die auf den Spielverlauf nur indirekt Einfluss nehmen, irrt gewaltig – beispielsweise hatte Claude Makelele, ein Pionier dieser Roller, 2002 erheblichen Anteil am Champions League-Triumph der Madrilenen. Die beeindruckendste Vorstellung eines zentral defensiven Mittelfeldspielers der neuen Generation erbrachte jedoch zweifelsohne Denilson beim CL-Viertelfinal-Hinspiel seiner Gunners gegen Barcelona.Dem 22-Jährigen wurde ursprünglich Abou Diaby (ein ähnlicher Spielertyp, nur etwas offensiver) vorgezogen, nach der Verletzung von William Gallas (44.) musste Wenger jedoch reagieren – und tat dies, indem er Song in die Gallas-Position des Innenverteidigers schlüpfen ließ und eben diesen Denilson als Song-Vertretung im zentral defensiven Mittelfeld einwechselte. Dieser spielte, so man der “Guardian”-Statistik glauben darf, in 46 Einsatzminuten wiederum mehr angekommene Pässe, als jeder seiner Mitspieler über 90 Minuten hinweg. Welch großen Anteil er an der sensationellen Aufholjagd Arsenals hatte, verdeutlicht das eingefügte Video.

Denilson gegen WestHam

20.3.2010, Arsenal gg WestHam - Denilson bringt von 73 Pässen 73 zum Mitspieler, Liga-Rekord! (c) Guardian.co.uk

Ein anderer, ebenfalls häufig unterschätzter, Spieler dieser Art ist Manchesters Michael Carrick. Carrick ist technisch weniger gut ausgebildet als Denilson, diesem in Sachen Zweikampfverhalten dafür um Welten überlegen. Man sieht also: Der Spielmacher des 21. Jahrhunderts exisitiert definitiv, einen Prototypen des modernen zentralen Mittelfeldspielers gibt es allerdings nicht – einige kommen mit wenigen Ballkontakten aus, andere nicht; einige können nicht Tackeln, andere schon; und so weiter und so fort.

Beitrag stammt vom: 8. August – 14:46 Uhr

Aus der Fansicht: Wie Stevens Salzburg zur Niederlage taktierte

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Der folgende Blog-Eintrag wurde ursprünglich für Rasenfussball.at, ein Portal für RedBull Salzburg-Fans, verfasst – die subjektive Sichtweise sollte mir daher verziehen sein ;-)

Schlafende Riesen weckt man nicht. Salzburg hat es trotzdem getan – und bekam in der 93. von 93 Spielminuten vom Fußballgott persönlich die Quittung präsentiert. Gewissermaßen kann man auch von einem Denkzettel für Huub Stevens sprechen: Lernunwilligkeit, möglicherweise Lernunfähigkeit, sind Tugenden, die eines Meistertrainers nicht würdig sind. Rasenfussball.at arbeitet ein brisantes Spitzenspiel von vorne bis hinten auf:

Startformation
Stevens schickte gegen einen taumelden, weil von zwei Saisonniederlagen angeschlagenen, Vize-Bundesliga-Rekordmeister die selben elf Spieler, wie schon gegen Omonia Nikosia auf den heiligen Rasen. Dass Wallner als Solo-Spitze nur foulen, schwalben und abseitsstehen würde, war allemal zu erahnen, für den 56-Jährigen aber kein Grund, Änderungen vorzunehmen. Vermutlich des Rhythmus’ wegen.

Wie die folgende Graphik zeigt, teilte Stevens Leitgeb und Mendes da Silva Rollen zu, für die weder der eine, noch der andere wirklich geschaffen ist. Leitgeb liebt es, aus einer tiefen Mittelfeldposition heraus die Bälle zu verteilen, Kontrolle über den Ball zu haben und das Spiel geschickt zu verlagern – Stevens stellte ihn als zentralen/zentral offensiven Mittelfeldspieler auf. Mendes da Silva liebt es, aus der 6er-Position heraus Bälle in Empfang zu nehmen, möglichst rasch weiterzugeben, egal ob kurz oder lang – Stevens stellte ihn neben Christoph Leitgeb auf.

Aufstellung gegen Rapid

Startformation gegen Rapid Wien

Spielverlauf
Indem er neuerlich ein 4-2-2-2 aufbot, erwies sich Pacult zwar als ebenso engstirnig wie Stevens, die einfallslose Schaltzentrale der Salzburger (Schiemer, Mendes da Silva, Leitgeb) vertuschte den Systemfehler in Rapids Spielweise jedoch einwandfrei. Die übermäßig passive Art zu verteidigen, die häufigen Abspielfehler im Spielaufbau, das fehlende Durchsetzungsvermögen im Angriff – all das spielte den Hütteldorfern direkt in die Hände. Vor allem in den ersten 30 Minuten wussten die Grün-Weißen Kapital daraus zu schlagen, die Pacult-Elf war bissig und gewohnt dynamisch, zog ihr gefürchtetes Flügelspiel auf und brachte das Sturmduo Salihi/Jelavic immer wieder in Schussposition.
Wie man dies verhindert, haben Schöttel und dessen MAGNA Wiener Neustadt bewiesen – man forme ein kreatives Mittelfeld (Stanislaw, Grünwald, Wolf, Simkovic) und mache sich drei Hilfsmittel zunutz: Pressing, Pressing, Pressing.
Die Doppelsechs von Rapid bekommt Bauchschmerzen, sobald sie auch nur ansatzweise Druck verspürt. Dadurch bleibt den Flügelspielern nichts anderes übrig, als in der Luft zu hängen. Von den beiden Stürmern ganz zu schweigen. Leider hat RedBull Salzburg stur seinen Stiefel runtergespielt, ohne Rücksicht auf Spielweise und Form des Gegners.

Die Rapidler spielten hingegen genau das, was sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht hat: Unkomplizierter Spielaufbau, ambitioniertes Flügelspiel. Und, nicht zu vernachlässigen: Die Stürmer Jelavic und Salihi waren flexibel wie in besten Zeiten, wichen immer wieder auf die Seite aus, um Verwirrung in der Salzburger Abwehr zu stiften.

Einen detaillierten Spielverlauf erspare ich den Lesern an dieser Stelle, die Partie dürfte eh so ziemlich jeder verfolgt haben – und wer nicht, kann ja in einem der dutzenden APA-Spielberichte nachlesen. Vielmehr interessiert mich das “Warum” der Niederlage. Also: Warum?

Fehler im System
Vorweg: Ein “Darum” gibt es nicht. Es sind eher Puzzleteile, die ineinandergesteckt eine 1:2-Niederlage ergeben. Ein Puzzleteile – und wahrlich kein kleiner – ist die Rolle von Christoph Leitgeb. Der gebürtige Steirer hat Huub Stevens in Wahrheit viel zu verdanken. Erst Stevens gab ihm den Feinschliff, der aus dem ewigen Flügelflitzer das machte, was er eigentlich ist –
ein zentraler Mittelfeldspieler der neuen Generation. Am ehesten ist er in meinen Augen mit Arsenals Denilson vergleichbar, einem ebenfalls oft unterschätzten Akteur. Leitgeb ist ein Mann für die Drecksarbeit, ein Mann für das, was der gemeine Zuseher oft nicht wahrnimmt. Er passt den Ball dorthin, wo er hinmuss, und “trägt” ihn gegebenenfalls dorthin, wo er nicht hingepasst werden kann. So jemand ist ungeheuer wertvoll, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen. Auch die Statistik belegt meine hohe Meinung von ihm: Leitgeb hat trotz als seiner leichtfertigen Abspielfehler die höchste Quote an angekommenen Pässen aller Mittelfeldspieler der Tipp3-Bundesliga (rund 90! Prozent).

Nun gelingt es Leitgeb seit der Ausbootung von Pokrivac, Cziommer und Jantscher (?) allerdings einfach nicht, sein ungeheures Potential abzurufen. Für meine Begriffe aus dem einfachen Grund, dass er mit der Spielmacherrolle nicht klarkommt, sich einen dominanten Spieltyp an seiner Seite wünscht. Momentan ist dieser jedoch nicht gegeben und insofern ist Stevens auf dem besten Weg zum Totengräber des Christoph Leitgeb zu werden.
Wie gesagt, die Fehlpositionierung der #24 ist nur EIN Puzzleteil des Ganzen, das heißt aber mit Sicherheit nicht, dass man ihm deshalb keine Beachtung schenken sollte. Auf weitere Puzzleteile werde ich im Laufe der nächsten Spiele eingehen.

Back2Spielverlauf
Um noch einmal auf das Rapid-Spiel zurückzukommen: Rapid hat mehr oder weniger verdient gewonnen. Nicht, dass sie besser gespielt hätten, aber wer sich in der 93. Minute einen solchen Treffer einschenken lässt, verdient sich im Hanappi nunmal keinen Punkt. In einem durchaus ansehlichen Spiel hatten beide Mannschaften ihre Torgelegenheiten, einzig die Auswertung klappte hüben wie drüben nicht. Ohne es als Ausrede für die Niederlage benutzen zu wollen, muss ich an dieser Stelle doch noch Schiedsrichter Gangl erwähnen: Rapid hätte einmal Rot (Hinums Vergehen war im Grunde genommen 1:1 das gleiche, wie jenes von Kragl gegen Gustafsson) und einmal Gelb-Rot sehen müssen. Nicht das erste Mal, dass sich ein Schiri von der Stimmung im Hanappi beeinflussen lässt.

Lichtblick der Niederlage waren insbesondere die Einwechselspieler Boghossian und Jantscher. Ersterer wirkte wie eine erfolgreiche Kreuzung aus Janko und Maierhofer und Letzterer erzielte sogar den Ausgleichstreffer. Somit sollten beide heiße Kandidaten für die Startelf gegen Omonia Nikosia sein, schließlich haben deren direkte Konkurrenten – Wallner bzw. Svento – bisher keineswegs überzeugt.

Feuer am Rapid-Dach

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Mit Rapid Wien präsentierte sich vergangenen Sonntag ein österreichischer Leistungsträger schlecht wie selten zuvor: Beim finanziell klar unterlegenen FC Wacker Innsbruck setzte es im Rahmen des Bundesliga-Auftaktes eine verheerende 0:4-Niederlage. In der Euro-League-Quali folgte vier Tage später ein ernudelter 4:2-Heimsieg.
Dem nicht genug, tun sich nun erstmals Klüfte zwischen Vereinsführung, sportlicher Leitung, Ultras und dem Rest der grün-weißen Anhängerschaft auf. Der dseitlhuber – sportblog hat das WWW durchforstet und ist dabei auf Ungereimtheiten in verschiedensten Bereichen gestoßen.

Sie, die die österreichische Meisterschaft bereits 32 Mal gewonnen haben, und sie, die sich – völlig zurecht – den beliebtesten Klub Österreichs schimpfen, fangen sich in Runde Eins gegen den Aufsteiger aus Tirol vier Tore ein, ohne selbst eines zu erzielen. Auch gegen Sudova Marijampole lief es für sie suboptimal.
Bittere Pillen musste der Rapid-Anhang folglich schlucken, Pillen, die man weder heute noch morgen vergessen haben wird. Pillen, die vor allem noch größer hätten sein können – etwa, wenn Julius Perstaller am Sonntag zumindest einen seiner Hochkaräter in ein Tor ummünzt. Ja, der Sieg der Tiroler war allemal verdient, vielleicht sogar auch in dieser Höhe gerechtfertigt. Meint jedenfalls der sympathische Raimund Hedl.

Was schief gelaufen ist? Vom aufgebotenen Personal, über die ausgewählte Taktik, bis hin zum Abändern des Systems während des Spiels eigentlich alles.

Aufgebotenes Personal, ausgewählte Taktik
Konkret heißt das, dass ein 4-2-2-2 (althergebrachtes 4-4-2 mit zwei tiefen 6ern) im 21. Jahrhundert ohnehin nur noch als Abwehrtaktik zu gebrauchen ist – wer Ahnung vom Fußball hat, wird es einem bestätigen – und mit zwei himmellangen, und technisch entsprechend limitierten, Stürmern wie Jelavic und Salihi sowieso nur in die Hose gehen kann. Dazu kommt, dass die Doppelsechs, gestern – wie eigentlich immer – von Heikkinen und Pehlivan gebildet, aus einem Finne, der mit dem Ball seit jeher per Sie ist und seit geraumer Zeit den Spaß am Kicken verloren haben dürfte (dazu später mehr), und einem Österreicher, der einzig durch sein Spiel ohne Ball zu überzeugen weiß, besteht. Entsprechend löchern war das zentrale Mittelfeld.

Wacker Innsbruck - Rapid Wien

Rapid - Wacker (4-2-2-2)


Hofmann suchte zwar immer wieder den Weg ins Zentrum, fand ihn auch häufig, konnte dort, weil manngedeckt, jedoch nie ernsthaft Gefahr erzeugen. Den Wienern blieben die geliebten Flanken (19 an der Zahl) auf Jelavics Kopf, welche aber ausnahmslos wirkungslos bleiben sollten. Ein sportliches Ausrufezeichen setzte einstweilen Tanju Kayhan, der an einem, für die Mannschaft, schwarzen Sonntag eine ausgesprochen gute Leistung erbrachte.

Abändern des Systems während des Spiels
Nach 54 Minuten – also bei 0:1 aus Sicht Rapids – Drazan für den eigentlich recht soilden Pehlivan zu bringen, Kavlak nach rechts und Hofmann in die Mitte zu ziehen, grenzt schließlich an Dummheit und ebnet den Innsbruckern den Weg zu unzähligen Kontermöglichkeiten. Dass der (momentan?) unwillige (als Belohnung ersetzte er gegen Sudova übrigens Hofmann als Kapitän) Heikkinen ohne Pehlivan völlig hilflos sein wird, war absehbar und trat auch genau so ein.

Schlüsse
Nach fast vier Jahren Rapid-Trainer-Dasein scheint Pacult endlich begriffen zu haben, dass man im 4-2-2-2 weder Schönheitspreis noch Meisterschale gewinnen wird. Nicht zuletzt die Aufstellung gegen Sudova Marijampole deutet darauf hin, dass der gebürtige Winter und gelernte Postler künftig ein 4-2-3-1 versuchen will – entweder mit Kavlak oder Hofmann im Zentrum, je nachdem ob Drazan oder Trimmel in der Startelf stehen soll. Wobei es Pacult durchaus zuzutrauen ist, das 4-2-3-1 nach einem – zugegeben sehr – schlechten Spiel gleich wieder zu verwerfen. Auch wenn eigentlich jeder Blinde sehen konnte, dass es diesmal ausnahmsweise nicht am System lag.

Rapid Wien - Sudova Marijampole

Rapid - Sudova (4-2-3-1)


Fanmeinungen zum Thema Startaufstellung
Der Großteil der Rapid-Fans steht Pacult trotz allen Ausrastern und Fehlern positiv gegenüber, überwiegend können sich die Anhänger mit der geraden Art des 49-Jährigen identifizieren. Dennoch macht sich nach der deutlichen Niederlage gegen den Aufsteiger Unmut, insbesondere über die taktischen Vorstellungen des Trainers, breit.

4-4-2 mit einer Doppel-Sechs bringt sich mMn genau gar nix, das allzubeliebte 4-2-3-1 lebt ja davon das du zwar die Doppelsechs hast aber 3 offensive Mittelfeldspieler, da hast einen Boskovic, einen Kavlak und einen Hofmann.. da einen Boskovic zu nehmen und ihn durch Salihi zu ersetzen und damit ein 4-4-2 zu machen das bringt sich einfach nichts, weil eben im MF genau gar nix geht, da ist ein Vakum das einfach nicht geschlossen werden kann…

Meint etwa ein Wienerfußballfan. Und er hat damit – zwar sehr oberflächlich, aber doch – Recht. Freilich kann ein 4-2-2-2 weiterhin funktionieren, allerdings nur, wenn man entsprechende, nämlich technisch begabte, Spieler in seinen Defensivreihen hat. Ebenso sollte eine der beiden Spitzen hängender als die jeweils andere sein, René Gartler bietet sich im Falle Rapids förmlich dafür an, ein Bewerbungsschreiben hat er mit seinen zwei Treffern gegen die Litauer bereits abgegeben.

Nun folgen, um endlich konkret zu werden, einige Aufstellungsvorschläge der Grün-Weißen. Um es vorweg zu nehmen: Von Raute bis Fächer war alles zu lesen, allein die Pacult-Aufstellung vom Wacker/Sudova-Spiel fand ich in keiner einzigen Variante.

Payer
Kayhan – Eder – Sonnleitner – Katzer
Pehlivan
Saurer____________Kavlak
Hofmann
Salihi – Jelavic

Hedl
Kayhan – Eder – Sonnleitner – Katzer
Pehlivan
Hofmann – Saurer – Katzer
Jelavic – Salihi

Hedl
Dober – Sonnleitner – Eder – Kayhan
Hinum____
____Kavlak
Hofmann________________Saurer
Salihi – Jelavic

Hedl
Dober – Patocka – Sonnleitner – Kayhan
Hinum
Hofmann – Kavlak – Saurer
Salihi – Jelavic

Hedl
Kayhan – Sonnleitner – Patocka – Dober
Hinum
Hofmann – Kavlak – Drazan
Salihi – Jelavic

Ich habe mich hierbei bemüht, die aussagekräftigsten Werke herauszusuchen, unabhängig davon ob sich gut oder schlecht finde. Natürlich können fünf Aufstellungen keine Fankultur repräsentieren, aber geschickt gewählte Beispiele sind immer aussagekräftig. Was auffällt: Viele Rapid-Fans würden lieber entweder Kayhan oder Dober Links spielen sehen, anstatt Katzer in der Startelf ertragen zu müssen.

Die Mehrheit wünscht sich außerdem – verständlicherweise, sehe ich genauso – Kavlak ins Zentrum, Heikkinen auf die Bank und Saurer von Beginn an. Auch Thomas Hinum dürfte bei Vorbereitungs- und Qualifikations-Spielen Eindruck hinterlassen haben – nicht wenige wollen ihn im zentral defensiven Mittelfeld beginnen lassen.

Schließlich, damit auch dies geklärt ist, biete ich noch meine Wunschaufstellung an:

Hedl
Kayhan – Sonnleitner – Eder – Katzer
Pehlivan
Hofmann – Kavlak
Saurer____________________Drazan
Jelavic

Womit wir das erste Kapitel beschlossen hätten.

Christoph Saurer -
24 Jahre alt, 1,75 Meter klein, beidbeinig, Ex-Veilchen – ist nach Andreas Ivanschitz die vermutlich umstrittenste grün-weiße Personalie des 21. Jahrhunderts, wer den Konflikt um ihn einigermaßen verfolgt hat, weiß, wovon ich spreche. Mehrere, teils machthungrige, teils übermäßig fanastische, Bewohner des BlockWest (richtig, das sind die, vor denen AstonVilla noch heute zittert), lehnen den im Sommer aus Linz verpflichteten Mittelfeldspieler wegen seiner Austria-Vergangenheit ab. Nach der Niederlage gegen Innsbruck – bei der Saurer, weil nicht im Kader, nicht mitwirken durfte – machte im Rapid-Anhang Kunde, dass Saurer von oberster Vereinsetage aus “geschützt” werde – “geschützt” heißt, geschützt vor dem BlockWest, der ihn auszupfeifen droht – und das übrigens bei Saurers Einwechselung gegen Marijampole auch gnadenlos durchzog. Einige, nicht wirklich wenige, Nicht-Block-West-Sitzer, aber trotzdem Rapid-Anhänger, vermuten hinter dem Ganzen gar Kalkül der Anti-Saurer-Fans: Nicht seine violette Vergangenheit stehe im Vordergrund, die sei dem Großteil egal, es gehe dem BlockWest hauptsächlich darum, seine Macht noch weiter auszuweiten. Heißt: Man will Grenzen austesten, Grenzen erweitern und vor allem: mitreden.

Inwiefern diese Theorien – manche geben an, sie sogar belegen zu können – ihre Richtigkeit hat, weiß man nicht. Ich zumindest nicht. Jedenfalls kann ein Fan-interner Kleinkrieg sich sicher negativ auf die Gute-Laune-Stimmung auf den Tribünen auswirken. Als ob Rapid Wien nicht schon genug Probleme sportlicher Art hätte…

Problemkind #1: Markus Heikkinen…
… “will einfach nicht mehr in Österreich spielen”, schreibt jemand, der angibt, Insider-Infos zu bekommen/bekommen zu haben. Dass der Finne bis 2011 Vertrag hat, ist so gesehen einigermaßen bitte, insbesondere zumal man seine Lustlosigkeit schon im Frühjahr bewundern durfte.

Erstmals hab ich den Verdacht geäußert, dass etwas mit ihm nicht stimmt, als wir Villa geschlagen haben. Damals hat mich seine Körpersprache im Stadion schon richtig schockiert. Das 3:0 gegen den HSV hab ich mir aus dem Grund noch einmal ganz alleine nur wegen Heikkinen angeschaut und seitdem war ich überzeugt, dass irgendwas nicht passt. Freilich war er noch nie einer, der besonders viel gelächelt hat, aber man merkt einfach schon sehr langer Zeit, dass er sich nicht mehr wohl fühlt. Leider!

Der Verein entschied sich gegen eine Vertragsauflösung. Heikkinen steht nun also auf dem Feld, spielt aber tatsächlich so, als ob er nicht spielen mag. Pacult schafft es trotzdem irgendwie wegzuschauen, Spiel für Spiel spielt Mika – wie sie ihn in Hütteldorf liebevoll nennen – durch. Erfolg- und lustlos.

Dass Heikkinen gegen Marijampole anstatt des verletzten Hofmanns die Schleife trug, habe ich ja bereits erwähnt…

Beitrag stammt vom: 23. Juli 2010 – 17:11 Uhr

[WM2010] Erklärung und Erwartung

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Wie die Spanier Deutschland den Garaus machten, was dies für das heutige Endspiel bedeutet und wie das WM-Finale ablaufen wird

Bevor ich mich der alles entscheidenen Partie zwischen den Niederlanden und Spanien widme, sei ein kurzer Schwenk in die Vergangenheit gestattet:

Erklärung
Kaum einer findet hierzu- und in Nachbarslande eine Erklärung, weshalb die in der Vorrunde so mutigen, fast spanisch spielenden Deutschen gegen eben diese Spanier so dermaßen in die Defensive gedrängt wurden. Mangelnde Erfahrung und übermäßig großer Respekt, vielleicht sogar Angst, werden als Gründe für die drückende Überlegenheit der Iberer gehandelt. Was sicher der Wahrheit entsprechen mag – gegen den amtierenden Europameister spielt es sich nun mal nicht so locker flockig wie in Achtel- und Viertelfinals gegen taktisch desolate Gegner –, aber im Grunde genommen sicher nur ein kleiner Puzzleteil des Ganzen war. Vielmehr machten einfach die individuelle Klasse des spanischen Mittelfelds sowie die Vorzüge der spanischen Spielweise den Unterschied.

Hatte die Loew-Auswahl gegen England und Argentinien (insbesondere Argentinien) das Glück, im zentralen Mittelfeld ständig eine 3-gegen-2- oder sogar 4-gegen-2-Situation vorzufinden. Del Bosques System ist hingegen so konzipiert, dass sich die Weltstars rund um den Mittelkreis förmlich auf den Schuhen stehen: Zu den nominellen Zentrumsspielern (Sergio Busquets, Xabi Alonso, Xavi Hernandez) gesellt sich mit dem häufig nach innen ziehenden Andres Iniesta noch ein weiterer Ausnahmekönner (siehe Grafik weiter unten). Zudem zieht sich die einzige Spitze, David Villa, oft 15, 20 Meter zurück um seiner Mannschaft noch mehr Dominanz im Mittelfeld zu ermöglichen.

Deutschland fand sich folgedessen immer wieder in Unterzahl wieder – abgesehen davon, dass Jungspunde wie Sami Khedira oder Mesut Özil sicherlich noch einige Jahre brauchen werden, um gegen Iniesta, Xavi & Co. bestehen zu können.

Die Deutschen waren im Mittelfeld also restlos überfordert und eigentlich die gesamte Spielzeit über den berühmten Schritt hinterher. Die Spanier zogen ihr berüchtigtes Kurzpassspiel auf und drückten die deutsche Viererkette, welche normalerweise sehr “hoch” agiert, immer weiter in den eigenen Strafraum. Die beliebteste Waffe unseres Lieblingsnachbars, das Konterspiel nämlich, war somit auch mehr oder minder abgemeldet – selbst Klose musste hinten aushelfen, schnelle Gegenstöße erstickten mangels Anspielstationen im Keim.

In Wahrheit hatten die Deutschen dennoch die Möglichkeit, den Spielverlauf auf den Kopf zu stellen, das Spiel zu gewinnen. Faktisch fanden die Spanier nämlich kaum Tormöglichkeiten vor, bis zum 16er kombinierte man prächtig, danach fehlte aber ein Brecher der Marke Torres. Ebenso ungefährlich waren natürlich auch die Angriffsbemühungen der deutschen Nationalmannschaft, wobei ein platzierter Vollspannschuss Toni Kroos’ das Spiel vermutlich in eine völlig andere Richtung hätte laufen lassen. Jedenfalls ist es müßig über das Was-wäre-Wenn zu debattieren, viel spannender ist es schließlich, Schlüsse aus diesem Spiel zu ziehen und diese auf das heutige Finale zu übertragen.

Die Startelf Spaniens (?)

Die Startelf Spaniens (?)

Erwartung
Das heutige Aufeinandertreffen zwischen der Elftal und der Seleccion verspricht auf den ersten Blick ein eher einseitiges Spiel mit zahlreichen Torszenen und dem Weltmeister Spanien zu werden. Komischerweise gerät man bei näherer Betrachtung bezüglich all dieser Thesen ins Grübeln, gut möglich, dass keine der drei Erwartungen auch so eintrifft. Mit Sicherheit ist Spanien der Favorit, mit Sicherheit ist Spanien die bessere Mannschaft, aber wer wenn nicht die Niederlande könnte dem Tiqui-Taca ein Ende bereiten.

Was ich erwarte ist ein beinharter Kampf im mittleren Drittel des Spielfeldes, der in gegenseitigem Neutralisieren endet. In punkto Ballbesitz werden die Spanier die dominierende Mannschaft sein, ob man daraus Kapital schlagen kann, ist allerdings die wiederum andere Frage. Die Niederländer werden versuchen, die Stärken von Dirk Kuyt in die Waagschale zu werfen – sprich: den Liverpool-Akteur die linke Seite auf und ab laufen lassen, was letztendlich zu einem Problem für Barcelonas Pedro Rodriguez werden könnte.

Startaufstellung der Niederlande (?)

Startaufstellung der Niederlande (?)

Insofern wird Dirk Kuyt definitiv ein wichtiger Faktor für den Spielausgang werden. Erst durch die Hereinnahme von Pedro Rodriguez bekam die rechte Angriffsseite der Spanier ein Gesicht, erst durch ihn war Sergio Ramos nicht länger überfordert. Gelingt es den Niederländern, Rodriguez hinten zu binden, könnte dies der Spielfreude des Gegners hinderlich sein. Weiters wird interessant zu beobachten sein, ob es dem arbeitswilligen van Persie zusammen mit Wesley Sneijder gelingt, Sergio Busquets im Spielaufbau zu stören. In Wahrheit ist dieser der Ruhepol des spanischen Spielaufbaus und entsprechend wichtig für sein Team.

Die möglichen 11en übereinander gelegt

Die möglichen 11en übereinander gelegt

Das Duell schlechthin werden sich dennoch Capdevila und Robben liefern. Setzt der Bayern-Dribblanski seine ansteigende Leistungskurve fort, wird er den spanischen Linksverteidiger vor eine Bewährungsprobe der besonderen Sorte stellen – mal sehen, ob er ihr gewachsen sein wird. Ebenso wichtig für die Oranje ist zweifelsohne Wesley Sneijder, der sich aber bei Busquets und Xabi Alonso in guten Händen befinden dürfte.

Im Kreise der spanischen Anhängerschaft definiert man die Furia Roja in letzter Zeit fast ausschließlich über David Villa. Legitim, wie ich finde – Villa spielt ein ausgezeichnetes Turnier. Dass er in der Rolle des Mittelstürmers (seine Tore in diesem Turnier erzielte er vorwiegend als linker Mittelfeldspieler, Anm.) genauso zur Geltung kommen wird, wie in den Spielen zuvor, zweifle ich trotz allem an. Vielmehr sehe ich das Kollektiv als die Waffe der Spanier – bei all den angeführten Mann-gegen-Mann-Duellen darf man nicht vergessen, dass das heutige Finale hauptsächlich durch eine kompakte Mannschaftsleistung gewonnen werden wird. Und die Spanier sind zweifellos die kompakteste Mannschaft der Gegenwart.

Zu erwartende Taktik
Von den Spaniern erwarte ich gewohnt hervorragendes Pressing, numerische Überlegenheit im Mittelfeld sowie permanente Seitenwechsel von Pedro Rodriguez und Andres Iniesta, welche im niederländischen Defensivverbund für zusätzliche Schwierigkeiten sorgen sollen. Xavi Hernandez hat sich mit der Zeit besser in seine Rolle im zentral offensiven Mittelfeld eingefunden, kommt dort aber weiterhin nicht so gut zur Geltung wie er es kommen könnte. Dies, und der Umstand, dass man mit David Villa einen sehr kleinen, körperlich eher schmächtigen Mittelstürmer hat, könnte bei entsprechender Leistung der Niederlande zu Problemen im spanischen Spielaufbau führen.

Nicht weniger Unstimmigkeiten wird es bei der Marwijk-Elf zu bewundern geben. Bereits in der Vorrunde präsentierte man sich zwar als guter Chancenverwerter aber als schlechter Chancenfabrikant, also ist nicht anzunehmen, dass dies gerade gegen das überragende spanische Mittelfeld anders sein wird. Die Trümpfe der Orangefarbenen sind für meine Begriffe Dirk Kuyt, Wesley Sneijder, natürlich Arjen Robben und ja, auch Mark van Bommel – gerade gegen Gegner wie die Spanier einer sind, braucht man Spielertypen wie ihn.

Ansonsten werden die Niederländer auf ihre Chancen warten, sich auf ihre verhältnismäßig gute Abwehr verlassen und über die zweifelsohne vorhandenen Qualitäten eines Robbens oder Sneijders ins Spiel kommen versuchen.

Zusammengefasst
Die Fußballfans erwartet ein qualitativ hochwertiges, aber möglicherweise tor- und chancenarmes Finale – wie es 4-2-3-1-gegen-4-2-3-1-Begegnungen einfach an sich haben. Die Spanier werden, so ich nicht völlig falsch liege, das Spiel dominieren, in den entscheidenden Situationen jedoch immer wieder an der niederländischen Viererkette (+ Doppelsechs davor) scheitern. Der Elftal wird ihr blitzschnelles Umschalten von Defensive auf Offensive entgegen kommen, was die Spanier wiederum vor stürmischen Angriffen warnt. Wie das WM-Finale endet, weiß weder Mensch, noch Tier, noch Wissenschaft – einzig der liebe Fußballgott. Doch was Ich weiß: Wir werden einen würdigen Weltmeister bekommen.

Beitrag stammt vom: 11. Juli 2010 – 19:13 Uhr

[WM2010] Der Beste verdientermaßen draußen

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Im folgenden Blog-Eintrag betrachtet der dseitlhuber – sportblog eine qualitativ hochwertige Partie zwischen Brasilien und den Niederlanden näher und erläutert, wer wie das Spiel prägte

Bevor wir durchstarten: zur Aufstellung, also zum mitunter Wesentlichen. Carlos Dunga bot das gewohnte 4-1-2-1-2 (mit 4-2-3-1-Touch) auf und besetzte jede Positon mit dem selben Spieler wie im Achtelfinale gegen Chile. Ergibt: Eine äußerst solide Innenverteidigung mit Lucio halbrechts und Juan halblinks, zwei extrem offensiven Außenverteidiger, zwei Abräumer, einen schwindligen Dani Alves und Kaka, Robinho, Fabiano an vorderster Front.

Brasilien

Bert van Marwijk bot derweilen fast die selben elf Spieler wie im Achtelfinale auf, einzig Oijer ersetzte den verletzten Joris Mathijsen. Van Persie agierte gewohnt tief, kam oft aus dem Mittelfeld und Arjen Robben suchte immer wieder nach einem Weg in die Mitte.

Niederlande

Die übereinandergelegten Startaufstellung zeigen ganz gut, wer es mit wem zu tun hatte. Nigel de Jong und Mark van Bommel gegen Gilberto Silva und Felipe Melo, Robinho gegen den offensiven Außenverteidiger van der Wiel und Arjen Robben gegen den ebenso angriffsorientierten Michel Bastos waren hierbei die entscheidendsten.

Brasilien - Niederlande

Und die Duelle hätten nicht wirklich unterschiedlicher vorlaufen können. Während de Jong und van Bommel in der ersten Halbzeit gegen ihre beiden brasilianischen Gegenspieler keinen Stich machten, kamen sie mit Fortdauer des Spiels immer mehr zur Geltung – nur, um ein Beispiel zu nennen. Ein anderes wäre zweifelsohne auch Arjen Robben, der in Halbzeit zwei eine spielerische 360-Grad-Wende hinlegte, aber dazu erst später mehr.

Spielverlauf
Anfangs bestätigen die Brasilianer meine hohe Meinung von ihnen eigentlich zur Gänze. Die perfekt ausgeklügelte Dunga-Taktik ging im großen und ganzen auf, der Gegner wurde dominiert, die angeblich so unattraktive Spielweise brachte zahlreiche schöne Kombinationen hervor. Motor des Spiels war insbesondere Robinho, der mit van der Wiel, welcher ausgesprochen offensiv agierte und Robben häufig überlief (beziehungsweise überlappte, wie der SKY-Kommentator so schön sagte), wenig Mühe hatte. Auch bei Spielmacher Kaka war eine Leistungssteigerung auszumachen, wenngleich sie freilich sehr klein war und Brasilien nicht wirklich weiterzuhelfen wusste.

So gut die Brasilianer spielten, so sehr fielen sie auch durch verschiedenste Nickligkeiten und Schwalben auf. Zudem wurde jeder Pfiff des Schiedsrichters gegen Brasilien, wenn er auch noch so eindeutig richtig war, von überschwänglichen Wutausbrüchen der Südamerikaner begleitet. Die Rolle des Sympathieträgers war somit – zumindest für mich – recht früh geklärt, das Geschehen auf dem Rasen zeigte aber wie gesagt eine tonangebende brasilianische Mannschaft, der die Niederländer nichts entgegenzusetzen hatten. Selbst Robben vermochte keine Farbe ins Spiel der Oranje zu bringen, blieb mitsamt seinen Haken wirkungslos.

Bereits nach zehn Minuten schlug sich die Dominanz Brasiliens auch in Toren nieder – nach einem idealen Pass von Felipe Melo vollstreckt Robinho alleinstehend vor Stekelenburg. Der Spielzug war offensichtlich einstudiert – dass Gilberto Silva genau im richtigen Moment ein, zwei Meter zurück ging, um de Jong an sich zu binden und Melo den Passweg frei zu machen, deutet zumindest darauf hin. Dennoch hätten die Niederländer das Tor verhindern können, vor allem van der Wiel hätte es verhindern können. Der junge Ajax-Verteidiger teilte Arjen Robben Robinho zu, anstatt selbst nach innen zu laufen und Michel Bastos links alleine zu lassen – ein fatales Fehlverhalten des 22-jährigen Rechtsverteidigers. Was hängen bleibt: Robbens Defensivarbeit ist – frei nach Peter Pacult – “grenzenswert” und Bastos’ Vorstöße führen zu Verwirrung in der Viererkette des Gegners.

360-Grad-Wende, angefangen bei Robben
Die zweite Halbzeit brachte ein völlig neues Bild. Die Dominanz der Brasilianer war plötzlich verschwunden, die Niederlande fanden im Gegenzug endlich zu ihrem Spiel. Tatsächlich veränderte van Marwijk nichts an seiner Mannschaft, zumindest blieben Spieler und Laufwege die selben. Dennoch hatte man das Gefühl, eine entfesselte niederländische Auswahl zu sehen, die plötzlich Antwort auf die Eigenheiten des brasilianischen Systems wusste – Gratulation Herrn Marwijk dazu, motivationstechnisch dürfte er seinen Job gut erfüllen.

Auch Arjen Robben war plötzlich im Spiel, weil bereitwilliger, den Ball auch seinen Mitspielern zuzuschieben. Dadurch wurde auch Gregory van der Wiel wirkungsvoller, Robinho deswegen mit Defensivaufgaben konfrontiert und die personifzierte Konterstärke der Südamerikaner somit ausgeschalten. Zusätzlich musste Carlos Dunga als Reaktion auf dessen dunkelgelbe Karte (verursacht durch Robben, selbstredend) den überforderten Bastos gegen den defensivstärkeren Gilberto Melo ersetzen und seinem Team noch mehr Schwung nehmen. Insofern leitete Robben eine Art Teufelskreislauf ein und war auch ohne Treffer eine Art Matchwinner.

Ebenso natürlich Wesley Sneijder, der Felipe Melo ein Tor vorlegte und eines selbst erzielte, letzteres ironischerweise per Kopf. Auch Mark van Bommel lieferte eine starke Vorstellung ab, indem er nach dem Seitenwechsel Gilberto Silva und Felipe Melo förmlich überrannte. Zu allem Überfluss sah schließlich noch F. Melo rot und Rot, machte damit den ohnehin schon überforderten Mitspielern das Spielen sicher nicht leichter.

Interessant war in der Folge zu beobachten, dass die Blauen zwar noch den unbbängigen Siegeswillen hatten, aber aus ziemlich simplen drei Gründen scheiterten:

  • Kaka trotz leichtem Leistungsanstieg viel zu schwach, als dass er Brasilien Kreativität verleihen hätte können… wie bereits hier vom dseitlhuber – sportblog gemutmaßt
  • Dani Alves eine Naturkatastrophe, in meinen Augen ein grenzenlos überschätzter Spieler, der Elano nicht ansatzweise ersetzen konnte… wie bereits hier vom dseitlhuber – sportblog gemutmaßt
  • Maicons Vorwärtsdrang brachte diesmal rein gar nichts ein, van Bronckhorst hatte ihn meist im Griff – ein Loch hinterließ er trotzdem

Zusammengefasst
Ich bleibe dabei: Mit Brasilien ist die beste Mannschaft des Turniers ausgeschieden, sowohl in punkto System als auch von der individuellen Klasse her. Was die Dunga-Elf nach dem Seitenwechsel aufgetischt hat, rechtfertigte ein frühes Ausscheiden aber allemal. Die Niederländer rissen sich am Riemen und kamen in ein Spiel zurück, das eigentlich schon verloren schien und sind daher verdient aufgestiegen. Ob man mit seiner relativ einfallslosen Spielweise gegen die uruguayische Defensive bestehen wird können, ist eine andere Frage.

Einzelkritik

BRASILIEN:

Julio Cesar: “Wenn er rausgeht, muss er ihn haben”, ansonsten nicht wirklich geprüft

Maicon: Von van Bronckhorst und Kuyt eingekocht
Lucio: Vorstöße wirkungslos, Abwehrversuche wirkungsvoll
Juan: Passt. Nur: Wieso klärte er vor dem 1:2 zur Ecke? Einwurf wäre leichter zu verteidigen gewesen

Bastos: Ließ Robben im ersten Durchgang keinen Freiraum, was diesen sichtlich ärgerte, nach der Gelben in einer unangenehmen Lage und sicherheitshalber ausgetauscht

G. Silva: Spielte, was er kann
F. Melo: Gefiel mir anfangs ganz gut, bereitete sogar den Treffer vor, verschuldete dann aber den Ausgleich mit, ging beim 1:2 nicht zum Kopfball und flog wegen einer absolut unnötigen Dummheit vom Platz

Alves: Naturkatastrophe
Kaka: Wurde weiters oben bereits besprochen. Einige seiner Schüsse gefielen mir gut, andere Pässe wiederum überhaupt nicht
Robinho: Mit Freiraum im Rücken im ersten Durchgang der beste Mann auf dem Feld, danach musste selbst er hinten aushelfen, was eine entsprechend

Fabiano: Schlichtweg schlecht

NIEDERLANDE:

Stekelenburg: Entweder gingen Schüsse daneben oder wurden erst gar nicht abgegeben, hatte also nicht wirklich viel zu halten

van der Wiel: Dass er immer wieder Robben überlief, war mutig, brachte ihm aber im ersten Durchgang einige Schwierigkeiten – nach dem Seitenwechsel belohnte er sich selbst mit dem einen oder anderen guten Vorstoß
Heitinga: Sehr solide
Oijer: Solider als gedacht
van Bronckhorst: Des Robbens Albtraum

de Jong: Humorlos, genau wofür er gedacht ist, mehr aber auch nicht
van Bommel: Hatte seine Glanzmomente – oh Wunder – ausschließlich in der zweiten Spielhälfte

Robben: Zu Genüge besprochen
Sneijder: Bewies einmal mehr, dass er zu den komplettesten Spielern des Planeten gehört – vorne wie hinten, in Passspiel und Abschluss und überhaupt top
Kuyt: Nutzte das Maicon-Loch einige Mal aus, seine Stärken liegen aber vor allem in der Defensive – dort machte er aber auch gestern eine herausragende Partie

van Persie: Irrsinnig ungeschickt, im 16er ein Fremdkörper, wegen seiner Laufbereitschaft aber trotz allem ein wertvoller Spieler

Beitrag stammt vom: 5. Juli 2010 – 22:11 Uhr

[KOMMENTAR] Jein zum Videobeweis

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Der gestrige Sonntag wird wohl als einer der düstersten Tage der WM2010 in die Geschichte eingehen: Bei beiden Begegnungen hatten die Schiedsrichter ihre Pfeifen im Spiel, ja, vielleicht sogar über Sieg oder Niederlage entschieden. Der dseitlhuber – sportblog wird sich nie für den Videobeweis an sich aussprechen, kann gewisse Dinge allerdings nichts desto trotz nur schwer nachvollziehen.

Mexiko und England hatten Pech, Argentinien und Deutschland nicht – im Gegenteil. Pech insofern, als die Schiedsrichter nicht in der Lage zu sein schienen, Konzentration zu bewahren oder Situationen korrekt zu beurteilen und entsprechend katastrophale Entscheidungen trafen. Im Falle Mexikos bedeutete dies, dass ein Linienrichter – eigentlich recht ordentlich platziert – eine offensichtliche Abseitsstellung nicht angezeigt und der Maradona-Elf den Weg zum Aufstieg geebnet hat.
Rund vier Stunden zuvor war den Deutschen eine unrühmliche Art der “Revanche” (ich verabscheue das Wort, aber die deutsche Sprache hat leider kein besseres zu bieten) für das Wembley-Tor gelungen – einen klaren Treffer von Frank Lampard aberkannte das Schiedsrichter-Trio fälschlicherweise, der stramme Schuss des Briten hatte die Torlinie meilenweit passiert.

Diese zwei Szenen nahm die Weltöffentlichkeit zum Anlass, den Videobeweis mal wieder stürmisch zu fordern, ohne Fehlentscheidung hat man für gewöhnlich keinen Anlass dazu. Wenn sich jemand gegen die Technologie ausspricht, wird er, wie etwa Günther Netzer, schief angeschaut und belächelt. Ich persönlich stehe dem Videobeweis ebenfalls kritisch gegenüber, Dinge wie ‘Challenges’ sind für mich undenkbar: Einerseits wünscht man sich flotte Spiele, weniger Unterbrechungen und andererseits begrüßt man längere Pausen, die durch den Videobeweis zweifelsohne entstünden. Meine Meinung: Was beim Tennis mittlerweile gang und gäbe ist, würde den Fußball viel seines Charmes verlieren lassen.
Den Chip im Ball lehne ich ebenso ab – vergleicht man den Aufwand mit dem Nutzen, schneidet diese ultramoderne Variante mehr als nur schlecht ab.

Dennoch fordere ich Veränderung. Sofern nötig auch durch Videoaufzeichnungen. Freilich nicht im Sinne von ‘Challenges’ oder sonstigem Nonsens, ich spreche vielmehr von Hilfsmitteln, die in extremen Momenten Gerechtigkeit gewährleisten sollen. In meinen Augen entbehrt es sich jeder Logik, dem Schiedsrichter fatale Fehlentscheidungen nicht per Mikro mitzuteilen, ja, noch mehr, ihn sogar von Vidi-Walls fernzuhalten.

Als “schweren Fehler, der nicht nochmal geschehen darf” bezeichnete übrigens ein FIFA-Sprecher die Vorkommnisse beim ersten Treffer Argentiniens. Doch nein, nicht etwa wegen der Fehlentscheidung des Referees, sondern tatsächlich aufgrund der Video-Wall, die Publikum und Spielern die Wahrheit offenbarte (die FIFA-Regularien verbieten dies nämlich, Anm.). Schiedsrichter Rosetti (von dem ich bis gestern eigentlich eine sehr hohe Meinung hatte) stellte sich sowieso blind, bedachte brav die sinnentleerten Statuten und gab einen Treffer, um dessen Irregularität er zu diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich bereits selbst bescheid wusste. Das, und nichts anderes, ist der eigentliche Skandal des gestrigen Tages – Fehler und Ungerechtigkeiten passieren, aber Fehler und Ungerechtigkeiten können sicherlich reduziert werden. Allein der diesbezügliche Wille scheint Blatter & Konsorten zu fehlen.

Was ich im konkreten fordere, sind fähige Leute, die hinter Monitoren sitzen, das Spiel verfolgen und in Ausnahmesituationen eingreifen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Weiters wäre es wichtig, auch im Schiedsrichterwesen das Leistungsprinzip einzuführen – sprich: schwache Leistungen zu bestrafen. Schließlich wäre der oft gebrauchte Vergleich zwischen Schiedsrichtern und Spielern (meist “Auch Spieler machen Fehler, nur regt sich da niemand so auf” formuliert) erst dadurch zulässig, schließlich wird sich jeder Profi in der Regel für vergebene Torchancen, Abspielfehler oder BlackOuts (man frage einfach Osorio) zu verantworten haben – nicht so die Schiris, die vom Fußballweltverband Narrenfreiheit gewährt bekommen.

Dass FIFA-Präsident Joseph Blatter von mehreren hochrangigen Aufklärungsautoren (einer darunter ist Declan Hill, der im Rahmen seiner Untersuchungen für ‘Sichere Siege’ auf belastendes Material gestoßen sein will) Kontakte zu Spielmanipulatoren nachgesagt werden, habe ich hier, der Unschuldsvermutung wegen, außen vor gelassen… Was aber nicht heißt, dass der Leser nicht auch dahingehend die Ohren steif und die Augen offen halten sollte.

Beitrag stammt vom: 28. Juni 2010 – 18:41 Uhr

[WM2010] Eine Taktik macht noch keinen Weltmeister

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Spätestens seit der vorgestrigen Partie sollte klar sein, dass Brasilien mit Carlos Dunga einen herausragenden Taktiker auf der Bank sitzen hat und unter normalen Umständen nur schwer zu schlagen sein wird. Kakas Formtief könnte der ‘Selecao’ in Verbindung mit der Verletzung Elanos dennoch den Weltmeistertitel kosten.
Die Elfenbeinküste machte ein solides, typisch afrikanisches, Spiel, ohne die Brasilianer auch nur kurzzeitig gefährdet zu haben.

Brasilien und die Elfenbeinküste lieferten sich vorgestern ein Duell, welches eigentlich genau wie erwartet verlief: Die Afrikaner bauten gegen die favorisierten Brasilianer auf ein 5er-Mittelfeld und ihre gewohnt kampfbetonte Spielweise, während der Gegner durch individuelle Klasse und ein ausgeklügeltes System zu überzeugen wusste.

Elfenbeinküste: Passabel, wenngleich ohne Überraschungsmomente
Bei den ‘Elefanten’ ersetzte der am Ellbogen verletzte Didier Drogba den wieselflinken Gervinho, wobei Drogba die Mittelstürmerposition einnahm und Dindane stattdessen in die Gervinho-Rolle wich. Die Entscheidung Gervinho auf die Bank zu setzen, ist mir in keinster Weise nachvollziehbar, war er gegen die Portugiesen schließlich noch einer der besten seiner Mannschaft gewesen. Dass die Ivorier ohne ihn zwar solide, aber praktisch ohne Durchschlagskraft auftraten, überraschte daher nicht wirklich.
Ansonsten nahm Sven Göran Eriksson keine personellen Umstellungen gegenüber der Vorwoche vor – und auch das System glich jenem gegen Portugal, mit der einzigen Ausnahme, dass Kalou und Dindane deutlich mehr Defensivaufgaben zu erfüllen hatten.

Elfenbeinküste

Brasilien: Weltmeisterliches System mit potentiellem Personalproblem
Carlos Dunga übernahm sowohl die elf Spieler, als auch das taktische Konzept vom Spiel gegen Nordkorea nahtlos. Der ständige Wechsel zwischen 4-4-2 und 4-2-3-1 war gestern trotzdem nicht so klar erkennbar, wie noch vor einigen Tagen. Der Grund: Elano, der seine Rolle diesmal etwas zentraler interpretierte, vermutlich um Maicon etwaige Vorstöße noch leichter zu gestalten. Ansonsten agierten die Südamerikaner gewohnt abgeklärt, durch die technisch limitierte Doppelsechs im Spielaufbau zwar etwas zu durchsichtig, aber alles in allem eines künftigen Weltmeisters würdig.

Brasilien

Die Grafik erklärt, nochmals und hoffentlich verständlich, wie das Konzept Dungas aussieht: Bei Ballbesitz des Gegners rückt Robinho neben Fabiano in den Sturm, dahinter steht Kaka, wiederum dahinter Elano halbrechts und Melo halblinks und schließlich der Abräumer Gilberto Silva – ein klassisches 4-4-2 mit Raute, das es dem Gegner möglichst schwierig gestalten soll, einen geordneten Spielaufbau zustande zu bringen – was gegen die Elfenbeinküste auch ausgezeichnet funktioniert hat.
Sobald man selbst den Ball hat, bewegt sich Robinho Richtung linker Flügel, während Elano sich nach Rechts orientiert und Maicon zeitgleich bis weit über die Mittellinie hinausstürmt. Felipe Melo bleibt fast wie angewurzelt stehen und bildet in der Folge die Doppelsechs mit Gilberto Silva – et voila, im Nu ist aus dem 4-4-2 ein extrem offensives 4-2-3-1 geworden. Hauptsächlich finden die Angriffsbemühungen der ‘Selecao’ über Links, also Robinho, statt, wobei natürlich auch Maicon entsprechend mit Bällen gefüttert wird.

Neben zahlreichen Vorstößen Lucios – Gilberto Silva sichert in diesem Fall für ihn ab – war gestern auch oft eine Art Dreiecksbildung zwischen Kaka, Robinho und Luis Fabiano zu erkennen. Das erste und zweite Tor waren keineswegs glücklich, sondern vielmehr das Resultat eines raffinierten Tricks: Sobald Kaka, Robinho oder Fabiano den Ball hat, bewegen sich die drei aufeinander zu, um den Gegner mit Kombinationen auf engstem Raum zu überwältigen (siehe 1:0) beziehungsweise einfach, um Gegner an sich zu binden und dem Ballführenden Freiraum zu schaffen (siehe 2:0).

Man liest: Ich bin ein großer Fan der brasilianischen Spielweise, Carlos Dunga ist in meinen Augen der fähigste Chef-Coach aller 32 WM-Teilnehmer und Brasilien folgedessen der logische Weltmeister. Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass der Weltmeister Brasilien heißen wird. Gründe sind einerseits die absolute Unform Kakas (die durch die rote Karte nicht unbedingt zu einer guten Form werden wird) und andererseits das mögliche Ausscheiden Elanos.
Die Kaka-Position wird sich gegen defensivstarke Mannschaften als äußerst wichtig herausstellen, da Melo und Silva alleine überhaupt nichts zuwege bringen und die Außenverteidiger, Bastos und Maicon, auch relativ leicht auszurechnen sind – ein Spielmacher außer Form könnte tatsächlich zu stockendem Spielaufbau führen; möglicherweise ärgert sich Dunga mittlerweile, Diego nicht mitgenommen zu haben. Noch schmerzhafter wäre vermutlich dennoch eine langfristige Verletzung von Elano, dem halbrechten Mittelfeldspieler. So wie er seine Rolle interpretiert – in all ihrer Tiefe, wo jeder Laufweg perfekt sitzt, wo er sich um keinen Meter zu schade ist – werden es vermutlich gut eine Hand voll Spieler rund um den ganzen Globus verstreut können – unglücklicherweise befindet sich aber kein einziger davon im brasilianischen 23-Mann-Kader. Optionen wären Dani Alves, der (aus Gewohnheit, weil Rechtsverteidiger bei Barcelona) dazu neigt, Maicon durch zu weites Abdriften auf die rechte Seite Platz wegzunehmen, und Ramires, der den Stammplatz auf der Elano-Position inne hatte, ehe er nach mäßigen Auftritten von eben diesem ersetzt wurde.

Zusammenfassend
Die Elfenbeinküste verteidigte recht ordentlich, brachte viele Spieler hinter den Ball und erzielte immerhin den Ehrentreffer. Letztendlich muss man anerkennen, an einer taktisch hervorragenden Mannschaft gescheitert zu sein. Wie sich die ‘taktisch hervorragende Mannschaft’ im Laufe des Turniers schlagen wird, ist momentan noch nicht absehbar und dürfte vor allem mit der Form eines Kakas und der Verletzung (bzw. Nicht-Verletzung) von Elano verknüpft sein – wie gesagt: Ein würdiger Weltmeister wären sie allemal.

Beitrag stammt vom: 21. Juni 2010 – 20:18 Uhr

[WM2010] England enttäuschte nicht

3 Kommentare

England war gegen Algerien, wie schon gegen die USA, zeitweise enorm hilflos. Einer erfolgreichen WM-Quali könnte nach dem Unspiel gegen Algerien das frühe Vorrunden-Aus folgen. Warum das Unspiel bereits eine Stunde vor dem Anpfiff feststand, wieso es tatsächlich zustande kam und wie man es vermeiden hätte können

Fabio Capello ist zweifelsohne ein Fachmann. Für meine Begriff mit Sicherheit ein außerordentlich guter Trainer. Das kleine Debakel, das seine Mannschaft gegen Algerien erfuhr, geht dennoch großteils auf seine Kappe.

Englands geplante Versäumnisse
Wir schreiben den 18. Juni 2010, es ist 19:14 Uhr: Die FIFA gibt die Startaufstellung Englands und jene des Gegners bekannt. Selbst ohne Algerien übermäßig gut zu kennen, ließ sich anhand der Formation der Spielablauf erahnen.

England

Allein die 3er-Abwehr Algeriens versprach für England nichts gutes: Drei-Mann-Abwehrketten sind gegen 4-4-2s unheimlich wirkungsvoll, da sich die beiden äußeren Innenverteidiger, im Falle Algeriens Bougherra und Yahia, mit jeweils einem der beiden Stürmer beschäftigen können und im Falle des Falles noch immer der dritte Innenverteidiger absichern kann. Weitaus schwieriger fällt es einer 3er-Abwehr gegen ein 4-5-1/4-3-3: Der mittlere Innenverteidiger kümmert sich um den Mittelstürmer, die beiden anderen um die Flügelstürmer – ergibt in allen drei Fällen Eins-gegen-Eins-Situationen, die unbedingt vermieden werden müssen.

Algerien

In meinen Augen hätte Fabio Capello Courage zeigen müssen, in der Halbzeit auf die schwache Darbietung seiner Mannschaft reagieren und die Taktik entsprechend verändern sollen – sprich: Heskey raus, linker Mitttelfeldspieler rein, Barry auf die 6er-Postition beordern und ein 4-1-4-1 aufbieten. Man hätte sicherlich mehr Verwirrung stiften können, als man es letzten Endes getan hat.

Weiters war absehbar, dass Gareth Barry und Frank Lampard in ihrer Rolle nichts bewirken werden können. Yebda, Lacen und Kadir (der mit Steven Gerrard überhaupt keine Mühe hatte) standen äußerst tief, die 3er- bzw. (bei Angriff des Gegners) 5er-Kette machten die Räume zusätzlich eng, wodurch ihnen meist nur der hohe Ball auf Heskey oder ein hilfloser, horizontaler Pass übrig blieb. England brachte es einfach nicht zuwege, Frank Lampard in die Nähe des gegnerischen Tores zu bringen, von eine durch Zufall entstandenen Torchance kam er zu keiner einzigen Gelegenheit, während er im Liga-Alltag zu den torgefährlichsten Mittelfeldspielern zählt.

England - Algerien

Am Mangel an Kreativität im zentral-englischen Mittelfeld konnte auch Steven Gerrard nichts ändern. Angriffsbemühungen fanden daher fast ausschließlich durch hohe Zuspiele auf Emil Heskey und dessen Ableger statt, worauf die Algerier jedoch bestens eingestellt waren. Als dementsprechend schwierig erwies sich das Unterfangen Spielaufbau, zumal, wie gesagt, eigentlich nur ein einziges Schema verwendet wurde.

Mit Fortdauer des Spiels sah man Wayne Rooney, der zuvor kaum Bälle gesehen hatte, hauptsächlich rund um den Mittelkreis herum, nicht aber dort, wo er normalerweise zu stehen hat. Der ManU-Stürmer wollte helfen, bewirkte aber rein gar nichts – im Gegenteil. Steven Gerrard hatte niemanden, mit dem er Dreieck hätte spielen können (siehe England-Grafik; Lampard – Gerrard – Rooney sollten den Ball im Dreieck zirkulieren lassen, Anm.), Heskeys Ableger fanden noch seltener einen Abnehmer als zuvor.

So konnte Algerien sein 3-4-2-1-System seelenruhig durchziehen – und dabei sogar die eine oder andere Konterchance fabrizieren. Bei den Nordafrikanern überzeugten insbesondere Matmour, (etatmäßiger Solo-Stürmer, welcher aber eher wie ein zentral offensiver Mittelfeldspieler agierte) der Barry früh störte und bei Gegenstößen die zentrale Anspielstation war, sowie Wolfsburg-Dribblanski Ziani und der linke Mittelfeldspieler Belhadj. Letzterer hatte insofern leichtes Spiel, als Aaron Lennon einen rabenschwarzen Tag erwischte und falsch machte, was man falsch machen kann: Capello hatte Walcott aus dem Kader eliminiert, weil dieser viel zu oft nach innen zog und das Spiel damit unnötig eng machte… und was tat Lennon gestern? Er machte einen auf Walcott. Dass er nach der Halbzeit nicht wieder das Feld betrat, verwunderte nicht.

Ebenso schlecht erging es Glen Johnson, der mit Ziani Müh und Not hatte, und bei Vorstößen meist an seinen limitierten ballesterischen Fähigkeiten scheiterte. Sein Gegenüber, Ashley Cole hätte ursprünglich das Gerrard-Loch füllen sollen, behielt seine Position allerdings bei – vermutlich aus Angst vor Gegenstößen der Wüstenfüchse.

John Terry lieferte eine passable Leistung ab, während Jamie Carragher in einigen Szenen die Nerven einen Streich gespielt zu haben schienen.

Zusammenfassend
Beckenbauer hat nicht ganz unrecht, wenn er von “Steinzeitfußball” und “Kick&Rush” spricht. Capello zwingt seinen Spielern eine Taktik auf, die sich für eine WM-Endrunde einfach nicht eignet. Der Misserfolg war absehbar, deswegen hat England eigentlich auch nicht enttäuscht. Sollte Capello dennoch auf seiner Spielweise beharren (Warum wird Carrick zum Beispiel nicht einmal eingewechselt, obwohl er genau der Typ Spieler wäre, den es bräuchte?), so wird sie – so weit lehne ich mich aus dem Fenster – gegen die taktisch genialen Slowenen zum Aus führen.

Algerien kann hingegen stolz sein, müssen vielleicht aber auch einer Jahrhundertchance nachtrauern, fand man über 90 Minuten doch einige Einschussmöglichkeiten vor. Im Aufeinandertreffen mit den US-Amerikanern wird man es mit einem ähnlichen System wie es die Engländer (4-4-2, Doppelsechs, eine hängende Spitze, Anm.) praktiziert haben, aber sicherlich mehr Leidenschaft zu tun bekommen – der Ausgang daher für mich völlig offen.

Beitrag stammt vom: 19. Juni 2010 – 20:11 Uhr

[WM2010] Bläser, Taktiker und Aufsteiger

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Mittlerweile hat jede Nation mindestens einmal gespielt, manche bereits zweimal – Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Was war von der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika nicht alles erwartet worden? Ausgesprochen viel, egal ob im positiven oder negativen Sinne. Leere Stadien, unaufhörliches Vuvuzela-Getröte, gewohnt dürftige Schiedsrichterleistungen (welch Ironie: während ich diese Zeilen tippe, wird den US-Amerikanern ein regulärer Treffer aberkannt…) und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen erwarteten sich Pessimisten (und Realisten), von Zauberfußball, offenen Visieren und torreichen Begegnungen sind kühnste Optimisten ausgegangen.

Taktik
Dass sich deren Hoffnungen nicht bewahrheiten würden, war bereits im Vorhinein klar, mit dem einen oder anderen Tor mehr durfte man dennoch rechnen. Nachdem jede Nation ein Spiel absolviert hatte, stand ein Torschnitt von 1,56 zu Buche – zum Vergleich: Die letzte WM hatte nach allen 64 Partien durchschnittlich 2,30 Tore aufzuweisen, 1994 waren es gar noch 2,71 Treffer pro Spiel. Diese – manche sprechen von einer unangenehmen – Entwicklung ist leicht erklärt: Zum einen geben sich die meisten WM-Teilnehmer in Auftaktpartien in der Regel mit Unentschieden zufrieden (zumindest, wenn für einen Sieg übermäßig viel Risiko nötig wäre), andererseits hat sich der Fußball seit 2006 taktisch enorm weiterentwickelt:

Das 4-4-2 wurde längst vom 4-2-3-1 abgelöst, 6er nehmen völlig neue, universelle, Rollen ein und 3er-Ketten sind vor allem bei schwächeren Teams wieder in Mode gekommen. 6er sind Gift für Torfestivals, eben weil sie so effektiv geworden sind, das 4-2-3-1 nimmt den Außenverteidigern die Räume (und macht Flügelspiel daher immer ungebräuchlicher) und eine 3er-Abwehr, wie sie etwa Mexiko in Perfektion praktiziert, ist irrsinnig schwer zu durchspielen.

Die Mehrheit bedauert diese Entwicklung, sehnt vergangene, torreiche Tage herbei. Grundsätzlich stehe ich dem Ganzen relativ neutral gegenüber: Der Fußball hat sich nunmal kommerzialisiert, die Taktik rückt dadurch mehr und mehr in den Vordergrund und Tore werden langsam zur Rarität. Dennoch bereitet einem die WM fußballerisch viel Freude, inbesondere wenn man, wie ich, Taktik-Fanatiker ist. Sieht man die Elfenbeinküste in der 93. Spielminute einen Eckball kurz ausführen, fragt man sich aber sehrwohl, wohin der Weg den Fußball führt.

Überraschungsteams
Besonders positiv fielen mir die Mexikaner mit ihrem anpassungsfähigem 3-4-3 sowie die Chilenen durch ansehliches Kurzpassspiel auf. Von den Favoriten wussten die Brasiliener (gegen Nordkorea muss man erst mal zwei Tore erzielen), Argentinien (auch wenn sehr auf Messi fixiert) und mit Abstrichen auch Deutschland (man wird sehen, ob sich das Serben-Match als Ausrutscher erweist) und die Niederlande zu überzeugen.

Dass Raymond Domenechs Frankreich in der Quali Probleme hatte, wusste man, aber ein Vorrunden-Aus, welches mit ziemlicher Sicherheit eintreten wird, hatte ich nicht erwartet.

Entdeckungen
Galatasarays Giovani dos Santos, Michael Bradley (ein unheimlich kompletter Kicker) und Chiles Flügelflitzer Alexis Sanchez erwiesen sich als ausgezeichnete Fußballer. Zudem konnten Spieler wie Montolivo (Italien), Inler (Schweiz) oder Chu-Young Park (Südafrika) die Öffentlichkeit endgültig von ihrer enormen Qualität überzeugen. “Entdeckungen” sind sie nicht wirklich, aber Neuankömmlinge im Kreise der Weltklassespieler allemal: Sami Khedira und Mesut Özil. Zwei begnadete Kicker, die dem Turnier vermutlich noch ihren Stempel aufdrücken werden.

Rundherum
Abseits des Feldes passiert wenig. Mal ist der ‘Jabulani’ im Kreuzfeuer der Kritik, andernmal büchsen einige Nordkoreaner aus dem Mannschaftshotel aus, aber im großen und ganzen dominiert ein Thema: Die Vuvuzelas. Zugegeben: Das scheußlich klingende Blasinstrument hat weder was mit südafrikanischer Kultur zu tun – schließlich ist es ein reines Kunstprodukt –, noch trägt es irgendwie zu guter Stimmung im Stadion bei. Wirklich anstrengend sind trotz allem eigentlich nur die ständigen Diskussionen darüber – die westliche Welt hat sich mit den Begebenheiten abzufinden, so schlimm wie dargestellt sind sie in meinen Augen/Ohren nun auch wieder nicht.

Beitrag stammt vom: 18. Juni 2010 – 18:46 Uhr

[WM2010] Die Großen

1 Kommentar

Zwei Namen werden rund um den Globus, von Jung bis Alt, von Gelegenheitsfußballschauern, über fanatische Fans bis hin zu “Experten” und echten Experten genannt: Der eine ist Spanien und der andere Brasilien. Gut möglich, dass sich am Ende einer der beiden den WM-Titel sichert.

SPANIEN
- Zweiter der FIFA-Weltrangliste
- Gruppenerster der UEFA-Quali (mit 30 von 30 möglichen Punkten)

- von Vicente del Bosque zusammengestellt und trainiert


Was Louis Aragones aus dem Nichts erschuf, muss Vincente del Bosque demnächst aufbieten: Eine Mannschaft, die ein Großevent gewinnen kann. Nach zehn Siegen in zehn Quali-Spielen legte man sich die Messlatte schließlich selbst noch höher, als sie es ohnehin schon war – alles andere als nach der EURO auch bei der Weltmeisterschaft in Südafrika den Pokal zu stemmen, wäre vermutlich – im eigenen Land, wie auch für Spanien-Sympathisanten aus aller Welt – eine herbe Enttäuschung. Spätestens seit der Auftaktniederlage gegen die …
… nein, dazu erst später mehr.

Del Bosques Konzeption
Del Bosque hat dem EM-System gewissermaßen abgeschworen, freilich ‘Tiqui Taca’ beizubehalten versucht, im Grunde aber auf ein 4-2-3-1 umgestellt. Während im Europameisterschaftsendspiel noch Francesc Fabregas und Xavi Hernandez die Fäden zogen, ist unter del Bosque ersterer nicht mehr sonderlich gefragt und Xavi daher alleiniger Spielmacher – womit ich beim ersten Kritikpunkt angelangt wäre:

Bitte nicht fehlinterpretieren, nichts gegen Xavi – tatsächlich ist er der gegenwärtig Beste auf seiner Position, dem zentralen Mittelfeld –, aber bei Spanien spielt er nunmal nicht in seiner Rolle. Xavi war nie einer, der imstande war, ein Spiel alleine zu lenken, sich ein Herz zu nehmen wenn der Mannschaft nichts gelingen will, eben alles was zu einem ZOM gehört.

Bei Barcelona stieg er erst mit Guardiolas System – sprich: Andres Iniesta direkt neben ihm – zum Weltstar auf, zuvor hatte ihm immer ein etwas impulsiverer Spielertyp an seiner Seite gefällt. Selbiges im spanischen Nationalteam, wo es, wie bereits angesprochen, bei der EURO Fabregas gab und Xavi bestenfalls Co-Spielmacher war. Die Stärken des mittlerweile 30-Jährigen liegen einfach woanders: Aus einer tiefen Position im Mittelfeld heraus verteilt er die Bälle horizontal, spielt bei Gelegenheit geniale Lochpässe, spult Kilometer um Kilometer ab, ist in der letzten Phase des Spielaufbaus allerdings praktisch nie eingebunden – einfach, weil ihm die Dynamik fehlt. Und ja, so gesehen wundert es nicht, dass Xavi gegen die Schweiz wenig seiner ungemeinen Klasse zeigen konnte.

Zugegeben: Ganz alleine ist Xavi natürlich nicht. Wenn ein Angriff gerade in den Kindesschuhen steckt, sich der Ball also ungefähr um die Mittellinie herum befindet, ziehen Iniesta und Silva oft in die Mitte, um dort ein Übergewicht zu bewirken. Zudem ist natürlich auch die Doppelsechs – Sergio Busquets, Xabi Alonso – am Spielaufbau beteiligt. Ab einem gewissen Grad (gegen defensiv orientierte, aber hoch verteidigende Mannschaften – wie etwa die Schweiz eine war – kommt er früher, gegen andere etwas später) findet sich Xavi jedoch ziemlich auf sich alleine gestellt wieder, vom etwas offensiveren der beiden 6er, Xabi Alonso, und mit Abstrichen Andres Iniesta, abgesehen, was sich wiederum negativ auf Solo-Stürmer David Villa auswirkt. Del Bosque wird sich diesbezüglich Gedanken machen müssen, denn Xavi kommt mit seiner momentanen Rolle, verständlicherweise, überhaupt nicht zurecht.

Ein weiterer interessanter Aspekt in del Bosques Konzept sind die Laufwege der beiden Flügelspieler: David Silva, Linksfuß, ist unter del Bosque nomineller RM, doch in Wahrheit wie bei Valencia als linker Flügelspieler angedacht – gestern fand man ihn geschätzte zwei Mal auf der rechten Seite. Derweilen läuft Andres Iniesta, nomineller LM, auf einer Art ‘Achse’ (siehe Grafik unten, Anm.) immer und immer und immer wieder die selben Laufwege ab, was es dem Gegner schwierig macht, sich auf ihn einzustellen.

Den Raum, der sich durch Silvas Ausweichen auf Links ergibt – und wir sprechen hier von einem sehr, sehr großen Raum, je nach Verschieben der Viererkette bis zu 30 Metern –, versucht unterdessen Sergio Ramos für seine gefürchteten Vorstöße zu nutzen. Hierbei agierte er gegen die Schweiz (vermutlich auf Anraten des Teamchefs) meiner Meinung nach jedoch viel zu vorsichtig. Vorsichtig insofern, als Ziegler (Linksverteidiger der Schweiz, Anm.) einige Male aus der Viererkette hinaus verschieben musste, um ein Loch im Mittelfeld zu stopfen, der Real Madrider den dadurch eröffneten Raum aber nie (mit einer einzigen Ausnahme, die auch prompt torgefährlich wurde: Ramos traf immerhin das Außennetz) wirklich füllte. Möglicherweise wollte man den Schweizern unter keinen Umständen Konterchancen ermöglichen, was grundsätzlich ja auch ratsam ist. Angesichts der Unfähigkeit gegen die Schweiz Tore zu erzielen, hätten vermehrte Angriffsbemühungen Ramos’ dennoch mehr Positives als Negatives mit sich gebracht, wie ich finde.

Auftaktniederlage gegen die Schweiz

Startelf + bevorzugte Laufwege:


* Anmerkung zur Grafik:
Silva war überwiegend auf der linken Seite tätig, was grafisch jedoch nur sehr schwer darzustellen gewesen wäre


Um anzuknüpfen, wo ich zu Beginn abgesetzt habe: Spätestens seit der Auftaktniederlage gegen die Schweiz, weiß man um die Stärken und Schwächen der Spanier so ziemlich bescheid. ‘Tiqui Taca’ ist nach wie vor existent, vielleicht sogar noch perfekter als es jemals war, man spielt weiterhin den durchdachtesten, ansehlichsten Fußball, aber ansonsten beinhaltet das System zahlreiche Tücken: Beispielsweise gelang es den Spaniern überhaupt nicht, das Spiel – wie es gegen einen defensiven Gegner ratsam wäre – breit zu machen, viel zu oft befanden sich viel zu viele Spieler im Zentrum. Dementsprechend eng wurden die Räume und dementsprechend offensiver hätte man meiner Meinung nach vorgehen müssen – Sergio Ramos tat komischerweise das genaue Gegenteil. Wie es hätte gehen können, wenn der rechte Flügel entsprechend besetzt ist, zeigte in den Schlussminuten der eingewechselte Jesus Navas.

Darüberhinaus brachten es die Spanier äußerst selten zuwege, zentrale Mittelfeldspieler rund um Villa anzusammeln, was hauptsächlich mit der oben analysierten Xavi-Problematik zu tun hat und unbedingt behoben werden muss, sofern man das Turnier als Weltmeister verlassen will. Anbieten würde sich hierfür Cesc Fabregas, der wie gemacht für die ZOM-Position wäre. Möglicherweise wird del Bosque gegen Honduras und Chile auf ihn zurückgreifen, Xabi Alonso oder Sergio Busquets stattdessen auf die Bank setzen und letzten Endes doch zum altbewährten 4-1-4-1 zurückkehren.

Wenn nicht, wird sich Spanien gegen defensiv starke Mannschaften weiterhin sehr schwer tun, was aber nichts daran ändert, dass man mit diesem Spielermaterial und dieser Art Fußball zu spielen trotz allem einer der Top-Kandidaten auf den Weltmeistertitel ist.


BRASILIEN
- Erster der FIFA-Weltrangliste
- von Carlos Dunga zusammengestellt und trainiert

- Gruppenerster der CONMEBOL-Quali


Aufstellung gegen Nordkorea + bevorzugte Laufwege:


Dungas Konzept
Wenn es eine Auswahl gibt, die Spanien in Normalverfassung schlagen kann, so ist es definitiv die brasilianische. Was viele als fad, fad und unkreativ bezeichnen, ist in Wahrheit bis ins kleinste Detail durchdacht und wird sich im Laufe der WM zudem als Augenweide herausstellen. Die Brasilianer verstehen es unter Dunga wie kein anderes Team, blitzschnell zwischen zwei Systemen zu wechseln: Während bei Ballbesitz des Gegners ein klassisches 4-4-2 mit Raute zu erkennen ist, ergibt sich bei eigenen Angriffen sofort ein 4-2-3-1 daraus. Interessant sind dabei insbesondere die Rollen von Robinho, der ständig zwischen LS und LM wechselt, und Elano. Letzterer erfüllt die vermutlich laufaufwändigste Position der Gegenwart: Bei Angriffen des Gegners arbeitet er im zentral defensiven Mittelfeld, bei Angriffen Brasiliens findet man ihn plötzlich auf dem rechten Flügel. Nicht umsonst gilt es als unmöglich, diese Rolle über 90 Minuten hinweg auszufüllen.

Die wichtigsten zwei Bausteine in Dungas Taktik dürften dennoch die beiden Außenverteidiger, Bastos und Maicon, sein. Bastos, bei Lyon im LOM eingesetzt, wurde von Dunga zum Außenverteidiger umfunktioniert, bekommt als solcher aber ausgesprochen viele Freiheiten nach vorne – im Gegensatz zu seinem Gegenüber Maicon erweisen sich seine Vorstöße allerdings selten als wirkungsvoll, da ihm Robinho, einfach weil er da ist, enorm viel Platz wegnimmt (siehe Grafik; die weiße Ellipse zeigt in etwa den Raum, der Bastos durch Robinho genommen wird, Anm). Maicon hat es auf Rechts wesentlich leichter, da Elano meist ein paar Meter zentraler spielt als ein typischer RM, damit natürlich den Linksverteidiger des Gegners an sich bindet, und dem Inter-Verteidiger somit Raum und Zeit ermöglicht.
Bei Vorstößen von Maicon und/oder Bastos wird Gilberto Silva übrigens zum Innenverteidiger und die 4er- plötzlich zu einer 3er-Kette.

Zusammenfassend
Brasiliens größtes Problem ist mit Sicherheit die fehlende Ballzirkulation: Technisch limitierte Akteure wie Gilberto Silva führen den Ball von haus aus länger, Robinho ist ohnehin für Sinnlos-Dribblings bekannt und Kaka fehlt momentan die Ballsicherheit – Faktoren, die gegen Mauergegner wie Nordkorea rasch zu Ideenlosigkeit und in weiterer Folge zu Standfußball führen. Überhaupt war das Spiel gegen die Führer-Auswahl ein guter Gradmesser für die Stärke Brasiliens: Man wird schöne Tore, ein ausgeklügeltes 4-1-2-1-2/4-2-3-1-System, Dominanz im Mittelfeld, sehenswerte Vorstöße der Außenverteidiger, aber auch Unbeholfenheit zu sehen bekommen – je nachdem ob letztendlich das Positive oder das Negative überwiegt, wird die WM für Brasilien den Titel oder ein frühes Ausscheiden bringen.

Beitrag stammt vom: 17. Juni 2010 – 17:50 Uhr

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