Die KRONE verhätschelt das Hirn des Lesers, regt es selten zum Nachdenken an. Soweit wenig verwunderlich, der populistische Artikel bezüglich der gestrigen Auslosung war absehbar. Dass die breite Masse selber Meinung ist, Österreich mal wieder in einer Horrorgruppe sieht, verwundert, ist schade.

Das Klischee vom immer, immer wieder melancholischen Österreicher
Österreich ist arm, vermeintlich zumindest. Quasi jedesmal wenn gelost wird, ist im Nachhinein gewiss, dass Österreich mal wieder ein Horrorlos gezogen worden wäre. Freilich auch gestern wieder, es hätte nicht schlimmer kommen können, so will Boulevard, so wollen Pseudo-Fußballexperten wissen. Mit Deutschland hätte man das Schlimmstmögliche aufgetischt bekommen, Türkei sei das Maß aller Dinge – den Topf2 betreffend. Dazu kämen noch die äußerst unannehmlichen Reisestrapatzen in den Osten Europas, Kasachstan oder Aserbaidschan hätte man ganz gerne vermieden.
Liest man heute außerhalb des relativ raren Qualitätsjournalismus Zeitung oder steht man bloß gewöhnlich auf der Straße, spricht dort eventuell beiläufig die Auslosung an, fällt es Einem leicht das Klischee des melancholischen Österreichers für wahr zu halten. Während sich das Geschreibsel der Medien wohl auf dem Nicht-Angriffs-Pakt mit Constantini gründet, ist es doch verwunderlich, dass manch eingesessener Sportfanatiker von Traurigem, beinahe Unlösbarem spricht. Entweder, der Österreicher badet tatsächlich nur allzu gerne im Selbstmitleid, oder die Massenmedien haben ihre Wirkung schlicht und ergreifend nicht verfehlt.

Zugegeben haben all jene recht die von Unlösbaren sprechen, nur eben aus falschen Motiven heraus begründet. Nicht das Los, sondern der Lenker ist das, was von einer möglichen Qualifikation abhält. Mit Deutschland, der Türkei, Belgien, Kasachstan und Aserbaidschan hat Österreich in meinen Augen eine moderat schwierige Gruppe zugeteilt bekommen. Meinen Standpunkt versuche ich anhand einiger – hoffentlich einleuchtender – Beispiele zu begründen

  • Rang und Namen
    Bevor ich mich der momentanen Form, den Beziehungen zu Österreich, sämtlich zu berücksichtigen Themen widme, sei hier einfach mal an den puren Namen unserer Gegner gedacht. Mit Lieblingsfeind Deutschland bekommt es Österreich gewiss mit einem nahezu unbezwingbaren Gegner zu tun, der Weltranglisten-Sechste ist Kopf der Gruppe und wird dies wohl bleiben. Mit der Türkei bekam Österreich aus dem zweiten Lostopf einen guten, aber nicht überragenden Gegner. Seit der WM2002 ging es leicht bergab, das Auftrumpfen bei der EURO kann man nach der verpatzten WM-Quali wohl als letztes Ausrufezeichen behandeln.
    Belgien genoss einen äußerst guten Ruf, glitt zuletzt in tiefere Regionen ab. Doch der Ruf den sie heute haben, tut ihnen eindeutig Unrecht. Mit Talenten wie Defour und gestandenen Spielern wie van Buyten war Belgien vermutlich der schwerste Gegner aus Topf4. Topf5 und 6 brachten Aserbaidschan beziehungsweise Kasachstan – allesamt durschnittliche Schüler ihres Jahrganges, keinesfalls Klassenbeste.
  • Konkrete Siegchancen
    Wie bereits erwähnt sind die Deutschen einer der Top-Favoriten für sämtliche Groß-Events. Zwar gingen zuletzt die Wogen hoch, mit Löw verfügt man jedoch über einen Trainer, der Klinsmanns Philosophie weiterführt und über Kompetenz zu verfügen scheint. Es kommt den Österreichern zugute, dass die Deutschen wesentlich weniger zu verlieren haben als der oft verspottete Nachbar, trotzdem sind hier die Aussichten auf Punkte sehr gering. Trotzdem, Hand aufs Herz: Welcher der möglichen Topf1-Gruppengegner hätte Österreich denn besser zu Gesicht gestanden? Vermutlich nicht besonders viele.
    Gegen die Türkei wird es rein vom gesellschaftlichen Aspekt her zu einer feurigen Partie kommen. Die Emotionen rund um diese Partie sollten aber eher lokale Gruppierungen betreffen, als die Spieler am Fußballplatz. Daher kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren, beispielsweise auf den Teamchef, wo die Türkei momentan keinen hat. Nichts desto trotz verfügen die Türken über einen enormen Einsatzwillen und gute Techniker, stellt man den Anspruch sich qualifzieren zu wollen, müssen solche Gegner geschlagen werden. Vermeintliche Horrorgruppe hin oder her. Übrigens: Wieder Blick in die Lostöpfe, wieder Hand aufs Herz: Welcher Zweittöpfler fiele uns leichter? Bestenfalls die Griechen. Außerdem – und das ist nicht unerheblich – stehen die Türken im Ruf gegen schwächere Gegner überheblich aufzutreten und oft Punkte liegen zu lassen.
    Zu Belgien muss nicht viel weiteres gesagt sein, außer dass hier ein Teamchef mit Namen am Werk ist, Dick Advocaat. Mit ihm, der vorhanden Mischung aus Jung und Alt, sind die Belgier defnitiv die beste Mannschaft aus Topf4.
    Und Topf5, Topf6? Man berührt weder San Marino (leider), noch die Färöer (zum Glück). Es hätte uns durchaus schlechter treffen können, weder Kasachstan noch Aserbaidschan verfügen über herrausragende Charaktere oder ein prickelndes Kollektiv. Und mal wieder mit den Fingern gen Blutpumpe gegriffen: Ist das Argument der Reisestrapazen nicht eine billige Geschichte? Verhandelt der ÖFB in zwei Wochen in Frankfurt geschickt, verlegt man die Spiele gegen Kasachstan und Aserbaidschan eng aneinander. Außerdem gibt es kaum Gruppen, die vor großer geografischer Distanz untereinander verschont blieben.
  • Andere Gruppen zum Vergleich
    „Hilfe! Wir sind in der Todesgruppe“, titelte Christian Russegger selbstsicher. Wieso er mal wieder daneben liegt – Ein Vergleich:
    Gruppe C: Italien – Serbien – Nordirland – Slowenien – Estland – Färöer Inseln (Würdet ihr gerne Österreich mit Nordirland tauschen sehen?)
    Gruppe G: England – Schweiz – Bulgarien – Wales – Montenegro (Wäret ihr gerne Bulgarien?)
    Gruppe H: Portugal – Dänemark – Norwegen – Zypern – Island (Portugal, Dänemark, Zypern, Island – Leicher?)
    Alle anderen Gruppen sehe ich in etwa auf selbem Niveau wie die unsrige.

Was bleibt
Das Bruderduell mit Deutschland ist lustig, Topf2 meinte es halbwegs gut mit uns, Topf5 und 6 ersparte uns größere Komplikationen. Einzig Belgien bereitet (mir) Kopfzerbrechen. Vermutlich werden die Spiele gegen Advocaats Elf am Ende die Qualifikationsentscheidenden sein. Sollte es am Ende nicht für die Teilnahme in Polen und der Ukraine reichen, ist das kein Malheur, aber mit ein-hundertprozentiger Sicherheit nicht auf die „Todesgruppe“ aus der Auslosung zurückzuführen.

Artikel stammt vom: 8. Februar 2010 – 16:31 Uhr

Advertisements