Übermorgen trifft Österreichs einzig übrig gebliebener Vertreter Standard Lüttich. Die Spiele am 18. und 25. Februar gegen den momentan arg gebeutelten belgischen Vize werden für den FC Salzburg nicht interessanter als die Gruppenspiele sein, aber international doch die größte Wertigkeit seit dem Red Bull-Engagement davontragen

Man will Villareal oder Lazio Rom nicht unrecht tun, wenn man als Autor von einem „Spiel des Jahres“ spricht. Du bist dir freilich im Klaren, dass es ohne Jankos Fußspitze, Schiemers Kopfball oder Tchoyis Tanz vermutlich gar kein Lüttich gäbe, aber doch bist du dir sicher, dass die Spiele inmitten des Monats Februar sehr bedeutende werden könnten. Dann nämlich wenn Salzburg die Hürde Lüttich überspringt und das Achtelfinale erreicht. Umgekehrt wäre es natürlich recht bitter, würde man nach 6 Siegen aus 6 Gruppenspielen früh die Segeln streichen müssen. Egal wo die Reise für Österreichs Eurofighter hinführt, sie beginnt in einer Partie mit außergewöhnlichem Stellenwert.

Wenn Salzburgs Bullen morgen den Rasen des Dufrasne Stadions (Fassungsvermögen zirka 30 000) stürmen, sind sie sich – wie vermutlich jeder – um die herausragende Wichtigkeit der Partie gewiss. Immerhin geht es um den Ruf einer ganzen Fußballnation, die momentane Rentabilität des Projekts Red Bull und – für den einzelnen Spieler wohl am wichtigsten – nicht zuletzt um das kurzfristige Erreichen von Zielen und dem damit verbundenen Anschub an die eigene Karriere. Man kann nur mutmaßen, aber einem Andreas Ulmer zum Beispiel wäre ich keinesfalls böse, wenn er in der Nacht vor Lüttich von eben diesen träumt und von den Auswirkungen, die ein möglicher Aufstieg auf sein Berufsleben hätte. Er wäre nun Stammspieler in einer international halbwegs bekannten Mannschaft, was seinen Marktwert sicher nicht erniedrigen würde.
Doch da Jovanovic und seine Mitspieler höchstwahrscheinlich kaum anders denken als Ulmer und das Schreiben im Konjunktiv ohnehin nicht das Wahre ist, sei dieses Thema hiermit beschlossen.

Um die Priorität der morgigen Partie wissen wir also spätestens jetzt Bescheid. Nun gilt es herauszufinden, wie die beiden Klubs ein mögliches Weiterkommen anstellen möchten. Auf der einen Seite haben wir da Standard Lüttich, einen belgischen Traditionsverein der quasi jährlich Titelambitionen stellt. Nicht dieses Jahr, da hat man sich nach teils miserablen Vorstellungen im Mittelfeld festgesetzt. Dementsprechend nicht wirklich komisch, dass der Trainer nicht länger Trainer und mittlerweile jemand anders Coach ist – Dominique D’Onofrio heißt der italienische Interimstrainer. Dass dieser den Klub nur interimistisch – also auf Raten – führen soll, beweist dass es sich nicht unbedingt um einen Mann des Vertrauens handeln dürfte. Am Spielsystem des amtierenden belgischen Vize-Meisters wird D’Onofrio in seiner kurzen Lebenszeit nichts besonders ändern. Ein Jovanovic (ab Sommer Liverpooler) wird weiterhin zentrale Figur der Offensive bleiben, das kampfbetonte Spiel wird er seine Spielern auch nicht ausreden versuchen. Die Leidenschaft bei den Belgiern blüht vor Allem vor heimischen Publikum auf, die Salzburger erwartet im Dufrasne Stadion ein Hexenkessel.
Mehr kann ich über Lüttich nicht verraten, da ich schlicht und ergreifend nicht besser mit der belgischen Liga vertraut bin.

Deutlich besser weiß ich um die Stärken und Schwächen der Salzburger Bescheid. Mehr als offensichtlich ist die defensive Stärke: Schwegler besticht durch überragendes Stellungsspiel, Sekagya und Afolabi haben internationales Niveau. Einzig Ulmer, der Träumer, bereitet einem zuweilen Sorgen, kann sich in wichtigen Spielen aber immer steigern.
Nicht so offenkundig aber ebenfalls wichtig ist die Schaltzentrale des Salzburger Spielaufbaus, die Achse Leitgeb-Pokrivac-Svento. Diese Drei bauen oft eine Art Dreieck auf, welches mindestens einem von ihnen enorme Freiheiten auftut. Unter Anderem wird dieses System auch vom FC Bayern gespielt, neuerdings mit überragendem Erfolg.
Tchoyi wird hierbei übrigens nur sehr selten eingebaut, wenn der Kameruner zu Ballbesitz kommt, dann eher aus anderen Situationen heraus. Zu belegen ist das schwer, mehr zu beobachten. Wenn man aber her nimmt, dass lediglich ein Tor Salzburgs von Rechts vorbereitet wurde, darf man das durchaus ernst nehmen. Lüttich wird also gut beraten sein Tchoyis Genieblitze nicht zu vernachlässigen, sich aber eher auf die linke Seite zu fokussieren.
In Stevens 4-1-4-1-System spielt der Solo-Stürmer eine sehr tragende Rolle. Zum Einen ist er die primäre Anspielstation für Flanken und sonstige Hereingaben, zum Anderen soll er den Gegner im Aufbau stören beziehungsweise zumindest für Raumdeckung sorgen. Bei schnellen Kontern wie sie Salzburg international gerne spielt kommt ihnen natürlich auch Marc Jankos Fähigkeit, Bälle gut prallen lassen zu können, entgegen.

So und nicht anders wird Salzburg auch übermorgen versuchen den Lüttichern das eine oder andere Tor einzuschenken. Fantasten die vermuten dass man eventuell eine Neuauflage von Janko/Wallner erleben wird, werden garantiert enttäuscht. Insgesamt werden die Salzburger wohl auf Konter ausgelegt sein, was auch erfolgsversprechend sein könnte da es im Lütticher Spiel hauptsächlich auf Jovanovic aufzupassen gilt und dieser durch prominente Begleitung recht gut kontrolliert und aus dem Spiel genommen werden kann.
Es bleibt zu hoffen dass der Theorie eine ansprechende Praxis folgt und die Bullen morgen den Grundstein für Sensationelles legen.

Artikel stammt vom: 16. Februar 2010 – 15:50 Uhr

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