Ein Janko-Doppelpack bringt Salzburg auswärts gegen taumelnde Belgier 2:0 in Front. Am Ende bleibt Huub Stevens‘ Charakterstärke das aufmunterndste. Das 2:3, welches es schließlich zu betrauern gab, ist zwar „ein gutes Ergebnis“ aber „vom Spielverlauf her eine Katastrophe“

„Okay, aber eine Katastrophe“
„Ergebnis okay, aber der Spielverlauf war eine Katastrophe“, bilanzierte Janko unmittelbar nachdem seine zwei Tore erheblich entwertet wurden. Zweimal Witsel und einmal De Camargo brachten den FC Salzburg nämlich unverhofft auf die Verliererstraße und schließlich zu einer bitteren 2:3-Niederlage. Nichts wurde es aus dem siebten Sieg im siebten Spiel. Die Bullen vertraten den österreichischen Fußball teils sehr würdig, stehen am Ende aber doch nur mit zwei Auswärtstoren und einer bitteren Niederlage da. Doch der Reihe nach:

ÖFB belohnt Sinnlos-Bürokratie
Etwas distanziert – nicht geistiger sondern körperlicher Natur – führte sich Salzburg-Trainer Huub Stevens die Partie zu Gemüte. Der Schiedsrichter forderte ihn unter Berufung auf UEFA-Regularien auf, sich doch zwecks besserer Kennzeichnung ein grünes Leiberl überzustreifen. Stevens bewies Charakter und Courage, zog einen Platz auf der Tribüne der Beugung gegenüber einer sinnentleerten Regel vor. Später meinte er, er hätte den Weg in die Lounge des Dufrasne Stadion von sich aus angetreten, um ein Zeichen zu setzen und möglichen Sanktionen zu entgehen. Der Salzburg-Trainer währte sein Prinzip und wurde vom ÖFB posthum mit einer Geldstrafe von 1.000€ belegt. Der Angeklagte spricht so: „Wieso sollte ich ein grünes Leiberl anziehen und der UEFA den Clown spielen? Soweit ich weiß bin ich ein roter Bulle und kein grüner“. Die Geldstrafe des Österreichischen Fußball Bunds werde er übrigens nicht akzeptieren.

Doppelter Janko bringt Doppelführung
Seine Bullen, ausnahmsweise blau und nicht rot, legten einen Blitzstart hin. In Minute 4 wagt sich Andreas Ulmer in ferne Regionen, bringt das Leder ideal zur Mitte, wo Marc Janko tut was Top-Torjäger tun müssen. Aus rund 5 Metern lässt der 1,96-Mann Sinan Bolat keine Abwehrchance und sorgt für das wichtige Auswärtstor.
In der Folge wirken die Lütticher gebrochen, was nicht überraschte, zumal der amtierende belgische Meister auch in der Liga mit Turbulenzen zu rudern hat. Die nächsten Spielminuten bringen somit eine kreativitätslose Heimmannschaft und Salzburger die das Spiel lange Zeit ihr Eigen nennen können, zu Deutsch: Es dominieren.
Drehen tut sich das nicht wirklich rasch, eher sachte aber stätig. So kam es, dass Standard Lüttich mit der Zeit auch zu Kombinationen kam, Axel Witsel (- der Junge mit der dunklen Vergangenheit -) war meist der Initator von ebensolchen, aber auch Steve Defour ging ihm gerne zur Hand.
Als angsteinflössend erwiesen sich die Belgier aber nicht, weder die Spieler noch deren Fans: Man hatte sich auf dominantes Flügelspiel und einen Hexenkessel eingestellt, stattdessen servierte Lüttich Stückwerk und Pfiffe von den Rängen. Dementsprechend nicht wirklich erstaunlich, dass die Salzburger auch einzelne Drangperioden von Standard überstehen konnte und sogar selbst zu der einen oder anderen Konterchance kam.
Nicht wirklich ein Konter, mehr ein simpler Abschlag war es, der schließlich das 2:0 einleitete: Ein mehr oder minder unkontrollierter Ball aus Salzburgs Defensivverbund findet den Kopf eines Lüttichers, dieser kann die Kugel nicht bändigen und gibt ihr gerade noch den idealen Effet mit, um sie schließlich genau vor Marc Jankos Beine zu bugsieren. Dieser verzögert, macht den Torhüter kniend und gurkerlt Bolat souverän – 2:0; Pause.

Anschluss und Wende
Während die Spieler in einer intensiv geführten Partie für die sporadischen 15 Minuten Luft holen durften, hatte sich Dietmar Beiersdorfer den Fragen von SKY-Reporter Matthias Folkmann zu stellen. Folkmann fragt ob Beiersdorfer das Gezeigte gefiele, Beiersdorfer antwortete mit Vorahnung – sprich zurückhaltend.
Er dürfte geahnt haben, dass Lüttich die Wundertüte spielen könnte, als die man im BeNeLux’schen Raum gilt. Doch ehe die Belgier wieder ins Spiel fanden, hätte Salzburg gar noch die Chance gehabt auf drei Tore davon zu ziehen. Janko erstolpert sich Platz, bekommt das Runde aber im letzten Moment noch vom Fuß gestohlen.
Der bereits angesprochene Anschlusstreffer folgte mit Verzögerung. Der Schiedsrichter hätte nämlich schon früher auf Strafstoß entscheiden können, als er es schließlich tat. Einmal foulte Cziommer im 16er, einmal blieb die Pfeife ruhig – Einmal berührte Schiemer im 16er, einmal tönte die Pfeife. Den fälligen Elfer nützt Alex Witsel ungefährdet zum 1:2.

„Aufstiegschancen sind mit 99,9% zu betiteln“
Nun kippte die Stimmung, auf- wie neben dem Rasen. Lüttich witterte Abendluft und von den Rängen waren plötzlich Anfeuerungen anstatt vereinzelter Pfiffe zu hören. Doch auch ab jetzt ist Lüttich nicht wirklich in der Lage, das Spiel in die Hälfte der Salzburger zu verlagern. Zwar gelingt den Bullen – abgesehen von einem Pokrivac-Hammer – kein ernstzunehmender Angriff mehr, die Einschussmöglichkeiten der Hausherren gestalten sich aber weiterhin recht rar.
Erst als De Camargo aus 30 Metern per Donnerstagsschuss das Netz hinter Gustafsson zappeln lässt, machen sich die spielerischen Vorzüge einiger Belgier bemerkbar. Der Ausgleich scheint der Psyche von Salzburg schlecht zu bekommen: Wenig später verzichtet nämlich die Abwehrreihe relativ grundlos auf genaue Zuordnung, sodass Witsel kaum Mühe hatte per Kopf zu treffen. SKY-Kommentator Martin Konrad schien nicht wirklich enttäuscht zu sein, bestenfalls aufgrund seiner verlorenen Wette. „Es ist davon auszugehen, dass die Salzburger die Partie gewinnen“, meinte er recht früh. Außerdem, so posaunte er in Minute 50, sein die Aufstiegschancen der Salzburger mit 99,9 Prozent zu betiteln.
Die knappen zehn Minuten bis zum Abpfiff gestalten sich für die Salzburger als wenig erfolgreich, man sah sich noch einige Male mit der Bedrohung eines Gegentreffers konfrontiert. Die einzig hervorzuhebende Bemühung auszugleichen hatte ausgerechnet Franz Schiemer. Bezeichnenderweise für das Spiel der Salzburger agierte er aber glücklos und verpasste nach einem Leitgeb-Eckball in den Schlussminuten das Ziel nur knapp.
Endstand: 3:2 aus Sicht des Siegers.

Man kann nicht sagen, Salzburg hätte nicht über Strecken guten Fußball geboten. Die ersten 45 Minuten spielte man gegen eine mittelprächtige Mannschaft so, wie es sich gehörte, hatte ein Auswärtsspiel unter Kontrolle und erzielte durch Marc Janko zwei Tore. Mit dem Anschlusstreffer kam Hektik und Unordnung auf, wie man sie in der europäischen Saison 09/10 von den Salzburger noch nicht gesehen hat. Da klang die individuelle Klasse von Spielern wie Defour, Jovanovic oder Witsel dann mehr und mehr durch und ergab letztendlich den Unterschied.
Freuen wollte sich Stevens nach der bitteren Niederlage erwartungsgemäß nicht, zeigte sich aber doch zuversichtlich, ob der Tatsache dass man den Aufstieg noch immer in den eigenen Füßen hat.
Dem Spielverlauf entsprechend hätte Salzburg die Partie für sich entscheiden können beziehungsweise müssen, die zwei Auswärtstore lassen nüchtern betrachtet unter dem Strich aber eine ganz passable Ausgangslage stehen. Insbesondere weil die Belgier nicht besonders gut mit dem künstlichen Grün vertraut sind und Salzburg vor ausverkauftem Haus zusätzlich motiviert sein wird. Stimmen zum Ausklang:
D’Onofrio (Interimscoach Standard Lüttich, Anm.): „Salzburg ist nicht stark, sondern sehr stark“.
Stevens (Chefcoach der roten Bullen): „Die Chancen stehen 50/50“.

Analytischer Zusatzteil

Aufstellung Standard Lüttich:
4-3-2-1-System: Bolat – Goreux, Mangala, Victor Ramos, Pocognoli – Nicaise, Defour, Witsel – De Camargo, Jovanovic – Mbokani

Aufstellung FC Salzburg:
4-1-4-1-System: Gustafsson – Schwegler, Afolabi, Sekagya, Ulmer – Schiemer – Tchoyi, Leitgeb, Cziommer, Svento – Janko

Individuelle Klassiker Lüttichs:
Defour – lenkte das Spiel, blieb teilweise farblos, war dann jedoch ausschlaggebend für den Umschwung
Jovanovic – ist für seine Größe unheimlich beweglich und bereitete Schwegler oft Kopfweh>
Witsel – spielte den Wirbelwind schlechthin und war an quasi jeder gefährlichen Aktion seiner Mannschaft beteiligt

Leistungsträger des FC Salzburg:
Afolabi – wirkte etwas sicherer als Abwehrpartner Sekagya und machte bis auf wenige Ausnahmen eine gute Partie
Ulmer – toller Vorstoß beim Führungstreffer und auch defensiv eine passable Leistung
Janko – 2 Tore die seine internationale Klasse noch weiter untermauern sollten, zeigte Kampfgeist und brachte sich so oft es ging ins Spiel ein

Thematik Spielsystem
Stevens wählte im Auswärtsspiel gegen Standard Lüttich das gewohnte 4-1-4-1-System, kehrte dem 4-4-1-1 vorläufig den Rücken zu. In meinen Augen die richtige Entscheidung, da nur so die defensive Kompaktheit gewährt werden kann, selbst mit der defensiven Ausrichtung ist dies nicht immer gelungen. Dass Cziommer neben Leitgeb spielte hat mich zugegeben sehr überrascht. Ich halte den Deutschen für einen hervorragenden Spielgestalter und einen guten Mann, aber im gestrigen System war er wohl Fehl am Platz. Dominanz im Mittelfeld und komplexen Spielaufbau konnte man einfach nicht erwarten und nur in so einem macht Cziommer Sinn. Das Konterspiel wie es gestern praktiziert wurde wird hauptsächlich von den Flügeln getragen, zentrale Mittelfeldspieler bleiben da oft außen vor.
Anstatt Cziommer hätte ich Pokrivac spielen lassen, da dieser die Hintermannschaft noch zusätzlich stabilisieren hätte können. Da ich Stevens aber für den, gelinde gesagt, etwas besseren Fachmann halte, traue ich ihm durchaus zu, dass seine Gedankengänge wesentlich komplexer waren als die meinigen und er auf seine Weise schon Recht hatte mit seiner Wahl.

Nicht unwichtig wird die Aufstellung im Rückspiel werden. Christian Schwegler und Fränkie Schiemer sind jeweils gelb-gesperrt und dürfen in Salzburg nicht mitwirken. Schiemer, der 6er, kann verhältnismäßig leicht ersetzt werden. Opdam könnte seine Position spielen, oder auch Augustinussen. Weitaus problematischer erscheint die Kompensierung von Schwegler. Mit Schiemer hat man nur einen weiteren rechten Verteidiger im Kader. Da dieser wie bereits angesprochen nicht mit von der Partie ist, wird sich Stevens etwas überlegen müssen. Spieler wie Dudic zum Außenverteidiger umzufunktionieren halte ich für nicht zielführend, da man ja gewinnen und Druck aufbauen muss. Ob ein Vladavic oder Karel Pitak auf der Außenbahn gut aufgehoben wären, darf man aber ebenfalls anzweifeln. Man darf gespannt sein auf das Rückspiel und die Taktik die Stevens seinen Bullen mit auf den Weg gibt.

Artikel stammt vom: 19. Februar 2010 – 18:57 Uhr

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