Salzburg verliert das Sechzehntelfinale zur Hälfte im Hinspiel, zum Guten biegen hätte man die Sache aber noch können. Über 90 Minuten hinweg kontrollierten die Bullen die Partie, ohne jedoch wirklich gefährlich zu werden – Der verdiente Gewinner dieser Paarung ist somit Standard Lüttich.
Blog-Eintrag über Pseudo-Kenner und fehlende Cleverness, die einem letztendlich auf den Kopf fiel

„Ich glaube, dass wir es im Hinspiel verloren haben“, meint Janko. Trainer Stevens sagte, ohne zu wissen was sein Goalgetter Minuten zuvor ins Puls4-Mikrophon sprach, in etwa das gleiche. Er, Stevens, glaubt, dass Standard schlicht und ergreifend um die berühmte Fußspitze mehr Qualität hat als seine eigene Mannschaft. Somit verwunderte es ihn nicht unbedingt, dass man sich teils sehr schwer tat. „So einfach ist Fußball. Die (Standard, Anm.) sind abgezockt. Wenn es da zur Halbzeit 0:0 steht, spielen die das (Spiel, Anm.) Heim.“

Taten sie. Weder hüben noch drüben sind Tore gefallen im Rückspiel. Woran’s gelegen ist? Experten, Fans orten Stevens als den Schuldigen, Heribert Weber fehlte der Kampfgeist. Nimmt man beide Aussagen auseinander, fällt einem auf, dass man es mal wieder mit einem typisch österreichischen Problem zu tun hat – Kaum ein Spiel wird richtig, oder auch nur ansatzweise schlüssig analysiert.
Beispielsweise kritisierten und kritisieren viele, dass Cziommer den Vorzug gegenüber Roman Wallner bekam. Es fehle ohne zweitem Stürmer schlicht und ergreifend die Entlastung für Janko, das sehe jeder, selbst ein Blinder. Und genau das ist es, was einen eigentlich in Zweifel versetzen sollte. Keine passable Betrachtung eines Fußballspiels kann so einfach sein, dass sie für die Mehreren nachvollziehbar wäre. Das dürfte jedem einleuchten, Stevens könnte sich 20 Jahre Berufserfahrung schenken wäre dem nicht so. Somit darf man an der Milchmädchenrechnung „11 Spieler – 1 Cziommer + 1 Wallner = 1:0“ schon leicht zweifeln. Doch viel aussagekräftiger ist die Probe auf’s Example: Man beobachte das Spiel der Salzburger ab der 64. Spielminute, der Hereinnahme von Roman Wallner. Tatsächlich Besserung? Im Gegenteil.
Wallner spielte die hängende Spitze, das Mittelfeld wich zu den Belgiern über – die Dominanz die man sich über 60 Minuten erspielt hatte war mit einem Tausch verschwunden. Vielleicht etwas krass ausgedrückt, aber inhaltlich zweifelsohne richtig, dafür stehe ich mit meinen Augen.

Meine Augen, freilich durch eine Brille unterstützt, sahen in der ersten Halbzeit eine gute Salzburger Mannschaft. Eine, die System hatte und ein Konzept den Gegner auszuschalten. Dass mit einem 4-1-4-1 der Erfolg nicht von heute auf morgen einkehrt, ist doch nur mehr als logisch. Doch – und Stevens hat Recht: in dieser Beziehung ist der Fußball erschreckend einfach – kann man eine echte Feldüberlegenheit über 90 Minuten hinweg konsequent bewahren, scheppert es irgendwann. Und sei es in der 93. Minute, meinetwegen auch seitens des Goalies. So einfach ist der Fußball, und so gerecht.
Leider – und wieder liegt Stevens richtig – hat Standard Lüttich nunmal mehr Qualität als Salzburg, ein Faktum, das manchem Österreicher weh tut und deswegen geleugnet werden muss. Mangelnde Aggressivität muss daher als Grund für die Niederlage herhalten, schließlich kann es ja nicht sein, dass es Red Bull Salzburg nicht gelingt gegen den belgischen Meister ein Tor zu erzielen – Es muss der Einsatz- beziehungsweise der Nicht-Einsatz-Wille gewesen sein. Erneute Fehlanzeige.
Jedem aufmerksamen Beobachter dürfte nicht entgangen sein, dass hinten wie vorne eifrig um die Bälle gekämpft wurde, dass gegen eine Mannschaft wie Lüttich nicht jeder Zweikampf gewonnen werden kann, sollte auf der Hand liegen.

Puls4-Analytiker Weber meinte außerdem: „Vielleicht haben die Salzburger Standard unterschätzt, oder sogar noch ein bisschen an das letztwöchige Spiel gedacht“. Fällt in die selbe Kategorie wie der Mythos von fehlender Aggressivität und wurde aus dem selben Motiv heraus kreiiert: Die Erwartungshaltung ist eine falsche.
Nur weil Red Bull Salzburg alle von allen Gruppenpartien mit einem Sieg abgeschlossen hat, macht es sie nicht weniger zu Red Bull Salzburg. Ich glaube, dass in Wals-Siezenheim mehr oder minder Großes im Entstehen ist, die Betonung liegt aber weiterhin auf dem „Entstehen“. Die sportliche Leitung hat gerade einmal begonnen auf Kontinuität zu setzen, für Red Bull war die Saison 09/10 die überhaupt erste in einer europäischen Gruppenphase. Folgerichtig erscheint mir der Anspruch manches Anhängers, manches Journalisten, eines Herbert Weber unrealistisch.

Man kann nicht Woche für Woche gegen Kapfenberg oder Mattersburg spielen und im Gegenzug erwarten, dass man Lüttich ausspielen kann. „Noch nicht“, brachte es Stevens abermals auf den Punkt. Außerdem ist das Salzburger Spiel ohnehin an andere Situationen gewöhnt. Wenn man gewinnen muss, geht das meistens schlecht aus, für Stevens und seine Jungs. Das liegt aber in der Natur der Sache. Entweder man will den FC Hollywood spielen, Mannschaften wie Standard Lüttich vorführen, in der Gruppenphase sang- wie klanglos ausscheiden – oder aber, man will nach Stevens‘ Art spielen, mit Mannschaften wie Lüttich mitspielen, in der Gruppenphase ganz Europa beeindrucken. Welche Variante die bessere ist? Letztgenannte, 100%ig.
Nur besteht eine Saison nicht nur aus internationalen Spielen, es gibt dazwischen auch vereinzelt Liga-Spiele. 36 an der Zahl, wer aus diesen die meisten Punkte holt, ist am Ende Titelträger. Damit der Titel aber auch wirklich in Salzburg landet, musste Stevens sich und das System anpassen. Weniger 6er, mehr Wallner. Das scheint in der Liga recht gut zu funktionieren, an der internationalen Ausgangslage ändert das aber rein gar nichts: Salzburg wird auch künftig als Außenseiter in wichtige europäische Spiele gehen.

Umso bitterer wenn man dann auswärts mit 2:0 führt, schlussendlich aber 2:3 verliert. Freilich hat Salzburg die Partie nicht in Lüttich verspielt, da liegt Janko bestenfalls teilweise im Recht. Wäre aber der eine oder auch andere Treffer weniger gefallen, ins Tor der Salzburger, hätte man sich daheim, vor übrigens 26.500 Zusehern, vermutlich leichter getan. Da muss man auch absolute Kritik an der Mannschaft üben, der schlicht und einfach die Abgeklärtheit fehlte, den Vorsprung über die Bühne zu bringen. Das ist es, was international den Unterschied ausmacht, die Cleverness. Dass diese gefehlt hat, war letztendlich wohl ausschlaggebend für das Ausscheiden und das muss man den Salzburgern auch erheblich ankreiden. Trotzdem war die Hoffnung noch nicht gestorben, auf dem Kunstrasen wäre der Austieg durchaus im Bereich des Möglichen gelegen.

Versucht hat man es jedenfalls, Bemühen kann man den Bullen nicht absprechen. Nur hatte Salzburg ein Spiel zu spielen, welches dem grundsätzlichen Naturell der Mannschaft widerspricht: Man musste ein Tor mehr erzielen als der Gegner. Für so etwas braucht man oft besondere Spieler, sogenannte Spielmacher. Den 10er – den Acimovic, den Hofmann – gibt es im Salzburger Spielsystem aber nicht. Gott sei Dank muss ich sagen, man stelle sich vor wie die Gruppenspiele mit einem echten Spielmacher gelaufen wären. Wohl kaum so erfolgreich. Bei Stevens genießt nur ein Spieler, Somen Tchoyi, Freiheiten – und das ist gut so. Doch das Spielen ohne echten Freigeist hat natürlich auch seine Nachteile, eindrucksvoll demonstriert beim gestrigen Fußballabend.

Salzburg versuchte den Abwehrriegel Lüttichs über die Flügel zu knacken, was auch das absolut richtige Mittel war. Immerhin verfügen die Lütticher über nicht besonders gute Außenverteidiger, abgesehen davon, dass fast jede Abwehr am leichtesten über die Flügel zu durchspielen ist. Mit dem wichtigen einen Tor hat es schlussendlich jedoch nicht geklappt, es wäre ehrlich gesagt auch nicht verdient gewesen.
Das Spiel in all seinen Einzelheiten zu schildern, ergibt für mich nicht wirklich Sinn. Auf den Punkt bringen kann man die Partie aber folgendermaßen: Bezeichnend, dass die beste Chance des Spiels trotz klarer Überlegenheit der Bullen Standard Lüttich verzeichnen konnte: Mbokani traf in Minute 45 Aluminium.
Ein weiterer Indikator für Salzburgs Probleme im Spielaufbau: Die beste Chance der Salzburger war mehr oder minder ein Zufallsprodukt, zustande gekommen durch einen massiven Patzer von Torhüter Bolat. Abgegeben wurde der Schuss (eigentlich die Flanke) übrigens von Abwehrchef Sekagya.

Was bleibt ist aber nicht das Ausscheiden gegen Lüttich, welches in jedem Fall vermeidbar gewesen wäre, sondern, so hoffe ich zumindest, der Gedanke an eine grandiose Europa-League-Gruppenphase und der Blick in eine garantiert positive Zukunft.

Artikel stammt vom: 26. Februar 2010 – 18:25 Uhr

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