Mit Bauchweh im Spielaufbau und eisener Konsequenz im Defensivverbund hat man den Dänen im gestrigen Testspiel ein Bein gestellt. Die Constantini-Elf gewann die Partie gegen den geschwächten WM-Teilnehmer mit 2:1. Gar nicht unverdient, wenngleich Österreich eigentlich kaum überzeugen konnte. Warum es trotzdem klappte, was besser wurde und was voraussichtlich nie besser werden wird

Zuerst einmal muss ich auf die Euphorie-Bremse drücken: Weder die Offensive noch die Hintermannschaft waren auch nur ansatzweise „EM-reif“ – davon sprach nämlich die Tageszeitung ÖSTERREICH, die der Kronen Zeitung mittlerweile den Ruf des Revolverblattes abgelaufen haben dürfte. „Herzerfrischende Leistung unseres Teams“, erklärte Christian Russegger in seiner „Analyse“ weiter. Und das, wovor ich bereits hier und hier gewarnt habe, scheint sich somit zu bewahrheiten: Die falsche Einordnung einer offensichtlich mäßigen Partie. Gut, wir haben 2:1 gewonnen und das mag für eine Fußball-Nation wie Österreich auf’s blanke Ergebnis reduziert zugegeben ein großer Erfolg sein. Blickt man hinter Fassade, sieht die Welt aber eher konträr aus.
Denn bei allem Respekt für den Einsatzwillen, für die durchaus starke Defensivleistung unseres Nationalteams: Der Sieg ist mehr auf Überheblichkeit, fehlende Spieler und mangelnde Kampfkraft seitens der Dänen zu schieben, als es manchem lieb ist. Ich will damit wahrlich nicht den Schwarzmaler spielen – die haben wir ohnehin zuhauf – mein Ziel ist es, zum nachdenken anzuregen. Wieso zum Beispiel hatte die Gastnation Dänemark nach 20 Minuten 78% aller Ballkontakte? Wieso fanden passable Angriffe nur über Kavlak stand? Weshalb tut man sich mit dem Kombinieren so schwer, auch wenn einem die Dänen genug Platz bereiten? Fragen über Fragen, die allesamt egal scheinen.

Österreich hat nämlich ein Freundschaftsspiel gegen Dänemark gewonnen. Übrigens der erste Sieg zu Nationalteam-Jahresbeginn seit 8 Jahren – es scheint, als wäre es das, was zählt. Denn die Nachbetrachtungen die derzeit auf Papier und im WWW kursieren sind leider – mit Verlaub – unter ferner liefen und absolut oberflächlich. Lobend hervorheben kann ich nur Thomas Schaffer von der Online-Plattform derstandard.at – eine großteils sehr treffende Nachbetrachtung des gestrigen Fußball-Abends. Worauf ich hinaus will? Dass ich Recht hatte. Recht hatte, als ich schrieb, dass uns eine Niederlage vielleicht gelegen käme. Die Motive sollten auf der Hand liegen: Beispielsweise ein Vorteil, dass Niederlagen meist mehr zum Nachdenken anregen als 2:1-Siege und auch inhaltlich bessere Aufarbeitungen nach sich ziehen.

Nun ist es halt so, dass wir die Dänen 2:1 besiegt haben. Und damit werden Fehler übersehen, die einfach offensichtlich sind. Zum Beispiel sah ich in zweimal 90 Minuten (einmal Live, einmal die Videoaufzeichnung) nur je eine (!) echte Kurzpass-Kombination der Österreicher. Um gegen andere Gegner – welche, die auch wirklich gewinnen wollen – erfolgreich bestehen zu können, ist das einfach zu wenig. Unsere Abwehrkette spielte, geleitet von Paul Scharner, eigentlich eine durchwegs souveräne Partie. Dazu muss man dem Teamchef ein Lob aussprechen, nicht jedem ÖFB-Teamchef gelingt das. Bedingt aber natürlich auch dadurch, dass das Mittelfeld beinahe ausschließlich aufs Absichern beschränkt war und Spielzüge dementsprechend rar blieben.
Gelegen hat dies vor Allem an der Doppelsechs in der Schaltzentrale, gebildet von Schiemer und Baumgartlinger. Mittlerweile kann hoffentlich auch jeder Halb-Blinde nachvollziehen, warum der Didi keinen Andi wünscht: Die Position Ivanschitz gibt es im System Constantini schlichtweg nicht. Bitter, aber wahr. Man muss Constantini schon zu Gute halten, dass er durchaus gute Überlegungen haben dürfte: Trotz des Aufschwungs im heimischen Fußball ist Österreich weiterhin ein Land der begrenzten Möglichkeiten – für einen Teamchef jedenfalls, dementsprechend kompakt gilt es aufzutreten – Spieler wie Ivanschitz oder Arnautovic können einem da schon den einen oder auch den anderen Strich durch die Rechnung machen. Wie gesagt keine schlechte Überlegung, eventuell sogar eine sehr gute. Durch die Doppelsechs nimmt das Mittelfeld enormen Druck von der Abwehr, was sich teilweise auch auf Tor oder Nicht-Tor auswirken kann. Diese Maßnahme gilt es jedoch zu kompensieren, um nicht abermals so ideenlos wie gestern da zu stehen. Beispielsweise könnte man flinke Kreativspieler wie Prager oder Junuzovic ins offensive Mittelfeld stellen und stattdessen den hängenden Stürmer opfern. Schon hätte man die fehlende spielerische Stärke ansatzweise wett gemacht. Freilich ist der Fußball nicht ganz so leicht, gewisse Vorteile würden sich in einem 4-2-3-1 aber schon ergeben.

  • Die Dominanz/Ebenbürtigkeit
    Von Dominanz zu sprechen klingt ein bisschen vermessen – ist es auch. Auch doppelt und dreifach betrachtet. Die österreichischen Mitteln sind doch noch recht limitiert, einen Gegner an die Wand zu kicken können wir noch nicht erwarten. Trotzdem gilt es, so gut als möglich mitzuspielen, sich nicht ununterbrochen ins Abwehrdrittel drängen zu lassen. Selbst gegen die lustlosen Dänen ist uns dies sehr häufig passiert, ergibt sich diesbezüglich keine Änderung könnte die EM-Quali bitter werden. Ein 10er oder 8er statt Wallner würde vermutlich nicht alle Probleme im österreichischen Spielaufbau lösen, aber schlicht und einfach die Kluft zwischen Angriff und Defensive schließen – das derzeit größte Übel des Didi-Systems.
  • Der Überraschungsmoment
    Der Spielaufbau unserer Nationalelf ist derzeit erschreckend simpel strukturiert. Einer der IVs passt zu einem der AVs, dieser AV gibt zurück zum IV. Der IV gibt zu Baumgartlinger oder Schiemer ab, welcher den Ball raschestmöglich auf den Flügel bringt, wo die dort befindlichen Spieler den Turbo zünden und sich nur allzu oft festlaufen. Es fehlt das unkalkulierbare, der Überraschungsmoment. Es muss nicht gleich ein Ivanschitz sein – dessen Laufleistungen ich übrigens auch für mehr als grenzwertig halte -, aber es gibt in Österreich genügend Spieler die sowohl nach hinten arbeiten als auch technisch sehr bewandert sind.
  • Der letzte Pass/Lochpass
    Haben Sie mitgezählt? Hoffentlich nicht. Vergeblich hätte man warten müssen auf einen echten tödlichen, finalen Pass, der Löcher in die gegnerische Abwehr reißt. Wieso? Weil dem ÖFB-Team in momentaner Besetzung die Spieler hierfür fehlen. Einen One-Touch-Fußball im Stile der Topteams erwartet sich kaum einer, aber das Suchen und Finden von Löchern ist noch immer das probateste Mittel um Tore zu erzielen. Dieser Aspekt wird momentan vollstens ignoriert.

Fazit: Ein 5er-Mittelfeld klingt zwar defensiver, ist es aber nicht. Denn ob man sich mit 2 Stürmern oder einem Stürmer dem Spielaufbau der Dänen ergibt ist im Grunde genommen egal. Mit dem Unterschied, dass ein Spielgestalter à la Junuzovic garantiert für Offensiv-Schwung sorgen könnte. Und eines ist vorprogrammiert: Gelingt unserem Team (allen voran dem Teamchef) diesbezüglich kein Umschwung, ist ein Scheitern in der EM-Quali – so leid mir das tun würde – leider vorprogrammiert. So viel zu einer von vielen potenziellen Verbesserungsvorschlägen. Nun widme ich mich dem, was ich gesehen habe:

1. Durchgang: Not gegen Elend
Gut sortiert, aber ohne ernsthafte Ambitionen aufs Tore schießen ließen wir Minute um Minute verstreichen. Grundsätzlich ja nicht schlecht: Jede Minute die du gegen eine Top-Mannschaft (und die ist Dänemark normalerweise) ohne Tor überstehst, war eine gute Minute. Nur – und das muss jeder kühnste Optimist einsehen – waren die Dänen gestern einfach keine Top-Mannschaft. Zum Einen blieben Tomasson und Poulsen gleich daheim, zum Anderen schienen uns die Skandinavier nicht unbedingt ernst zu nehmen. Bezeichnend dass trotz Rückstands im zweiten Durchgang gleich 6 Spieler durch einen anderen ersetzt wurden. Dementsprechend sträflich wurden wir allein gelassen bei Standardsituationen, die wir uns geschickt erarbeitet und gefährlich vorgetragen haben. Erst traf eine Kavlak-Flanke Schiemers Kopf und von dort aus das Out – wenige Minuten später sollte es der Defensiv-Allrounder aber besser machen. Kavlak mit der Hereingabe, die in einem Fußgemenge endet, in der Folge Schiemers Fuß findet und von dort aus ins Tor kullert. Die Führung währte aber nicht wirklich lange. Abermals aus einer Standard-Situation finden die Dänen Bendtners Kopf und dessen wuchtiger Kopfball auch das Tor. Das Videostudium klärt auf: Die Österreicher haben sich von den Dänen austricksen lassen. Deren drei warteten am 16er-Eck um genau zum richtigen Zeitpunkt der Hereingabe in Richtung Tor zu stürmen. Gut einstudiert seitens der Gäste, nicht bemerkt von uns. Kann passieren – Wäre eine Unachtsamkeit in einer Standard-Situation der einzige Fehler in einem Freundschaftsspiel geblieben, könnten wir uns wohl glücklich schätzen.

Die nächsten Minuten brachten kaum Herzeigbares. So forsch Dänemark das Spiel begann, so rasch begnügten sie sich auch mit dem Getanen. Die Gäste blieben zwar die spielbestimmende Mannschaft, ohne aber ausgesprochen gefährlich zu kombinieren. Es hätte den Herren also ganz recht geschehen wenn Kavlak – gestern zweifelsohne unser Bester – nach gutem Sololauf nicht die Stange sondern das Tor getroffen hätte. Eine der wenigen ansehlichen Szenen bis zu diesem Zeitpunkt – das Spiel war zuweilen so fad, dass Thomas König kurzzeitig laut über den vergangen Schlager Rapid gegen Salzburg nachdenken konnte. 2 Minuten später, 8 vor der Halbzeit, wurde er aus seinen Träumereien gerissen. Und wie! Roman Wallner, der selbst einen Lionel Messi an physischer Größe nur sehr unwesentlich überragt, machte nämlich das, was ihm „nur einmal im Jahr“ passiert: Ein Kopfballtor. Lustig das Abwehrverhalten der Dänen und widerspiegelnd für den Charakter der Partie. Umjubelt von 13.500 Anhängern ging unsere Elf mit einer etwas schmeichelhaften Führung in die Kabine.

2. Durchgang: „Zu riskant“
Weiter in den zweiten Durchgang. Österreich traute sich trotz Führung etwas mehr. „Wir haben teilweise zu riskant gespielt“, sollte Constantini nach der Partie darüber sagen. „Wie bitte?“, frage ich mich still und schreibe es gleichzeitig nieder. Erwartungsgemäß bekomme ich keine Antwort – weder vom Teamchef selbst, noch von meiner inneren Vernunft. Womit kann man gegen Gegner wie Deutschland rechnen, wenn der Teamchef das gestrige Auftreten als zu riskant empfand? Die Defensive erstmal groß zu schreiben ist das gute Recht eines Nationalteams wie Österreich. Nimmt man sich aber vor, noch defensiver als ohnehin zu spielen, kann sich das rasch ins Negative wandeln. Dann nämlich wenn man „gut stehen, die Räume eng machen“ mit permanentem Hinten-drin-Stehen verwechselt – so etwas kann über 90 Minuten hinweg einfach nicht gut gehen. Ein bisschen zu riskant also spielten sie weiter die Österreicher, ernsthaft mitgespielt haben wir aber auch in dieser Phase nicht. In Minute 55 fand Marc Janko übrigens seine erste Torchance vor. Symptomatisch, weil Janko nicht wirklich in Didis Spielweise passt. Janko brilliert in Mannschaften die den Gegner dominieren (RB Salzburg Adriaanse) oder auch in Teams die ihn für seine Ablagen schätzen (RB Salzburg Stevens) – beides scheint Constantini so nicht vorzusehen. Drei Minuten waren verstrichen, ehe dann auch die Dänen erstmals in Durchgang II so richtig gefährlich vor unserem Tor auftauchten. Dragovic machte wie so oft im gestrigen Spiel keine Figur, Keeper Gratzei dafür eine umso bessere.
In der 61. Minute verließ der einzige echte Gefahrenherd der Gäste, Nicklas Bendtner, das Spielfeld. Wem bis dahin noch nicht klar war, dass den Dänen der Ausgang des Spiels mehr oder minder wurscht ist, der dürfte es spätestens jetzt gemerkt haben. In der selben Minute debütierte übrigens Patrick Wolf für Österreich. Erfolgreich? Eher nicht.

Nicht Debütant aber trotzdem im Bilde – dies gelang dem Jung-Bayern David Alaba. In Minute 73 betrat er den Rasen und lieferte eine weitere Bewährungsprobe ab. Auch wenn ich Alaba spielerisch schon als Profi sehe und Constantini auch zu diesem Fang (er hatte ihn ja schon beim FAK unter seinen Fittichen, Anm.) zu gratulieren ist, wäre der Junge im U21-Nationalteam wohl noch besser aufgehoben.

Gerade in den Schlussminuten stellen die Dänen jegliche Angriffsbemühungen ein, wirken vom Rückstand nicht unbedingt tangiert – daraus folglich hatten die Österreicher auch wenig Mühe einen durchaus verdienten Sieg in trockene Tücher zu bringen. Ein weitere Indikator für die Erwartungshaltung der Dänen waren zwei Interviews nach dem Spiel. Teamchef Olsen zeigte sich recht locker, kaum böse auf seine Mannschaft. Über das Ergebnis sprach er erst gar nicht, mehr darüber, dass er sich nicht wirklich Sorgen mache. Hätte er eine 100%ig motivierte dänische Mannschaft gesehen, hätte er vermutlich anders reagiert. Noch ungewöhnlicher aber das Interview des Bremer Jensen: „In einem Freundschaftsspiel so defensiv zu spielen, halte ich für sehr komisch. Das spricht nicht unbedingt für die Österreicher“, meinte er.

Bilanz: Ich für meinen Teil bin kein Freund des Menschen Constantinis und auch nicht der Spielweise, die dem Menschen Constantini vorschwebt. Geworden bin ich es auch nach dem 2:1 nicht, wenngleich man ihm und seiner Mannschaft Lob aussprechen muss, für eine durchaus dagewesene Leistungssteigerung. Russegger sprach zwar von einer EM-reifen Offensive, aber von einer Abwehr die noch besser werden muss. Gewohnt – und ich denke das spricht eher gegen ihn als gegen mich – sehe ich die Dinge anders als der ÖSTERREICH-Redakteur. Selten ist eine österreichische Mannschaft defensiv so kompakt aufgetreten, selten ließ man so wenig Torchancen zu. Die Offensive hingegen ist weiterhin so harmlos wie eh und je. Sollte Constantini – wie abermals von Russegger vermutet – seine Mannschaft mit den 11 Jungs von Dänemark schon (annähernd) gefunden haben, sehe ich für die EM-Qualifkation auch bezüglich einer Besserung schwarz.

Artikel stammt vom: 5. März 2010 – 14:52 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Aufstellung Nationalteam Österreich (4-4-1-1-System): Gratzei – Dag, Scharner, Dragovic, Fuchs – Beichler, Schiemer, Baumgartlinger, Kavlak – Wallner – Janko

Aufstellung Nationalteam Dänemark (4-3-3-System): Sörensen – Silberbauer, Kjaer, Kröldrup, Jessen – Kvist, Kahlenberg, Jensen – Rommedahl, Bendtner, Krohn-Dehli

Die Unsrigen:
Gratzei: Souverän, selten gefordert

Dag: Deutete Klasse an, scheint sich im Mittelfeld aber wohler zu fühlen
Scharner: Ohne Schleife ging’s besser als mit
Dragovic: Äußerst durchwachsene Darbietung des Veilchen
Fuchs: Siehe Dag

Beichler: Schwach, weil vom Teamchef grob fehlplatziert
Schiemer: Tor und abgeklärte Leistung
Baumgartlinger: Dem Spiel der Großen sichtlich nicht gewachsen
Kavlak: Unser Bester gestern! Sorgte oftmals für Wirbel

Wallner: Verwechselte Einsatz oft mit Foulspiel, spielerisch wenig glänzend
Janko: Wegen Österreichs Spielanlage oft in der Luft gehangen – wenn am Ball, dann passabel.

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