Seit Menschengedenken belastet dutzende Laien und Experten die Frage nach dem perfekten Spielsystem im Fußball. Im folgenden Blog-Eintrag taucht der dseitlhuber – sportblog unter Anderem in die Materie ein, erläutert geläufige Spielsysteme und erklärt, warum das perfekte System nie gefunden werden wird

Die Frage nach dem besten, dem quasi perfekten, Spielsystem, ist die wohl meist gestellte im Fußballgeschehen. Ganze Abende lässt sich über die Positionierung von Spieler A und dem dadurch notwendigen Abwehrverhalten des Spielers B debattieren. Allzu oft enden solch aufregende Ausflüge jedoch in bitterer Ernüchterung, in der Gewissheit relativ ahnungslos und für die weite Welt der Fußball-Taktik zu klein zu sein. Meistens liegt dies einfach am taktischen Horizont eines Laien (der jenen eines Trainers freilich nicht erreichen kann), oft ist man aber auch erschreckend unschuldig. Beispiel: Was Guardiola in Barcelona ein klares 4-3-3 nennt, ist für Huub Stevens im Prinzip das selbe wie ein 4-1-4-1. Stevens‘ 4-1-4-1 ist aber wiederum auch nicht das, womit Spanien unter Luis Aragones Europameister wurde. Lösung: Vielleicht gibt es Sachen wie die perfekte Taktik, die geniale Strategie, die unfehlbaren Laufwege – so etwas wie ein perfektes Spielsystem kann es aber schlichtweg nicht geben. Viel zu unkalkulierbar rollt der Ball das Fußballfeld entlang, viel zu viele Komponenten sind zu bedenken und zu berechnen. Dass man sich da – vermutlich auch als Cheftrainer einer Top-Mannschaft – zuweilen in einem Kabelsalat verirren kann, ist daher nicht weiter komisch.

Dennoch gibt es gewisse Aufstellungsvarianten, die mehr Erfolg versprechen, als gewisse andere Aufstellungsvarianten. Doch prompt wartet die nächste Schwierigkeit: Ist das, was auf dem Blatt Papier (das dem TV-Zuseher kurz vor Spielbeginn als „Aufstellung“ verlesen wird) geschrieben steht, immer die reine Wahrheit? Nein, leider. Bestes Beispiel wieder Stevens, der Barry Opdam und Fränkie Schiemer im Schlager gegen Rapid ganz einfach positionsvertauscht aufgeschrieben hat. Zugegeben: Ein etwas schlechtes, weil sehr einfaches, Beispiel. Oft sind die Abweichungen aber kleiner, subtiler. Dann muss der Zuschauer schon außerordentlich gut aufpassen, um sich nicht im bereits angesprochenen Kabelsalat wiederzufinden.

Weiters ist es komisch, ein perfektes System nieder zu schreiben, ohne aber an die Protagonisten – die Spieler – gedacht zu haben. Jede noch so gute Art zu spielen, verlangt 11 Akteure die dieses in die Tat umsetzen können. Eine weitere Komponente, die es zu beachten gilt.

Mittlerweile sollte somit klar sein, dass es die perfekte Aufstellung nicht gibt beziehungsweise einfach nicht geben kann. Wozu dann der Artikel? Um zumindest grob einzuschätzen und beurteilen zu können. Wie bereits erwähnt, erachte ich die folgenden Worte, Zeilen und Absätze keineswegs für vollkommen oder durchwegs richtig – aber das ist es, was den Fußball schön macht: Du schreibst über Dinge, die für dich klar sind, in Wirklichkeit aber vermutlich komplett an der Realität vorbeigehen. Trotzdem wage ich eine nähere Betrachtung einiger geläufiger Spielsysteme:

4-4-2
Die häufigst verwendete Aufstellungsvariante im Fußball des 21. Jahrhunderts ist zweifelsohne das 4-4-2. In allen Ausführungen dieses Systems versuchen die Flügelspieler (samt Außenverteidigern) für eine Art Flügelzange zu sorgen. Das Mittelfeld kann sehr unterschiedlich angeordnet sein – ein Umstand, worauf ich später noch eingehen werde. An vorderster Front lauern meist ein langer und ein kurzer Stürmer. Letzterer spielt in manchen Ausführungen leicht zurückgezogen.

4-4-1-1
Neben den allgemeinen Strukturen eines 4-4-2-Systems, kennzeichnet sich ein 4-4-1-1 insbesondere durch den hängenden Stürmer als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff. Die zentralen Mittelfeldspieler agieren je nach Stärke des Gegners als 6er oder 8er. Der Offensivdrang der Außenverteidiger ist ebenfalls vom Kontrahenten abhängig.
Das 4-4-1-1 wird durchaus häufig gebraucht, in Österreich unter Anderem vom SK Sturm Graz.

4-2-2-2
Oft wird das 4-2-2-2 schlicht wie einleuchtend als 4-4-2 bezeichnet. Einleuchtend, weil sich das 4-2-2-2 im Laufe der Zeit zum populärsten aller Spielweisen entwickelt hat. Die zentralen Mittelfeldspieler sind hauptsächlich mit Defensivaufgaben belastet und spielen eine Doppelsechs vor der eigenen Abwehr. Weitaus offensiver spielen die Flügelspieler, deren Aufgabe darin besteht möglichst viele Flankenbälle in den Strafraum des Gegners zu bekommen. Oftmals rücken auch die Außenverteidiger bis weit in die gegnerische Hälfte vor, um ebenfalls Flanken in den 16er zu schlagen. Prominentestes Beispiel für ein 4-2-2-2 ist in Österreich der SK Rapid Wien.

4-1-2-1-2
Nicht selten wird dieses kompliziert klingende Spielsystem simpel als „Raute“ bezeichnet. Für diese Namensgebung hergenommen werden hierbei die 4 Mittelfeldspieler, die wie in einer Raute aufgestellt sind. Im 4-1-2-1-2 besteht das Mittelfeld neben den Flügelspielern aus einem offensiven und einem defensiven Mittelfeldspieler. Der DM ist hier einer der Marke Marcos Senna (im Gegensatz zur Marke Fränkie Schiemer) und durchaus aktiv in den Spielaufbau eingebunden. Der OM ist oft, aber nicht immer, ein Mittelfeldstratege – klassische Spielmacher sind aber eher unerwünscht. Geeignet ist das 4-4-2 mit Raute vor Allem deswegen, weil es sehr variabel ist und sehr leicht auf veränderte Spielsituation angepasst werden kann. Beispiel für ein 4-1-2-1-2: Van Gaals Aufstellung beim FC Bayern München (obwohl man auch hier wieder die Frage stellen kann, ob es sich nicht doch eher um ein 4-3-3 handelt)

DAS 4-4-2
Das ursprüngliche 4-4-2 kannte keine defensiven Mittelfeldspieler. Dies beherzigt diese noch heute gebräuchliche Spielvariante: Die Außenverteidiger sind deutlich defensiver eingestellt als in den üblichen 4-4-2-Ablegern. Stattdessen sollen zentral offensive Mittelfeldspieler im Zentrum des Spiels für Dominanz und Kreativität sorgen. Gefährlich ist dieses System, da es keinen einzigen defensiv orientierten Spieler im Zentrum vor der Abwehr gibt. Heutzutage wird diese Art zu spielen eher als veraltet betrachtet und ist dementsprechend eher ein Auslaufmodell.

4-3-3
Der niederländische Fußball ließ es aufblühen, niederländische Trainer lassen es weiterleben. Seine Blütezeit erlebte der niederländische Futebol mit der Einführung des 4-3-3 unter einem gewissen Johann Cruyff. Seither dominiert diese Art zu spielen vor Allem die BeNeLux-Länder. Aber nicht nur. Immer mehr Mannschaften vertrauen auf zwei Dreierketten, vor der herkömmlichen Viererkette. Die Sturmreihe bilden zwei flinke Flügelstürmer und ein großgewachsener Mittelstürmer. Dahinter sollen drei eher zentrale Mittelfeldakteure für Ballbesitz sorgen. Wichtig: Regisseure sind im 4-3-3 grundsätzlich unerwünscht!

4-3-3 offensiv
Bei einem offensiven 4-3-3 entwickeln die Außenverteidiger Druck auf das gegnerische Mittelfeld um zusätzlich Raum für die eigene Schaltzentrale zu schaffen. Diese wird von zwei Defensiven und einem Offensiven gebildet. Offensive 4-3-3-Systeme sind heute eher unübliche und kaum noch vorzufinden.

DAS 4-3-3
Die Außenverteidiger haben zwar durchaus Freiheiten im Spiel nach vorne, spielen aber deutlich zurückgezogener als bei der zuvor angesprochenen Variante. Das Mittelfeld bilden zwei zentrale Mittelfeldspieler, denen von einem 6er der Rücken freigehalten wird. Mit diesem System gewann der FC Barcelona im Vorjahr unter Josep Guardiola die Champions League.

4-5-1
Oftmals ist diese Art Fußball zu spielen, als eine unansehliche verschrieen. Teilweise mag das stammen, zum Teil ist aber auch kaum ein Unterschied zu DEM 4-3-3 erkennbar, welches als sehr attraktiv eingestuft wird. Einziger Unterschied zum 4-3-3: Die Flügelspieler haben etwas mehr Defensivarbeit zu verrichten

4-2-3-1
In einem 4-2-3-1 sind die Außenverteidiger oft mit großen Freiräumen gesegnet, da die Doppelsechs im zentralen Mittelfeld im Notfall absichern kann. Vor den zwei Staubsaugern (Marke Senna) spielen drei sehr offensive Mittelfeldspieler. Der zentrale gestaltet das Spiel und ist meist ein echter Spielmacher. Die Flügelspieler suchen oft nach Löchern in der gegnerischen Abwehr um gegebenfalls von einem der Spielgestalter in Szene gesetzt werden zu können. Wie in jedem 4-5-1 ist die Solo-Spitze meist ein großgewachsener Angreifer. Deutschland belegte mit dieser Aufstellung bei der EM2008 den zweiten Endrang.

4-1-4-1
Wo der Unterschied zum 4-1-4-1 liegt? Ich weiß es nicht wirklich. Hier haben wir ihn wieder, den Grenzfall zwischen zweier Aufstellungsvarianten. Was dem Zuseher auf den ersten Blick sehr defensiv erscheint, ist in Wahrheit fast das selbe wie das, was man bei Barcelona hochlobt. Man vergleiche nur die regelmäßige Aufstellung des FC Barcelona mit jener von Red Bull Salzburg (auch wenn dies nur Papierform ist und in der Praxis ein haushoher Unterschied zwischen den beiden Ausrichtungen besteht):

FCB:

Valdez
Alves – Puyol – Pique – Abidal
Busquets
Xavi – Iniesta
Messi – Ibrahimovic – Henry

RBS:

Gustafsson
Schwegler – Afolabi – Sekagya – Ulmer
Schiemer
Leitgeb – Pokrivac
Tchoyi……………………….Svento
Janko

Red Bull Salzburg gewann mit dem 4-1-4-1 alle Spiele der €-League-Gruppenphase und Spanien wurde mit dieser Aufstellung Europameister. Der damalige Teamchef Aragones gilt gleichzeitig als Begründer dieser Taktik.

DAS 4-5-1
Das ursprüngliche 4-5-1 war eine reine Mauer-Taktik, ohne ernsthafte Ansprüche ein Tor zu erzielen. Da heute quasi jeder jeden schlagen kann, ist dieses System nicht weiter zielführend und eigentlich bereits ausgestorben.

Egal welches System man als das beste erachtet – egal ob als Trainer oder als Laie -, was zählt, ist das Wissen, dass du bestenfalls teilweise im Recht liegst. Der Fußball gibt uns noch immer vielerlei Rätsel auf. Zwar kann ich garantieren, dass ein 3-3-3-1 a la Gludovatz wohl kaum zielführend ist – mehr aber auch nicht. Ein interessanter Artikel zu diesem Thema: „Wir sind Lichtjahre davon entfernt, Fußball zu verstehen“

Artikel stammt vom: 12. März 2010 – 17:29 Uhr

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