In der Pause zwischen letzter und momentaner Saison wurde Louis Van Gaal als starker Mann am Ruder des Mia-san-Mia-Vereins präsentiert. Anfangs tat er sich mit seiner Mannschaft schwer – wobei der Umstand eindeutig auf Gegenseitigkeit beruhte. Mittlerweile haben die Bayern das Bayern-Gefühl wieder entdeckt, gewinnen Spiele schön wie grauslich spielend – letztere halten sich aber in Grenzen. Momentan führt man die Meisterschaft an, ist nebenbei auch noch im Rennen um die Champions League. Dort meinte es das Los heute nicht unbedingt gut mit dem Tulpengeneral, hatte er sich doch alles andere als die Barcas und die ManUs gewünscht. Der dseitlhuber – sportblog lehnt sich trotzdem aus dem Fenster und glaubt an einen Bayern-München-Sieg

„Ich bin arrogant“, gab Van Gaal bei seiner Antrittsrede zu. Das machte ihn glaubwürdig, authentisch, passend für Bayern – schließlich definiert sich der süddeutsche Liga-Krösus hauptsächlich über dieses Image. Nur weil man arrogant ist und das zugibt, ist man aber noch lange nicht der richtige Chef für die multikulturelle Starauswahl der Münchner. Anfangs – ohne Robben, der zu diesem Zeitpunkt noch anderswo spielte, und ohne den verletzten Ribery – lief es nicht wirklich, was Van Gaal schnell ins Kreuzfeuer der Kritik bugsierte. Das Team könne nicht mit ihm, ganz zu schweigen von seiner eigenwilligen Art, die Bälle hauptsächlich horizontal zu verschieben. Den Höhepunkt der Krise erfuhr der FC Bayern, als Philipp Lahm der Süddeutschen per Interview Zündstoff gab: Den Funktionären sprach er Philosophie, dem Trainer das nötige Einfühlungsvermögen ab. Lahm bekam darauf hin eine Geldstrafe, die ihm, so Hoeneß, wünschen ließe, diese Aussagen nie getätigt zu haben. Dann war Ruhe.

Und langsam aber sicher ging es auch sportlich bergauf. Mittlerweile war Arjen Robben (Ablöse: 24 Millionen Euro) nach München gestoßen und spielte auch ab und an zusammen mit Ribery. Diesen plagten zwar hier und da kleine Wehwechen, das eine oder andere Spiel hat aber auch er mitentschieden. Jedenfalls wurde aus ewig langem Ballverschiebe ein feuriges Offensivspiel. Der einstmals unzufriedene Lahm fand ebenfalls Gefallen am neuen Spiel der Münchner. Apropos Lahm: Seine Ummodelierung zum Rechtsverteidiger spielt unter Van Gaal eine nicht unwesentliche Rolle. Viele Pseudo-Experten erklärten den Bayern-Trainer für ahnunglos oder schlichtweg fehlgeleitet, als er Lahm von Links auf Rechts nahm. Anfangs tat sich Lahm schwer, schnell erkannte er sich aber als einen „guten Rechtsverteidiger“. Bleibt die Frage: Wieso verzichtet Van Gaal freiwillig auf die Nach-innen-zieh-und-Torabschluss-Vorstöße des Philipp Lahms? Weil er zu höherem berufen ist! Das Spiel des 58-jährigen Niederländers ist abhängig von einer Flügelzange – egal ob im 4-4-2 mit Raute oder im typisch niederländischen 4-3-3 -, welche durch die Außenverteidiger unterstützt wird. Folgendermaßen funktioniert das Ganze: Robben/Ribery zieht 2,3 Spieler auf sich, dribbelt sich frei, zieht nach innen. Jetzt kommt Lahm/Badstuber ins Spiel: Lenkt einer der beiden Flügelspieler ins Zentrum, macht sich der jeweilige Außenverteidiger schnurstracks Richtung Torauslinie auf. Sinn der Sache: Räume aufreißen, eventuell selbst angespielt werden. Zum Räume aufreißen ist der Fuß egal, soll Lahm aber präzise Flanken in den Strafraum schlagen, braucht er sein rechtes Schusswerkzeug – was er als Linksverteidiger einfach nicht könnte.

Somit wäre eines von mehreren Geheimnissen Van Gaals gelüftet. Viele – das gebe ich zu – fallen auch mir nicht auf, was aber nicht heißen soll, dass es sie nicht gibt. Was mir auffiel: Wie praktisch jeder seiner Landsmänner liebt Van Gaal Dreiecke. Möglichst viele sollen seine Spiele bilden und diese möglichst produktiv nutzen. Nach folgendem Schema laufen diese Spielzüge meistens ab: Robben/Ribery zieht 2,3 Spieler auf sich, dribbelt sich frei, spielt nach hinten zu Lahm/Badstuber. Dieser wiederum legt ab zu Van Bommel/Schweinsteiger, der gut zehn Meter weiter innen steht. Genau in diesem Moment sprintet Robben/Ribery in ein Loch, in welches Van Bommel/Schweinsteiger zeitgleich den Ball schupft – funktioniert diese Kombination wie gewünscht, ergibt sich ein enormer Raumgewinn.

Weitere Eigenart des Tulpengenerals: Er liebt Sechser. Soweit nicht ungewöhnlich möchte man meinen. Er liebt sie aber nicht als Abräumer, sondern als Spielmacher. „Spielgestalter der neuen Generation“, nennt er sie. Ein 6er soll in seinem System defensive Aufgaben erledigen, sich aber auch rege im kreativen Bereich bewegen. Seine diesbezügliche Einstellung unterscheidet sich somit recht deutlich von den Ansichten vieler anderer Trainer. Deswegen setzt er Tymoshchuk häufig auf die Bank, zieht dem Russen Van Bommel vor. Zwar ist sein Landsmann, Van Bommel, kein Spielgestalter im klassischen Sinne, aber er ist zweifelsohne in der Lage, Struktur in den Aufbau zu bringen.

Dies sind die wohl offenkundigsten taktischen Varianten in Van Gaals Spielsystem – wie bereits angesprochen gibt es aber höchstwahrscheinlich noch hunderte weitere. Aus diesem Taktik-Salat ergibt sich – sofern jeder fit und spielberechtigt ist – folgende Startelf

Butt
Lahm – Demichelis – Van Buyten – Badstuber
Robben – Van Bommel – Schweinsteiger – Ribery
Gomez – Müller

Wieder zum Sportlichen: Der FC Bayern rangiert derzeit auf der geliebten (Rummenigge: „Lieber Jäger als Gejagter.“) Leader-Position der deutschen Bundesliga (3 Punkte vor Schalke 04). In der Champions League stand man zwischenzeitlich vor dem Aus in der Gruppenphase, konnte in einem starken Spiel gegen Juventus das Spiel aber noch herumreißen. Im ersten K.O.-Duell tat man sich mit ideal eingestellten Fiorentinern zeitweise sehr schwer, stieg aber verdient in die nächste Runde auf. Bei der heutigen Auslosung in Nyon (Hauptquartier der UEFA, Schweiz) bekam man Mancheser United zugelost. Louis Van Gaal meinte bezüglich des Gegners:

„Manchester ist ein schweres Los. Sie sind mit Barcelona die Favoriten. Sie sind momenten in einer sehr guten Phase, da wird es schwer sein, sie zu schlagen. Aber englische Mannschaften spielen immer ihr eigenes Spiel, das ist ein Vorteil für uns, da wir sonst immer gegen nur defensiv eingestellte Mannschaften spielen.“

Ich persönlich traue dem Bayern – obwohl ich nicht unbedingt ein Fan ihrer Mentalität bin – den Aufstieg absolut zu, da sowohl die individuelle Klasse einzelner Spieler wie auch die kollektive Leistungsfähigkeit gegeben sein sollte.

Fazit: Vermutlich ist der FC Bayern München nicht der sympathischste Verein der Welt. Was zählt ist aber das Sportliche – und das ist für den neutralen Zuseher momentan mehr als ansehlich. Bei aller Abneigung gegen manche Herren im FCB-Vorstand: Man muss Van Gaal zu Interviews wie diesem und seiner brillanten Taktik gratulieren und darf dem K.O.-Duell zwischen Bayern und ManU gespannt entgegen blicken. Van Gaal: „Für das Publikum wird das ein schönes Spiel“.

Artikel stammt vom: 19. März 2010 – 19:40 Uhr

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