Was Branko Boskovic, Simon Cziommer und Samir Muratovic eint? Sie alle wandern gegen den Trend und sind mehr oder weniger typische 10er. Früher hatte man als Spielgestalter nahezu uneingeschränkte Freiheiten, heute sind die meisten Trainer bös auf einen, wenn man einer ist. Über unerwünschte Spielmacher und deren Nachfolger

Hübsch, aber nicht genehm
Die Spielmacher sind es ja eigentlich, die den Fußball hübsch machen. Wer sieht nicht gerne einen Maradona die Abwehr durchtanzen oder Diego die Abwehr mit einem idealen Lochpass öffnen? Richtig, niemand. Dennoch gehört die 10er-Rolle zu den sterbenden im modernen Profifußball. Immer mehr Trainer setzen auf 8er (= vorne wie hinten gut, z.B. Leitgeb) oder stellen konstruktive 6er (= technisch versierte Abräumer) auf – Siehe Huub Stevens, siehe Louis Van Gaal, siehe die weltweite Entwicklung. Der Fußball scheint zu begrenzt geworden sein für Grenzgänger wie beispielsweise Maradona einer war. So kommt es, dass man echte Spielmacher in der Weltklasse mittlerweile fast an zwei Händen abzählen kann. Sneidjer fällt mir ein, Van der Vaart, Diego, die drei zuvor angesprochenen aus der Sissiliga – Nachdenkpause. Jedenfalls werden es ständig weniger.

Geplante Unauffälligkeit
Kein Wunder, wird heutzutage schon selbst den jüngsten Nachwuchs-Kickern eingetrichtert, sich möglichst unauffällig und diszipliniert zu verhalten – das prägt sich natürlich in deren Spielweise. Wird einer versehentlich doch ein 10er, wird er in den meisten Fällen schnell zum Flügelspieler umfunktioniert – Ronaldinho tat das, Hofmann tut das.

Regisseure auf Abwegen
Was früher cool war, ist heute gemeinhin als unmodern abgetan. Trotzdem gibt es noch Exoten. Siehe Somen Tchoyi, frage Huub Stevens. Somen sei Somen, manchmal welt- aber hier und da auch amateurklassig. Dass Stevens auch nur einem seiner Schützlinge Freiheiten gebietet, ist verhältnismäßig komisch. Sieht man aber wo Tchoyi spielt, am rechten Flügel, drängt sich schnell eine logische Schlussfolgerung auf: Je weiter man vom Zentrum entfernt ist, desto mehr Freiheiten scheint man zu genießen. Es gibt sie also weiterhin, die Spielmacher, nur halt nicht in der Schaltzentrale. Prominente Nutznießer: Messi darf bei Barca laufen wo er will, Rapid lebt und stirbt mit Freigeist Hofmann. Alles legitim, solange sich die Herren auf den Flügeln – oder zumindest nur kurzfristig anderswo – bewegen.

Sechser der einen…
Das Sterben der Maradonas ist nichts Neues und schon seit geraumer Zeit aktiv, einen regelrechten Boom erlebte es jedoch rund um die EM 2008. Luis Aragones lehrte seinen Spaniern das revolutionäre 4-1-4-1-System und stellte bisher dagewesenes ziemlich auf den Kopf. Die vermutlich wichtigste Rolle in der Europameister-Elf spielte Marcos Senna, der das gab, was man heute einen ‚konstruktiven 6er‘ nennt. Vor ihm agierten zwei 8er, die vorne wie hinten zu finden sind. Die Flügelspieler agierten beinahe als zweite und dritte Angreifer, die den Mittelstürmer (Villa/Torres) unterstützen.
Nicht wenige haben versucht, die Spanier zu kopieren. Einige offensiver (Guardiola), manche defensiver (Stevens). Jedenfalls kennt diese Art zu spielen keinen Spielmacher, was bei Barca Ronaldinho und im spanischen Nationalteam Fabregas traf. Vielmehr zieht der Mann vor und hinter einer Viererkette die Fäden, nicht wenige interpretieren den 6er als Spielmacher der neuen Generation. Wörtlich ausgesprochen hat dies unter anderem der Tulpengeneral aus München.

… und der anderen Art
Bei Barcelona wandert der 6er auf ganz neuen Spuren – aber Guardiola ist ohnehin eine Ausnahme für sich. Was man derzeit in Salzburg sieht, ist da schon weiter verbreitet. Ein destruktiver 6er, ein sogenannter ‚Staubsauger‘. Das schlägt sich auf den Spielaufbau, die Struktur der Schaltzentrale nieder, verleiht der Abwehr aber wesentlich mehr Stabilität. Ab und an wird dieser bei Angriffen des Gegners auch zum fünften Verteidiger.

Die Vorzüge des 4-1-4-1 sind komplex aber leicht erklärt. Spielt man als österreichischer Teamtrainer mit Andi Ivanschitz, geht man komischerweise in Führung, muss man den Mainzer fast zwangsläufig austauschen und das gesamte System umstellen. Roman Tuchel (Mainz-Cheftrainer, Anm.) kann davon ein Lied singen. Die spanische Nationalmannschaft hingegen beginnt gegen quasi jeden Gegner mit dem selben System und zieht dieses auch über die gesamte Spieldauer durch. Teilweise variieren die eingesetzten Spieler, häufig ist aber auch einfach die taktische Ausrichtung eine andere. Möglichkeiten zwischen angriffs- und defensiv-orientierten Spiel zu wechseln, gibt es im 4-1-4-1 zu Hauf:

Außenverteidiger
bei Führung: weniger Freiheiten nach vorne, etwas ins Zentrum gezogen
bei Rückstand: mehr Freiheiten nach vorne, bis an die Seitenauslinie hinaus verbreitet – daher mehr Räume für die restliche Mannschaft

Sechser
bei Führung: destruktiver 6er (Marke Schiemer) – Abräumer, zeitweise fünfter Verteidiger
bei Rückstand: konstruktiver 6er (Marke Senna) – Spielgestalter, bei Ideenarmut auch gerne mit Torabschlüssen aus der zweiten Reihe

Achter
bei Führung: unterstützen den 6er, halten den Ball flach und in den eigenen Reihen ohne wirklich auf Torerfolg aus zu sein
bei Rückstand: lassen die individuelle Klasse – sofern vorhanden – aufblitzen und sorgen in der gegnerischen Abwehr für Unruhe

Flügelspieler
bei Führung: gehen den Außenverteidigern zur Hand und vermeiden sinnlose Vorstöße
bei Rückstand: zweite beziehungsweise dritte Angreifer, beste Freunde der Solo-Spitze, die sich durch sie nicht mehr alleine fühlen muss

Spanien, Salzburg, Barca spielen immer mit der selben Art, aber doch jedes Mal anders. Kaum ein Spiel gleicht den anderen 90 Minuten. Was auf den einen Blick statisch scheint, ist auf den zweiten irrsinnig variabel. Auch wenn klassische Spielmacher immer einen Platz in meinem Herzen haben werden, überwiegen die Vorteile der modernen Spielweisen doch klar. Eines rate ich jedoch allen Trainern: Finger weg von der Doppelsechs.

Artikel stammt vom: 29. März 2010 – 19:58 Uhr

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