Auch ohne Robben und trotz frühen Rückstands gewann der FC Bayern München das Hinspiel gegen ManU. Dass das Siegestor in der 92. Minute fiel lässt auf Bayerndusel schließen, ist aber vielmehr Resultat einer guten zweiten Halbzeit und blendender Kampfkraft.
Nach dem 2:1 stehen die Aufstiegschancen auf beiden Seiten gut.

Nicht nur Österreich scheint sein Cordoba zu haben. Wer kennt es nicht, wenn vor jedem Duell mit dem Nachbar an ’78 gedacht wird? Doch nicht nur hierzulande weilt man gerne in der Vergangenheit. Marcel Reif – schon im letzten Jahrtausend Kommentator – beteuerte zwar mehrmals, dass er von 1999 nichts halte, verfiel aber allzu oft in hinkende Vergleiche zum Champions-League-Finale diesen Jahres. Doch nicht nur er, auch die Spieler, deren Trainer und natürlich alle Bayern-Fans waren nach dem Spiel froh, dass das Spielchen umgedreht wurde.

„Besser gespielt, verdient gewonnen“, analysierte Van Gaal bestens gelaunt. Er hatte auch das Recht fröhlich zu sein und seine Einschätzung war tatsächlich richtig. Auch ohne Robben machte seine Mannschaft gegen ManUnited eine gute Figur, hat sich den 2:1-Sieg letztendlich verdient erkämpft.

Obwohl das Spiel eigentlich gar nicht gut begonnen hatte und mehr auf Barcelona als auf Florenz schließen ließ. Schon nach 64 Sekunden hieß es 1:0 für die Gäste, Rooney hatte nach Stellungsfehler (+ Ausrutschen) von Demichelis allein stehend genetzt. Die Entstehungsgeschichte zum Freistoß aus dem das Tor fiel, ist eine billige: Demichelis hätte den Ball nur ins Out spitzeln müssen, bremste aber kurzzeitig ab und traf den Unterschenkel des Gegners – Foul. Van Gaal zu der Szene: „Ich sage immer, dass man dort nicht foul spielen soll, auf den Flügeln werden keine Tore erzielt“.

Die Bayern waren vermutlich in der Hoffnung auf ein torloses Unentschieden (Van Gaal: „Das wäre gut.“) in die Partie gegangen, mussten diese Vorstellung also schon früh über Bord werfen. Trotz Rückstands blieb die Taktik die selbe – jene, die man von Van Gaal kennt: Das Mittelfeld gänzlich unter Kontrolle bringen, den Gegner dadurch in dessen Abwehrdrittel drängen und mit einstudierten Spielzügen den Torabschluss suchen.

Normalerweise läuft quasi jeder über Arjen Robben. Dieser saß gestern jedoch auf der Tribüne und fehlte seiner Mannschaft merklich. Lahm zog zwar wie ein Wilder, riss wie sooft Räume, welche jedoch von Ersatz-Robben Hamit Altintop fast nie genutzt werden konnten. Altintop verschleppte oft das Spiel – grundsätzlich legitim, da somit die Mannschaft nachrücken kann – und verlor anschließend den Ball. Auf der Gegenseite war Ribery ein armer Fußballer. Zugegeben war der Franzose schon fitter und spielfreudiger, gestern war er aber schlichtweg von jeder guten Unterstützung verlassen. Nein, eigentlich schon die ganze Saison. Während Philipp Lahm – für Reif bestenfalls ein durchschnittlicher Rechtsverteidiger – auf seiner Seite abgeht wie ein Philipp Lahm, kann der gelernte Innenverteidiger Holger Badstuber seinem Vordermann nur äußerst selten zur Hand gehen. Somit läuft Ribery Antritt um Antritt gegen eine Wand. Für die Bundesliga mag seine individuelle Klasse ausreichen, gegen ManU war Nani/Neville aber fast immer Endstation.

Dass die schwachen 45 Minuten nicht noch ärger bestraft wurden, verdankt Van Gaal seinem Trainerkollegen, der seiner Mannschaft scheinbar kein effektives Konterspiel beigebracht haben dürfte. Eine Mannschaft vom Format Manchester Uniteds hätte gegen diese – teils inferiore – Bayern-Defensive einfach ein Tor zustande bringen müssen. Die Ferguson-Elf erschien mir zu genügsam und stellte – gegen jede Logik und/oder Notwendigkeit – selbst Bemühungen zu Entlastungsangriffen beinahe gänzlich ein. Dass die Bayern im ersten Durchgang nur zu einer guten Torgelegenheit kamen, liegt an Robbens-Fehlen aber auch an der Abstinenz von Bastian Schweinsteiger. Pranjic vertrat den Deutschen zwar durchaus würdig, kam aber hinten wie vorne nicht an die Klasse eines Schweinis heran.

Auch in der zweiten Halbzeit blieb Van Gaal seiner Spielweise treu. Einziger Unterschied: Seine Mannschaft spielte nun mit mehr Feuer und konnte die Überlegenheit im Mittelfeld ausweiten. Es musste aber eine Standardsituation her, ehe die Bayern wieder ins Spiel zurück fanden. Riberys Freistoß war eigentlich schlecht, wurde aber unhaltbar abgefälscht – Egalité.
Nun war das Momentum auf der Seite der Bayern, das Siegestor plötzlich greifbar. Probleme bereiteten ManU inbesondere die beiden Bayern-Angreifer: Vorzeigeathlet Olic und der mittlerweile eingewechselte Gomez sorgten hier und da für Zuordnungsprobleme in der englischen Abwehr. Olic war es dann auch, der die 65 000 Bayern-Fans wenige Sekunden vor Schluss in Ekstase versetzte: Gomez tankt sich durch Rooney und Manchester durch, wird erst an der Strafraumgrenze gestoppt. Die gesamte ManU-Abwehr findet den Ball nicht, einzig Olic behält die Übersicht, zieht Richtung Tor und vollendet im Stile eines Ivica Olic. Nicht nur Reif war von Sinnen, nicht nur Reif fand Parallelen.
Selbe Situation, nur aus Sicht des englischen Kommentators: „Oh… what a goal. This is the revange for ’99!“

Artikel stammt vom: 31. März 2010 – 12:05 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Fakten und Erwähnenswertes:

  • Die Bayern hatten 60% Ballbesitz, mehr Torgelegenheiten und haben trotz glücklichen Treffern verdient gewonnen
  • Erschreckend ungefährlich präsentierte sich Manchester United bei eigener Führung. Eine Mannschaft von diesem Schlag, hätte das Spiel gegen die schwache Bayern-Abwehr vorentscheiden müssen
  • Ribery war auf der linken Seite von Badstuber verlassen und sah sich immer mit einer Mauer an nicht gerade zimperlichen Engländern konfrontiert
  • Robben konnte erwartungsgemäß nicht kompensiert werden. Altintop ist zwar ein blendender Techniker, besticht jedoch eher durch überhebliches Auftreten und taktische Unzulänglichkeiten
  • Pranjic spielte okay, aber Schweinsteiger spielt besser. Der Deutsche fehlte den Bayern enorm, da er sowohl abräumen als auch das Spiel eröffnen kann
  • Beim Zweikampf mit Gomez in Minute 92 verknöchelte Wayne Rooney und dürfte sich dabei das Außenband (ein)gerissen haben, was eine Pause von 4-6 Wochen zur Folge hätte
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