Der Fußball übertraf sich vorgestern zeitweise selbst. Barcelona zeigte sich vor Allem im ersten Durchgang von seiner besten Seite, Arsenal hingegen kam in den ersten 30 Minuten kaum aus der eigenen Hälfte und tat sich generell mit dem Spiel der Spanier schwer. Das Endresultat, 2:2, lässt auf Spannung und sensationelle 90 Minuten hoffen

Als Arsenal in Nyon Barcelona zugelost bekam und klar war, dass Barca mit Arsenal spielen würde, hatte der neutrale Fußballfan allen Grund zur Freude. Das Treffen der beiden spielstärksten Teams der Fußballszene versprach, ein vorgezogenes Finale zu werden.

Barca lief im gewohnten 4-3-3 auf

Valdes
Alves – Pique – Puyol – Maxwell
Busquets
Keita – Xavi
Messi…………………….Pedro
Ibrahimovic

während Arsenal etwas ungewohnt, wenngleich der Papierform nach eigentlich genauso wie Barca, auftrat.

Almunia
Sagna – Gallas – Vermaelen – Clichy
Song
Diaby – Fabregas
Arshavin…………………….Nasri
Bendtner

Was nominell somit beiderseits eine Mischung aus 4-1-4-1 und 4-3-3 ergab, bei Arsenal aber faktisch zum 4-2-3-1 wurde.

Barca spielte mit Arsenal
Während Barcelona im Stile eines amtierenden Champions-League-Siegers agierte, war Arsenal im ersten Drittel des Spiels fast ausschließlich mit defensiven Aufgaben beschäftigt. Man sah den Londonern förmlich an, wie sie bemüht waren, hübsch zu spielen – da Barcelona ohne Ball aber vermutlich noch besser ist als mit, hatten die wieselflinken Wengers keine Möglichkeit, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Spielgestalter Fabregas – der fit geworden war, das Spiel aber verletzt verließ – wurde bei jeder Ballberührung von mehreren Spaniern umringt und in den meisten Fällen am Abspiel gehindert.

Der Titelträger hingegen spielte, wie es sich gehört. Erfrischend offensiv, ohne defensiv in Bedrängnis zu geraten. Entgegen dem internationalen Trend der defensiven Defensive (den Spieler nicht tackeln, sondern nur vom Tor fernhalten – siehe RB Salzburg) besteht das Abwehrverhalten von Barcelona aus intensivem Pressing. Da dieses praktisch immer Früchte trägt und den Gegner allzu oft zu Ballverlust zwingt, läuft man trotzdem nur äußerst selten in Konter.

Jedenfalls machte Barca – inklusive den Außenverteidigern Alves und Maxwell, die teilweise wie Stürmer agierten – mächtig Druck und erspielte sich Torchance um Torchance. Dass es vorerst nicht zur Führung reichte, lag an mangelhaftem Torabschluss und dem sensationellen Arsenal-Goalie Almunia. Nach 30 Minuten bekam man von der Statistik bestätigt, was man sich vermutlich schon in ähnlicher Form erwartet hatte: 70% Ballbesitz für Barcelona. Die Auswärts(!)mannschaft spielte Arsenal förmlich an die Wand, was Arsene Wenger sichtlich missfiel.

Erst gegen Ende des ersten Durchgangs konnte sich seine Elf aus der Umklammerung lösen. Für das anfängliche Auftreten der Londoner gibt es Entschuldigungen en Masse – Barca ist einfach stark, Barca steht zu eng am Mann, Arshavin verletzte sich, Gallas verletzte sich, … -, aber trotz allem hatte man sich von Arsenal zurecht mehr erwartet.

Auf der Gegenseite hatte Guardiola eigentlich allen Grund, stolz zu sein, wirkte aber eher aufgekratzt und zuweilen ein bisschen unzufrieden. Bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so komisch: Denn nicht nur die Chancenverwertung gab ihm allen Grund dazu, auch in der Schaltzentrale klappte nicht alles nach Wunsch: Während Xavi, der im Laufe der Partie zum Mann des Spiel avancieren sollte, eine überragende Leistung auspackte, spielten Busquets und Keita unter deren Leistungsfähigkeit. Vor Allem letzterer tat sich sehr schwer, war ständig auf der Suche nach Anschluss und tauschte deshalb oft Position mit Busquets.

Arsenal wurde wieder Arsenal
Die erste Halbzeit war eine neuerliche Machtdemonstration des Titelverteidigers, lediglich die Tore fehlten. Ausgerechnet der viel gescholtene Zlatan Ibrahimovic führte dieses jedoch sehr rasch nach Wiederbeginn herbei. Ganze 22 Sekunden waren vergangen, ehe der Schwede nach Tormannfehler von Almunia einlupfte. Auffallend: Solo-Spitze Bendtner ließ den Abwehrspieler Pique viel zu lange gewähren, sodass dieser den idealen Zeitpunkt des Abspiels wählen konnte.

Um nicht baden zu gehen, brauchte Arsenal nun einen Sinneswandel – die Abwehrschlacht der ersten 45 Minuten würde Barca von nun an in die Hände spielen. Arsenal hatte keine Lust, stattdessen ließ sich stattdessen noch ein zweites Tor einschenken:
Xavi Hernandez verzögert im Mittelfeld geschickt – ein typisches Barcelona-Muster, weshalb die nächsten Sekunden für den Beobachter vorhersehbar waren. Für die Arsenal-Verteidigung nicht, wodurch der ideal frei gespielte Ibrahimovic kaum Mühe hatte, für die vermeintliche Vorentscheidung zu sorgen. Dass die Hausherren nach dem Rückstand geschockt waren, kann man verzeihen, auch die Genialität eines Xavi kommt eventuell strafmildernd zugute – nichts desto trotz geht das 2:0 mindestens zur Hälfte auf die Innenverteidigung des englischen Tabellendritten und ist auf dieser Bühne ein mittelschweres Verbrechen.

Eine Wende erfuhr die Partie erst mit der Hereinnahme des pfeilschnellen Theo Walcott. Gerade einmal zwei Einsatzminuten brauchte er, um seine Mannschaft zurück ins Spiel zu bringen. Dem Tor vorausgegangen war eine nette Kurzpassstafette der Londoner, die jedoch erst durch einen verehrenden Abspielfehler von Busquets  ermöglicht worden war.

Arsenal war mittlerweile die bessere Mannschaft geworden, Barcelona bekam in dieser Phase ihre Menschlichkeit aufgezeigt. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, dass die Guardiola-Elf Lockerheit mit Leichtsinn verwechselte und den Ernst der Lage verkannte. So kam es, wie es in solchen Fällen eigentlich immer kommt: Walcott hat Platz, findet über Umwege Bendtners Kopf, welcher wiederum zu Fabregas ablegt. Dieser hätte vermutlich ausgeglichen, wäre er nicht von Puyol gehindert worden – Strafstoß + Rot wegen Torraubs. Der gefoulte schoss, der goldenen Regel zum Trotze (Wenger: „Diese Regel gibt es bei uns nicht.“), selber und holte mit einem strammen Schuss inmitten des Tores Versäumtes nach. Unglücklicherweise zog er sich im Rahmen dieser Szene (vermutlich beim Foul von Puyol) einen Wadenbeinbruch zu, welcher ihm unter Umständen die WM kosten könnte.

Die letzten Minuten gehörten Arsenal, die numerisch zwar überlegen waren, jedoch einen humpelnden Fabregas auf dem Spielfeld hatten – Wenger hatte sein Wechselkontingent bereits verbraucht. Einige Halbchance sorgten für eine spannende Schlussphase, der Siegestreffer wollte aber weder hüben noch drüben gelingen.

Fazit: Solche Spiele muss man – auch als Barcelona – gewinnen, wenn man den Titel verteidigen will. Ein 2:0 gab zuletzt Red Bull Salzburg aus der Hand – die Geschichte, wie man gegen einen offensichtlich unterlegenen Gegner doch noch ausscheiden kann, ist bekannt.

Artikel stammt vom: 2. April 2010 – 15:29 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Arsenal in der Einzelkritik:

Almunia: Spielte in der ersten Halbzeit sein bestes Tennis, hätte beim Führungstreffer der Katalanen im Tor bleiben müssen

Sagna: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Pique in Schach halten konnte
Gallas: Hier und da ein Unsicherheitsfaktor, nach 44 Minuten aber ohnehin verletzungsbedingt vom Platz gegangen
Vermaelen: Der Bessere seiner Defensive.
Clichy: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Messi entwaffnete

Song: Räumte nach bestem Wissen und Gewissen ab, scheute keinen Zweikampf, verwechselte Kampf aber zeitweise mit Foul

Walcott: Belebte die Offensive der Londoner nach seiner Einwechslung immer wieder, sprintete immer wieder mustergültig in den Raum – siehe 1:2.
Fabregas: In den ersten 45 Minuten völlig aus dem Spiel genommen, danach ein guter Akzentgeber
Diaby: Spielte oft neben Song, hatte dort einen schweren Job, den er befriedigend erfüllte
Nasri: Ackerte wie ein braver Franzose und machte auch ansonsten eine durchaus gute Partie

Bendtner: Immer wieder am Spielaufbau beteiligt, beim 1:2 genialer Vorlagengeber und auch am Ausgleich beteiligt.

Barcelona in der Einzelkritik:

Valdes: Selten geprüft, beim 2:1 darf man ihn nicht schuldlos sprechen

Alves: Der wohl offensivstärkste Außenverteidiger der Welt machte seinem Ruf alle Ehre. Hinten hatte er mit Nasri kaum Schwierigkeiten
Pique:
Sicher, wenngleich auch nur selten gefordert
Puyol:
Siehe Pique. Sein Elferfoul gegen Fabregas war zwingend nötig, auch wenn es Rot nach sich zog
Maxwell:
Wirbelte vorne wie ein Wilder, vernachlässigte hierbei aber hier und da die Defensivarbeit – Walcott ließ ihn des Öfteren alt aussehen

Busquets: Tauschte oft Rolle mit Keita, spielte ganz gut, verschuldete jedoch das 2:1 durch einen unnötigen Fehlpass
Keita:
Tauschte oft Rolle mit Busquets, spielte nicht wirklich gut, verschuldete immerhin kein Gegentor
Xavi:
Bester Mann am Platz, dirigierte auch ohne Iniesta fabelhaft. Beim zweiten Tor für Barca demonstrierte er seine Klasse.

Messi: Hatte in der ersten Halbzeit eine gute Einschussmöglichkeit – ansonsten hielt er sich auf hohem Niveau im Hintergrund
Ibrahimovic:
Vernebelte im ersten Durchgang zwei Großchancen, bewies bei seinen Toren 1 und 2 schlussendlich trotzdem Torjägerqualitäten
Pedro:
Hatte mit dem geschwinden Sagna seine liebe Müh und blieb über 90 Minuten hinweg farblos

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