Im sagenumwobenen San Siro trafen gestern Inter Mailand, der FC Barcelona und somit zwei Welten aufeinander. Die Welt von Inter Mailand war nach 90 Minuten mehr als in Ordnung, gewann man doch, verdientermaßen, gegen die viel gerühmten Katalanen. Warum Mourinho ein Mittel fand, Guardiola kein Mittel fand und die Ausgangslage vor dem Showdown im Camp Nou spannender nicht sein könnte

Barcelona ist auch nur eine Mannschaft
Vorweg – die Barcelona-Fans unter euch mögen mir nicht böse sein: Ich bin mit dem Ausgang des Spiels glücklich, in meinen Erwartungen erfüllt und nochmals glücklich. Die, Barcelona, die man als unschlagbar deklarierte, waren doch schlagbar und insbesondere Lionel Messi, bekanntlich nicht zu verteidigen (Wenger: „Unstopable“, Sammer: „Nicht zu verteidigen“, Rossi: „Nicht zu verteidigen), wurde perfekt verteidigt.
Generell neigt man dazu, das momentane Maß aller Dinge, das nichts desto trotz momentan sicherlich Barca ist, bis ins Unendliche zu verherrlichen – dass Hirn weg zu schmeißen und in der Folge auf Kritik verzichten. Auch als ich Messi als Abhängigen – im fußballerischen Sinne, vom Kollektiv Barcelona – bezeichnet und Ronaldo als den kompletteren Fußballer beschrieben habe, wurde mir rasch Majestätsbeleidigung vorgeworfen. Jedem das Seine, aber mir das Meine.

Mourinho ist mehr als ein guter Trainer
Insgeheim habe ich wirklich gehofft, dass Mourinho etwas aus dem Hut zaubert und Barca, samt Messi, endlich vor eine gute Hintermannschaft und ernsthafte Probleme stellt. Gehofft, getan.
José Mourinho machte seinem Titel als „Bester Trainer der Welt“, den er sich übrigens einst selbst verliehen hat, alle Ehre und neutralisierte mit seiner Aufstellung sämtliche Qualitäten der Katalanen.

„Seiner Aufstellung“ war folgende:

Cesar
Maicon – Samuel – Lucio – Zanetti
Cambiasso – Motta
Eto’o____________Pandev
Sneijder
Milito

Stand zwar anders zu Papier, wurde faktisch aber wie oben angeführt gespielt. Während Milito relativ wenig machen musste, attackierte Snejder schon wesentlich energischer, zwang 6er Busquets oft zu Abspielfehlern. Die Flügelspieler Eto’o und Pandev spielten mal so, mal so – je nach Situation offensiver oder defensiv orientiert. Die beiden ließen zu den Flügelspielern der Barcas – meistens waren es die Außenverteidiger – unheimlich viel Platz, konnten dies durch exzellente Raumdeckung jedoch wieder wett machen.

Knackpunkt
Dahinter wurde das Spiel erst richtig entschieden: Cambiasso – und zeitweise auch Thiago Motta – montierte die Schaltzentrale, sie heißt Xavi, kompromisslos ab und lähmte damit den gesamten Spielaufbau der Gäste.
Dass Ibrahimovic völlig in der Luft hing, vorwiegend Löcher in die Luft schaute, ist da mehr als typisch, fast logisch, wenn man ihn kennt. Messi ist weit weniger exzentrisch als der Schwede, brachte gestern aber doch recht wenig auf den Platz. Ich glaube nicht dass es an der schlechten Tagesform gelegen hat, vielmehr meine ich weiterhin, dass Messi nur funktioniert, wenn der Gegner ihm Raum und Zeit, Lust und Laune lässt – nebenbei muss natürlich auch der Rest der Mannschaft mitspielen. Beides war gestern nicht gegeben, Messi daher unauffällig. Trotzdem: Er hat keinesfalls schlecht gespielt, er ist halt wie er ist: Weltklasse, sofern Gegner und Teamkollegen mitspielen.

Sonderbewachung gab es für den Argentinier – wie von Mourinho versprochen – übrigens keine, er wurde fast wie jeder andere Spieler behandelt. 1 1/2 Mannen attackierten den Ballführenden, der Rest spulte Kilometer um Kilometer ab – selbstredend auf fix fertig einstudierten Laufwegen. Überhaupt bot Inter eine Konzentrationsleistung der Sonderklasse, kaum ein Ball wurde unnötig verloren gegeben.
Etwas anders sah die Sache bei Barcelona aus: Dort verfiel man teilweise in Selbstgefälligkeit (wieso eigentlich?) und somit Konzentrationsdefizite, die sich durch eine ungewöhnlich hohe Fehlpassquote bemerkbar machte.

Krieg der Welten
Womit wir beim Kampf zweier Welten angelangt wären. Neben Inter gegen Barcelona trafen auch zwei von Grund auf verschiedene Einstellungen aufeinander: Einerseits die taktisch disziplinierten, kampfstarken Italiener, die aber auch offensiv – meistens durch schnelle Gegenstöße mit 1,2 Mal Ballberühren – ansehlich agierten. Auf der anderen Seite Barcelona, die technisch brillanten, wieselflinken Spanier, die in der Regel auch defensiv zu überzeugen wissen.
Gestern entschied zum Einen die Fähigkeit des Siegers, die Stärken des anderen (Technik, Geschwindigkeit, …) nahezu gänzlich zu neutralisieren und zum Anderen die Fähigkeit des Siegers, die Schwächen des anderen (4er-Abwehrkette, weil eigentlich nur aus Innenverteidigung bestehend) eiskalt auszunutzen.
Diesbezüglich war Inter Barcelona meilenweit (man könnte gut und gerne auch von 1 000 Kilometern sprechen) überlegen, hat daher auch völlig verdient gewonnen.

Soviel zu gestern. Viel pikanter, weil fundamentaler, ist für mich allerdings die Frage nach der Erstrebsamkeit von übermäßig viel Ballbesitz. Manche empfinden ihn als Segen (Van Gaal, Guardiola, …), andere als unliebsame Bürde (Magath, Mourinho, …), die man gerne umgeht.
Wirklich beantworten kann man die Frage meiner Meinung nach nicht. Auch wenn das in Zeiten des modernen, engen, perfektionistischen Fußballgeschäft sehr schwer zu glauben ist: Es geht beides. Das sieht man auf höchster- (Champions League: Guardiola gg Mourinho), hoher Ebene (Deutsche Bundesliga: Van Gaal vs. Magath) und mit Abstrichen auch im österreichischen Fußball (Stevens vs. Pacult). Überall liefern sich die Philosophien ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in manchen Spielen hat der Eine einen Vorteil, im anderen der wiederum andere.
Gestern hat der Anti-Ballbesitz (Inter hatte nur 33% Ballbesitz, aber wesentlich mehr Hochkaräter) gewonnen, mal schaun ob er auch aufsteigt.

Artikel stammt vom: 21. April 2010 – 15:35 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Inter Mailand:

Cesar: Hatte gar nicht so arg viel zu tun, war beim Gegentor mehr als machtlos und ansonsten ein solider Rückhalt.

Maicon: Machte hinten wie vorne (siehe Tor zum 2:1) eine gute Partie, wesentlich besser als sein Diagonal-Gegenüber Dani Alves
Samuel:
Nicht der Schnellste, aber dank brillanten Stellungsspiel ohne echte Fehler – tadellose Darbietung
Lucio:
Legte den Grundstein für die starke Defensivleistung Inters, blieb über 90 Minuten ohne ernsthafte Fehler, lediglich das Missverständnis mit Cambiasso beim 0:1 befleckt seinen Auftritt ein wenig
Zanetti:
Wäre der Mann nicht 37 sondern 25 Jahre alt, könnte man seine Leistung verstehen – so ist es ein Rätsel, wie man auf diesem Niveau noch dermaßen gut verteidigen kann. Top!

Cambiasso: Hatte das zentrale Mittelfeld der Spanier fast alleine im Griff, teilweise aber mit Ungenauigkeiten im Spielaufbau
Motta:
Pendant Cambiassos… Unterschiede: Nach vorne hin etwas genauer, hinten etwas nachlässiger.
Eto’o:
Mourinho formte ihn vom Mittelstürmer zum RF um – tat auch gut daran, Eto’o blüht dort so richtig auf. Sorgte Vorne für Wirbel und hatte auch defensiv kaum Probleme mit Maxwell.
Pandev:
Solide. Dazu noch ein paar technische Gustostückerl, wie etwa das Gurkerl an Dani Alves. Dazu war auch Hinten auf ihn Verlass.
Sneijder:
Spielte den Regisseur recht gut, bewegte sich trotz Trainingsrückstands viel und erzielte zudem den wichtigen Ausgleich.

Milito: Vermutlich der beste Mann am Platz! Vom Standard-Live-Ticker wurde er nach zwei kläglich vergebenen Chancen in der Anfangsphase schon zum „Chancentod des Spiels“ deklariert – mit zwei Torvorlagen und einem Abseitstor, das zählte, strafte er Herrn Bauer Lügen.

FC Barcelona:

Valdés: Irgendwie trat der Spanier ziemlich komisch, weil unerklärlich unsicher, auf – bei den Gegentreffer darf man ihm jedoch keine Mitschuld einräumen

Alves: Wie immer fast wie ein Flügelstürmer, Vorne aber wirkungslos und in der 4er-Kette teilweise inferior
Puyol:
Gewann wichtige- und verlor schwierige Zweikämpfe – Durchschittspartie. Fehlt übrigens wegen Gelb-Sperre im Rückspiel!
Pique:
Siehe Puyol, nur ein Äutzerl schwächer
Maxwell:
Setzte sich beim 1:0 gut durch, blieb ansonsten im Offensivspiel wirkungslos und war defensiv mit Eto’o überfordert.

Busquets: Hatte mehrere Chancen, fand im Spielaufbau aber nicht wirklich statt
Xavi:
Hatte keine Chancen, fand im Spielaufbau sonderbarerweise nicht statt
Keita:
Wirkte teilweise einfach überfordert

Messi: Oben bereits lang und breit erklärt… Passabel, aber unauffällig trifft es wohl am Besten
Ibrahimovic:
Klassischer Löcher-in-die-Luft-Schau-Ibrahimovic
Pedro:
Spielte eine sehr gute Partie und war an nahezu jeder Offensivaktion der Katalanen beteiligt.

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