Das österreichische Nationalteam hat sich gestern mal wieder selbst übertroffen. Wie Blassfüßler, taktische Nackabatzln und biedere Amateurkicker agierten die Österreicher teilweise. Die ÖFB-Auswahl hat in mittlerweile 9 Spielen unter Teamchef Constantini noch immer keine Leistungssteigerung zuwege gebracht.
– Klärungsbedarf.

Zugegeben: Kroatien hat auch ohne Rakitic, Pranjic, Kranjcar oder Olic genug Qualität, Österreich an guten Tagen mit dem kleinen Finger zu heben. Alleine Luca Modric hat mehr individuelle Klasse im Fuß, als Dietmar Constantini im Kader. Dennoch meine ich, dass man auch gegen einen solchen Gegner seinen Stolz zu wahren, eine ordentliche Leistung zu erbringen hat.

Weit gefehlt, die DiCo-Elf hat in 90 Minuten keine einzige (ernüchternderweise nicht übertrieben; !) Kombination über mehrere Stationen in Gang und gebracht und sich – wie mittlerweile üblich – auf Zufälle verlassen. Fast hätte ein solcher sogar zum 1:0 geführt, leider (?) scheiterte der sträflich vernachlässigte Janko aus wenigen Metern jedoch um wenige Zentimeter.
Ansonsten sahen 20 000 relativ Vertrautes: Kein Mittelfeld, keine zusammenhängenden Spielzüge, kein durchdachtes Konterspiel, kein Kollektiv.

Der Mannschaft schienen stabile Abwehr und speziell eine lenkende Hand im Mittelfeld zu fehlen – auch wenn Constantini insofern Fortschritte machte, als dass er mit Junuzovic erstmals einen technisch begabten zentralen Mittelfeldspieler aufbot. Wie er, der Teamchef, das Jung-Veilchen integrierte, passt jedoch ins ernüchternde Bild. Bevor ich näher auf das Mittelfeld-Loch und die grenzenlose Überforderung Junuzovics eingehe, vorweg unsere

Startelf:

Macho
Prödl – Dragovic – Ortlechner – Fuchs
Schiemer_____
_____Junuzovic
Harnik_______________Korkmaz
Wallner – Janko

Das Mittelfeld-Loch
Junuzovic, ein wie gesagt technisch hervorragender Kicker, bekam die gesamte Verantwortung für den Spielaufbau seiner Mannschaft auferlegt. Im Rahmen seiner Möglichkeiten erledigte er die Aufgabe eigentlich recht ansprechend, obwohl – und das muss sich der Teamchef, auch wenn er nicht mag, ankreiden lassen – es in einem ausgeklügelten taktischen Konzept sicherlich besser hätte laufen können. Junuzovic ist einfach nicht der Typ, der ein Spiel an sich reißen und lenken kann. Er ist vielmehr einer, der anderen (bei seiner Austria ist das Acimovic, beziehungsweise bei dessen Fehlen Liendl) die Zügel in die Hand gibt, oft fast als hängende Spitze agiert und von dort aus Impulse gibt.

Gestern hatte er nicht die Möglichkeit dazu, Fränkie Schiemer hätte er den Spielaufbau wohl kaum überlassen können. Als Teamchef bleiben dir, wenn du im Vorfeld siehst, dass dieser Engpass entstehen könnte, grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder stellst du Junuzovic einen Leitgeb zur Seite, oder aber du stellst statt Junuzovic einfach Leitgeb auf. Leitgeb, weil dieser im Salzburg-Alltag seit der System-Umstellung Stevens‘ (Cziommer ist nominell zwar RZM, aber eigentlich als HS gedacht) bestens mit einer solchen Mammut-Aufgabe vertraut ist.

Sähe so (Constantini: „Über 4-1-4-1 kann man diskutieren“)

Macho
Prödl – Dragovic – Ortlechner – Fuchs
Schiemer
Leitgeb – Junuzovic
Harnik_______________Korkmaz
Wallner/Janko

oder eben so

Macho
Prödl – Dragovic – Ortlechner – Fuchs
Schiemer_____
_____Leitgeb
Harnik_______________Korkmaz
Wallner – Janko

aus. Jedensfall wären Löcher wie jenes aus der 36. Minute (wer sich erinnert: Mandzukic bekommt 10, 15 Meter innerhalb der österreichischen Hälfte den Ball zu gespielt und kann seelenruhig Richtung Tor spazieren, weil Schiemer bereits in die IV gewandert und Junuzovic Vorne stehen geblieben war) mit einer dieser Alternativlösungen wohl deutlich seltener geblieben.

Harnik von Tagesform und Mitspielern verlassen
Themenwechsel: Martin Harnik. Der Comebacker wurde bereits gegen Ende der ersten Hälfte ausgetauscht, da ihm in 39 Einsatzminuten praktisch nichts gelungen war. Gut, vermutlich hat Harnik tatsächlich schon bessere Tage gesehen (der Deutschland-Legionär sagte ja selbst nichts anderes über sich), aber teilweise war seine schlechte Vorstellung sicherlich mit dem Außenverteidiger Sebastian Prödl verknüpft. Wenn du als flinker, aber technisch eher limitierter rechter Mittelfeldspieler weder von einem zentralen Mittelfeldspieler noch von einem rechten Verteidiger Unterstützung bekommst, fehlt dir einfach der Raum, deine Stärken zu entfalten. Wie gesagt: Harnik hat freilich schlecht gespielt, aber auch hier hat der Teamchef Fehler begangen – spätestens wenn man weiß, welche Spieler die RV-Position ausführen könnten, von Constantini aber (aus welchen unsinnigen Gründen auch immer) keine Wertschätzung finden, sollte dies jedem Anhänger des österreichischen Nationalteams klar sein.

Konterspiel
Wo war es? Irgendwo, jedenfalls nicht auf dem Platz.
Wobei Constantini grundsätzlich Recht hat: Österreich verfügt tatsächlich über einige potenzielle Konterspieler. Korkmaz, Harnik, Junuzovic und mit Abstrichen auch Wallner eignen sich prächtig. Was wenn es dennoch nicht klappt? Entweder der Gegner war zu stark oder der Teamchef zu schwach. Der Leser möge seine Entscheidung treffen, ich für meinen Teil habe es bereits getan.

Artikel stammt vom: 20. Mai 2010 – 16:50 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Einzelkritik Österreich:

Constantini: Dürfte der Mannschaft kein fundiertes taktisches Konzept auf den Platz mit gegeben haben (er meint, das liege nicht an ihm, sondern am starken Gegner und an der kurzen Vorbereitungszeit). In Minute 85 bekam er – eigentlich viel, viel zu spät – die Quittung präsentiert. Bitter: Seine Nachbetrachtung ähnelte mehr einem „Sommergespräch“ mit diversen Wischi-Waschi Aussagen, denn einer ernsthaften Aufarbeitung des Spielgeschehens

Macho: Wurde manchmal zwar schlicht und einfach angeschossen, hielt aber auch einige Male freiwillig richtig gut. Gestern war er Österreichs Bester.

Prödl: Schuldlos, weil fehlplatziert. Von Modric nach Strich und Faden umdribbelt, Offensivspiel erwartungsgemäß
Dragovic:
War schon mal besser, braucht sich für die gestrige Leistung aber sicherlich nicht genieren
Ortlechner:
War schon schlechter, braucht sich auch nicht schämen
Fuchs:
War nach Kroatien-Eckstoß auf dem besten Wege eine katastrophale Vorstellung ideal ab zu runden

Harnik: Schlechte Tagesverfassung und Fehlkalkulation des Teamchefs reichten einander die Hände und fabrizierten einen Zwangsaustaustausch nach 39 Einsatzminuten
Schiemer:
Als dritter Innenverteidiger machte er sich durchaus gut, sein Passspiel hingegen war augenbeleidigend.
Junuzovic:
Ohne Unterstützung kann ein Junuzovic bestenfalls mittelmäßig spielen. Im Rahmen der Möglichkeiten durchaus passable Leistung
Korkmaz:
Technisch hervorragend und mit Selbstvertrauen reichlich gesegnet stellte er die Kroatien-Abwehr Mal um Mal vor Probleme, im Endeffekt blieb aber auch er ziemlich ineffizient… vom nicht vorhandenen Defensivspiel einmal abgesehen

Wallner: Ungewohnt in der Luft hängend, wenngleich gewohnt bemüht
Janko:
Es gibt kein System, das Janko weniger schmeicheln würde, als jenes von Huub Stevens? Doch, Constantini hat es erfunden.

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