Auch wenn es viele – von wegen Inter hätte arg destruktiv gespielt und klarerweise unverdient gewonnen – nicht wahrhaben wollen: Der Gewinner der Champions League-Saison 2009/10 heißt Inter Mailand. Die Mannen des aktuell sicherlich besten Trainers der Welt, setzten das taktische Konzept Mourinhos ideal um und brachten Robben samt Bayern damit zur Verzweiflung.
Der dseitlhuber – sportblog holt zur Großanalyse aus

Manchmal ist es im Fußball eben so, dass der Bessere gewinnt. Nicht immer. Manchmal. Idealerweise bei Champions-League-Finali. Gestern war dies glücklicherweise der Fall. Mit Inter Mailand hat die klar bessere Mannschaft den Titel eingefahren. Doch wollen wir das Spiel der Reihe nach aufarbeiten:

Das Geheimnis des Verlierers
Die Bayern waren mit deren üblicher Spielweise (möglichst viel Ballbesitz, tausendfach einstudiertes Positionsspiel bedingunglos abspielen, Robben bei jeder Gelegenheit suchen) in die Partie gegangen, obwohl man eigentlich davon ausgehen konnte, dass man mit dieser Art Fußball zu spielen, gegen Inter nichts reißen wird können. Selbst Van Gaal hat es bereits vor dem Spiel angedeutet.
Die Münchner machten es der Mourinho-Elf erschreckend einfach. Unheimlich langsamer Spielaufbau, sodass bei den Italienern nicht einmal der Funke von Unordnung aufkommen hat können, gepaart mit dem konsequenten Ignorieren der linken Seite, macht eine Mannschaft nunmal extrem ausrechenbar.

Darunter litt insbesondere Arjen Robben. Während der Niederländer in Bundesliga und DFB-Cup Unterstützung von Schweinsteiger, Olic, Müller und Ribery (gut, der konnte gestern nicht übermäßig viel beitragen) bekommt, war er gestern praktisch auf sich alleine gestellt. Bei praktisch jedem Angriff ließen die Münchner den Ball minutenlang zirkulieren, nur um ihn schließlich doch Robben zu zu spielen – selbst wenn vor diesem eine Menschenmauer und er somit vor einer quasi unlösbaren Aufgabe stand.
Normalerweise versuchen und schaffen es die Bayern, den Gegner durch geschicktes Verschieben und punktgenaues Passspiel im zentralen Mittelfeld regelrecht zu erdrücken und Robben (und mit Abstrichen auch Ribery) dadurch Eins-gegen-Eins-Situation zu ermöglichen. Gestern war die Mailänder Doppelsechs (unterstützt von Sneijder, Eto’o und Pandev) aber schier zu stark, weshalb der Druckaufbau der Bayern ins Leere ging und es Robben jedes Mal mit Eins-gegen-Drei-Situation gegen Chivu, Cambiasso und Pandev zu tun bekam.

Inter stellte sich im Verteidigen gegen Robben zudem auch noch irrsinnig geschickt an. Standardbewegungen wie Vorstöße bis an die Grundlinie lies man dem Niederländer beinahe ohne Gegenwehr durchgehen, weil man aus solchen – richtigerweise, wer sollte im Strafraum schließlich Nutzen daraus ziehen, wenn Gomez und Klose auf der Bank sitzen? – keine Gefahr vermutete. Kaum wollte Robben jedoch mit flinken Hacken nach innen gehen, wurde er augenblicklich von Cambiasso und Chivu gepresst und ein möglicher Schussweg von Walter Samuel abgedeckt. Genial, weil eigentlich unheimlich simpel – sofern der Gegner mitspielt.

Die rechte Seite hatte Inter also praktisch abmontiert, blieb den Bayern immerhin noch die Linke. Aber nein, ohne Ribery scheint man die irgendwie nicht bespielen zu wollen. Badstuber klebte förmlich auf der LV-Position und Altintop spielte häufig Alibi-Pässe, die das Spiel offensichtlich nur noch weiter verzögerten. Der LvG-Truppe gelang es nie wirklich, eine optimale Bindung aus rechter und linker Seite herzustellen – nur so hätte man eine Chance gehabt, der Abwehr der Mailänder kurzfristig zu destabilisieren. Einige Male hat Robben sogar versucht, das Spiel schnell zu verlagern, was aber Van Bommel sichtlich zu flott ging und durch dessen Langsamkeit stets in nichts bringendem Ballverschiebe verebbte.

Das System Van Gaals bekam vom überragenden Taktiker Mourinho 90 Minuten lang seine Grenzen aufgezeigt. Es mag unheimlich angriffsorientiert sein, ziemlich hübsch aussehen und absolut unabhängig von jeder Art von Zufall sein (seit LvG stelle ich einen deutlichen Rückgang des oft zitieren „Bayern-Dussels“ fest), aber es fehlt ihm an Effektivität. Die Bayern „spielen für das Publikum“, aber oft nicht unbedingt auf den Endzweck orientiert. Das war es, was Lahm im Interview mit der Süddeutschen zu Saisonbeginn meinte – bevor Arjen Robben zu Bayern gekommen war. Ich werde mich hüten, jemals von einem „FC Robben“ zu sprechen – die Mannschaft an sich ist für mich ein Kunstwerk – aber gestern hat es sich wieder mal offenbart: Für die Bundesliga reicht das Van Gaal-System vollkommen aus, auch ohne Robben. Sobald jedoch eine Klasse-Mannschaft mit defensiver Ausrichtung daher kommt, sind die Münchner mit ihrem Latein am Ende. Weil der Ball nicht rasch genug zirkuliert, weil die Zuammenarbeit zwischen linker und rechter Seite nicht hinhaut und meiner Meinung nach auch deshalb, weil Olic sowie Müller gegen solche Mannschaften überhaupt nicht zur Geltung kommen. Wieso nicht mit Gomez oder Klose statt einem der beiden beginnen?

Das Geheimnis des Siegers
Was den Bayern fehlt, wissen wir mittlerweile. Zeit, die Stärken des Sieger entsprechend zu würdigen. Taktisch perfekt geschult, frei von jeden Starallüren und technisch begnadet – die Mannschaft erfüllt sämtliche Kriterien einer internationalen Top-Mannschaft im modernen Fußball. Nicht immer war dies der Fall, Inter fehlte lange Zeit das gewisse Etwas. Und spätestens seit gestern wissen wir, dass das gewisse Etwas Jose Mourinho heißt. Neben taktischer Finesse, die das Triple überhaupt erst ermöglicht hat, besticht der Portugiese auch durch vorausschauendes Denken. Ibrahimovic war ihm beispielsweise ein Dorn im Auge, woraufhin er den Schweden gegen Eto’o tauschte, diesen erfolgreich zum RM umfunktionierte und auf der Position des Mittelstürmers einen gewissen Diego Milito groß machte. Nicht erst seit gestern ist der Argentinier für mich der kompletteste Stürmer der Gegenwart. Selten habe ich eine bessere Mischung aus Körpereinsatz, Ballbehauptung, Technik, Stellungsspiel, Spielverständnis und Vollstreckerqualitäten gesehen – sicherlich AUCH ein Verdienst Jose Mourinhos. Selbes Spiel bei Eto’o: Unter Guardiola noch bezahlter im-Strafraum-herum-Steher, verrichtet er bei Inter auf seiner rechten Seite unheimlich viel Defensivarbeit und trägt das Konzept seines Trainers wesentlich mit.

Im Konterspiel, der unbestritten größten Stärke Inters, ist er ebenfalls ein wichtiger Baustein. Er – Eto’o – sowie Wesley Sneijder, Gordon Pandev und Diego Milito kombinieren sich mit sehenswertem One-Touch-Fußball in Windeseile zu Tormöglichkeiten – kein Vergleich zu Angriffen der Münchner. Doch hier gilt es einzuhacken, Van Gaal hat es in einem Interview bereits getan: Sind die Mailänder so stark, oder die Voraussetzungen für gutes Konterspiel einfach so gut? Schwer zu sagen. Van Gaal glaubt an Letzteres und erklärt das, auf Nachfrage sogar mehrmals, so:

Wir spielen für das Publikum, Inter für den Sieg. Wir wollen angriffsorientiert spielen und müssen gegen eine defensive Mannschaft wie Inter auf kleinem Raum kombinieren, Inter muss also auch auf kleinem Raum verteidigen. Mailand kann dafür auf großem Raum angreifen und wir müssen auf großem Raum verteidigen – das ist ein Nachteil für uns. Wir waren gestern nicht gut genug, mit unserem Spiel zu gewinnen

Irgendwo hat er Recht. Die Frage die sich mir allerdings stellt: Wieso stellt er sich und die Mannschaft nicht auf diese Begebenheiten ein? Wäre es unter Umständen nicht besser gewesen, das Positionsspiel ausnahmsweise leicht abzuändern. Gut, er will für das Publikum – sprich: extrem offensiv – spielen, aber wäre der Gewinn der Champions League nicht das höchste Geschenk an den Anhang gewesen? Vermutlich schon.

Milito #1
Nun möchte ich noch auf die beiden Milito-Tore eingehen, da diese zwar hauptsächlich durch die enorme Qualität des Torschützens aber teilweise auch wegen zweier Fehler in der Bayern-Verteidigung zustande gekommen sind.

Beim 0:1 in der 35. Minute begingen Daniel Van Buyten sowie die Doppelsechs Schweinsteiger/Van Bommel jeweils schwerwiegende Fehler. Insbesondere Mark van Bommel hätte sich bei Julio Cesars Abschlag weiter zurückfallen lassen müssen. Es kann nicht sein, dass Demichelis Eins-gegen-Eins Milito und Van Buyten Eins-gegen-Eins Sneijder verteidigen muss – einer der beiden Abräumer muss sich in der Nähe des Geschehens aufhalten, dazu ist eine Doppelsechs schließlich gedacht.

Van Buytens Abwehrverhalten war ebenfalls bestenfalls suboptimal. Der Belgier hat gegen Sneijder versucht zu verzögern, sich dabei aber insofern verrechnet, als dass Sneijder im Mann-gegen-Mann-Duell eigentlich gar keine ernsthafte Gefahr darstellte (überspielt Sneijder Van Buyten, kann Lahm immer noch retten), sondern lediglich der Passweg zu Milito zugestellt hätte werden müssen – eine offensivere Art des Verteidigens wäre in dieser Situation vermutlich die bessere Wahl gewesen. Sei’s drum, Fehler passieren.

Milito #2
Beim 0:2 spreche ich Van Buyten von besonderer Schuld frei. Dass er in Sachen Geschwindigkeit gegen die Besten der Welt nie und nimmer bestehen kann, ist allgemein bekannt, er muss sich im Eins-gegen-Eins daher anders zu helfen wissen. Gegen Diego Milito macht der Belgier das einzig Richtige: Passiv verteidigen, das Spiel verzögern, den Mitspielern die Chance geben zurück zu eilen. Philipp Lahm – für mich eigentlich bester Rechtsverteidiger unserer Zeit – hätte die Chance gehabt, hat sie unverständlicherweise aber nicht wahr genommen. Der ansonsten so lauffreudige Lahm trabt locker flockig hinterher, anstatt den Raum hinter Van Buyten zu zu machen – ein Abwehrverhalten, das man heutzutage bereits im Nachwuchs eingeimpft bekommt.

Richtiges Resümee
Für meine Begriffe hat Inter Mailand gestern keineswegs destruktiv, keinesfalls unansehlich und in Wahrheit wirklich gut gespielt. Normalerweise werden Kombinationen wie die meisten Konter der Italiener als Fußballkunst bezeichnet – wenn der Produzent Inter heißt und das Klischee einer typischen Catenaccio-Mannschaft auf den ersten Blick vollstens erfüllt scheint, vergisst man aber leider scheinbar recht rasch, darüber nachzudenken.

Ein weiterer Grund, wieso es sehr, sehr viele Leute gibt, die nun Groll gegen Inter hegen, ist vermutlich der, dass Spiele mit Inter-Beteiligung tatsächlich oft zu Rasenschach ohne große Tormöglichkeiten werden. Meiner Meinung nach deshalb, weil die Fußball-Welt in Jahrzehnten des Suchens noch immer meilenweit vom perfekten Angriffsspiel entfernt und deshalb gegen taktisch geniale Mannschaften oft hilflos ist. Wer ein schlechtes Champions League-Finale gesehen haben will, möge sich ausschließlich bei den Bayern beklagen – das Konterspiel der Mailänder sollte nämlich für jeden echten Fußballkenner ein Hochgenuss gewesen sein.

Falsche Resümees
Der dseitlhuber – sportblog hat recherchiert und folgende Negativ-Highlights aus dem derStandard.at-Forum erwählt:

Gratulation Inter
Dank euch konnte ich meinen ital. Wortschatz erweitern Betoniera bedeutet Betonmischer *lach*

Anti Fußball is back

31 % Ballbesitz waren es und diesmal hatten sie alle Spieler am Platz!!
Diese Mannschaft wollte den Ball gar nicht spielen, da könnten ja Fehler passieren.. Lieber 2x hoch raus auf Milito+1Verteidiger und Milito wirds schon richten!

Mein absoluter Favorit ist jedoch FCB-Kapitän Mark Van Bommel, der meint: „Ich kann nur eines sagen: Nicht die beste Mannschaft, sondern die effektivste hat gewonnen.“
Einfach auf der Zunge zergehen lassen.

Artikel stammt vom: 23. Mai 2010 – 15:58 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Einzelkritik Bayern München:

Butt: Bei beiden Gegentreffern schuldlos, ansonsten nicht oft gebraucht – von einem Pandev-Schupfer, den er ausgezeichnet parierte, abgesehen

Lahm: Eigentlich okay, aber beim 0:2 von allen guten Geistern verlassen.
Van Buyten: Beim ersten Tor mit Stellungsfehler, beim zweiten Tor zu hölzern
Demichelis: Früh Gelb kassiert, daher oft halbherzig und den berühmten halben Schritt zu spät
Badstuber: Bemüht, aber restlos überfordert

Robben: Gegen Chivu, Cambiasso und Pandev machte er keinen Stich, bewies beim Scheitern jedoch Charakterstärke und steckte erst in den Schlussminuten auf
Van Bommel: Vorne wie hinten zu langsam, auch im Denken. Verlangsamte den Spielaufbau der Bayern erheblich und nahm manch viel versprechendem Angriff den Schwung
Schweinsteiger: Man hat ihn in dieser Saison schon besser spielen sehen, wenngleich ich ihn auch gestern nicht unbedingt schlecht empfunden haben
Altintop: In einigen Situation ein bisschen feig, in anderen schlichtweg ungeschickt – durch seine blendende Technik sorgte er aber hier und da für Gefahr, bereitete unter anderem die Müller-Chance vor

Müller: Im ersten Durchgang praktisch nicht existent, in der zweiten Hälfte nur durch eine vergebene Torchance in Erscheinung getreten
Olic: Gegen Gegner wie Inter hat er es ungemein schwer. Leistung: Mäßig, wie es eigentlich zu erwarten war

Einzelkritik Inter Mailand:

Julio Cesar: Hielt, was es zu halten gab

Maicon: Stellte sich in den Dienst der Mannschaft, ließ unnötige Ausflüge bleiben und machte einfach seinen Job
Lucio: Von ein, zwei taktischen Undiszipliniertheiten abgesehen, eine gute Leistung
Samuel: Eine gute Leistung
Chivu: 60 Minuten lang relativ souverän gegen Robben, ehe nach Krampf Schluss war

Eto’o: Arbeitete brav nach hinten und leitete einige Konter, wie etwa das 0:2, ein
Zanetti: Machte sich auf der für ihn ungewohnten Position im rechten defensiven Mittelfeld ziemlich gut und bestach durch seine Routine
Cambiasso: Spätestens wegen ihm, machte Robben keinen Stich – eine staubtrockene Darbietung des Argentiniers
Sneijder: Half oft hinten mit und war außerdem Schaltzentrale jedes Inter-Angriffs
Pandev: Fand die richtige Mischung aus konsequenter Defensivarbeit und gefährlichen Vorstößen

Milito: Bester Mittelstürmer der Welt? IMHO ja.

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