Sein wir uns ehrlich: Nach jeder abgelaufenen Saison warten echte Fußballfans insgeheim nur auf zwei Dinge: Die Fußball-Awards Martin Blumenaus und das dazugehörige Upgrade des dseitlhuber – sportblogs. Nein, vermutlich nicht wirklich.
Dennoch sei ein kurzer, teils sehr kritischer Gedankenschweif durch die österreichische Bundesliga-Saison 2009/10 gestattet

Der Streber
Somen Tchoyi bekam den Titel – manche nennen ihn “Spieler der Saison”, ich schreibe vom “Streber” – von zahlreichen Fußballexperten überreicht. Zurecht? In meinen Augen mitnichten. Freilich: Exzentrische, grenzgeniale Spieler tun gerade Ligen wie der unsrigen sicherlich gut, aber wenn ein Spieler fast ein ganzes Meisterschaftsquartal nichts auf den Rasen bekommt, hört sich der Spaß auf. Während Steffen Hofmanns Krise bis in den Himmel aufgebauscht und er als der Alleinschuldige für die Unspiele Rapids erklärt wurde, redete man die wirkungslosen Spielerein des Kameruners Woche um Woche schön. Von wegen: “Somen ist eben Somen”, wie Trainer Stevens so schön meint. Der Kamerun-Teamchef scheint eine andere Meinung zu vertreten: Per Jux und Trara wird er Tchoyi nicht daheim gelassen haben.

Ohne Hofmann unnötig groß schreiben zu wollen, – schließlich hat ihm das Ausland bereits gezeigt, wie limitiert er tatsächlich ist – verdient in meinen Augen kein Spieler den Titel mehr als der Deutsche. 20 Tore und 17 Vorlagen machen selbst sein taktisches Fehlverhalten in diversen Situationen mehr oder weniger vergessen.

DER Lehrer
Auch nach langem Suchen will sich mir kein bester Trainer der Saison auftun. Vom grundsätzlichen Potenzial her, ist Stevens sicherlich ganz oben. Ob eine unfassbare €-League-Gruppenphase, ein spät, aber doch eingefahrener Meistertitel – inklusive heftigen Streits mit Fanliebling Marc Janko – ihn angesichts der budgetären Unterschiede zum Rest der Liga jedoch automatisch zum Trainer der Saison stempeln? Schwierig zu sagen, eher nein.

Doch gibt es Alternativen?
Karl Daxbacher trifft (auch wenn nur 5 Autofahr-Minuten von meinem derzeitigen Wohnort entfernt geboren) meinen Geschmack ja grundsätzlich überhaupt nicht. Ausgesprochen viele Unspiele, die erst durch Acimovic oder einen Treffer aus einer Standardsituation heraus gewonnen wurden, oder die Berücksichtigung von Anti-Spielern wie Diabang oder Schumacher, sprechen eigentlich nicht wirklich für ihn. Wer den Bullen bis auf einen einzigen Punkt nahe rückt, verdient sich allerdings keineswegs, hinter Stevens zu landen.

Peter Pacult ist mir in gewisser Weise ein Rätsel. Kaum einer kann mit auch nur annähernd so vielen offensichtlichen Unzulänglichkeiten (scheint sich gerne mit Spielern zu zerkriegen, macht zahlreiche taktische Fehler, lernt nicht aus zahlreichen taktischen Fehlern, …) wie er, solch gute Resultate vorweisen. Als Rapid zwischen Saisonschluss und Winterpause aber so richtig in der Luft hing, hat der gelernte Postler seine Unfähigkeit, Probleme in den Griff zu bekommen, nochmal eindrucksvoll bekräftigt – und hat sich damit spätestens in dieser Phase endgültig selbst aus dem Rennen gekickt.

Franco Foda scheint mit Jungen gut umgehen zu können, auch mit der Taktik per Du zu sein, hat aber mitsamt seiner Mannschaft gegen Ende viel zu stark nachgelassen, als dass er der Sieger sein könnte.

Fazit: Unentschieden zwischen #1 Österreichs- und #1 Wiens Trainer.

Der Komet
Während zahlreiche Sternschnuppen (die Drazans, Beichlers, Baumgartlingers) mit der Zeit verglühten, konnte man diese Saison auch den einen oder anderen Stern im heimischen Fußball beim Aufgehen zusehen. Ob der Spieler Dragovic, Margreitter, Hierländer, Lindner oder Liendl heißt, ist mehr oder minder nebensächlich – sie alle tun dem österreichischen Fußball gut. Den steilsten Aufstieg legte aber zweifelsohne Heinz Lindner hin, der die verletzten Safar und Almer ausgesprochen gut vertrat und dementsprechend belohnt wurde. Gratulation ihm, sowie allen weiteren angehenden Konsels, Pfeffers, Prohaskas oder Krankls – und vor allem mögen sie ausnahmsweise welche werden.

Das System
Áchtung, mein Lieblingskapitel! Wer spielt wie? Und wer hat wie wieviel Erfolg? Fragen, worüber Spieler und oft auch das System entscheiden. Huub Stevens fuhr mit seinem 4-1-4-1 die meiste Zeit ganz gut, dominierte die Gegner und erzielte immerhin 68 Tore. Unter der – nennen wir sie ‘kontrollierten Offensive’ – Stevens’ leidet gegen Gegner wie Kapfenberg das Auge und gegen praktisch jeden Gegner Marc Janko. Im Vorjahr noch Dreh-und-Angelpunkt des Systems, hat es Stevens irgendwie zuwege gebracht, den Torminator vieler seiner Stärken zu berauben. Svento darf (und kann) nicht flanken, Janko steht ohnehin fast immer allein im 16er, und so weiter – Handlungsbedarf gibt’s trotzdem keinen, da der Bullen-Dompteur den sensiblen Torjäger in der 35. Runde endgültig aus Salzburg geschimpft haben dürfte.

Karl Daxbachers Austria spielt äußerst viel Misch-Masch. Hier und da kombinieren die Austrianer (meistens, wenn Acimovic fehlt) richtig gut, stehen hinten sicher und nutzen ihre Torchancen. Ab und an kombinieren die Veilchen (meistens, wenn Acimovic spielt) aber auch richtig schlecht, weil langsam, schütten sich hinten an und vergeben zudem noch die wenigen Torgelegenheiten, die sich bieten. Auf eine Stärke kann die Wiener Austria aber jederzeit bauen: Standardsituationen. Egal ob Acimovic spielt, oder nicht.

Zu Daxbacher: Wie gesagt nicht mein Geschmack, wobei ihm der Erfolg natürlich Recht gibt.

Pacult und Foda spielen grundsätzlich ziemlich das selbe: 4-2-2-2, daher ohne zentrales Mittelfeld und im Spielaufbau schnörkellos – meist über die Flügel – nach vorne. Unterschied: Peter Pacult legt das Ganze einen Tick offensiver an, hat mit Jelavic auch seinen Knipser gefunden, wohingegen Franco Foda einen solchen nicht hat und auf eine solide Defensivleistung bauen muss.

Der Rest Österreichs wechselt die Taktik je nach Gegner. Gegen vom Papier her Schlagbare sind 4-1-3-2 und simples 4-4-2 in Mode, während man gegen Salzburg und Konsorten auch gerne mal zum 9-0-1 greift. Aus dem Mittelmaß hervorzuheben wäre noch Peter Schöttel, der seinen Neustädtern ein wirklich hübsches Konterspiel beigebracht hat.

Die Moral
Insgesamt hat die Bundesliga vermutlich an Attraktivität gewonnen. Insbesondere in der Hinrunde, als die Top4 wie auch alle übrigen Vereine wirklich ordentlichen Fußball zeigten. Das Frühjahr brachte allerdings einen deutlichen Einbruch der Leistungen: Wenn man sich ansieht, wie einfallslos und wegen der zeitweisen Doppelbelastung übermüdet die Titelanwärter zu Werke gingen und sich dennoch zu Sieg um Sieg spielten, spricht das nicht unbedingt für die Qualität der Liga. Dennoch möchte ich keineswegs schwarzmalen: Die Tipp3-Bundesliga powered by T-Mobile hat mit Sicherheit schon schlechtere Zeiten gesehen.

Beitrag stammt vom: 27. Mai 2010 – 20:38 Uhr

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