Den kommenden Themenschwerpunkt ‘Fußball-WM in Südafrika’ läutet eine penibel genaue Begutachtung der Gruppe A ein.

FRANKREICH
– Neunter der FIFA-Weltrangliste
– von Raymond Domenech zusammengestellt und trainiert
– durch Relegationssieg über Irland qualifiziert


War die Equipe Tricolore vor Jahren noch mit Stars wie Zinedine Zidane geschmückt und dementsprechend gefürchtet, wird diesmal kaum jemand auf Les Bleus setzen. Einen wesentlichen Anteil daran, scheint Teamchef und Horoskop-Fan Domenech zu haben. Der gebürtige Katalanier vertraut bei seiner Kaderzusammenstellung auf Gerda Rogers & Konsorten, pfeift mehr oder weniger auf Leistungsdaten und lässt sich stattdessen täglich astrologische Gutachten faxen. Beispielsweise will der mittlerweile 58-jährige im Laufe seiner Trainerkarriere festgestellt haben, dass zwischen 24. Oktober und 22. November (also im Sternzeichen ‘Skorpion’) Geborene in entscheidenden Phasen weder team- noch leistungsfähig sind – gestützt wird seine Theorie durch die Nachforschungen diverser Astrologen, die Skorpionen ebensolche Verhaltensmuster zuschreiben. Seither verzichtet Domenech konsequent auf Skorpione. Prominentestes Opfer war hierbei sicherlich Robert Pires, der von ihm – begründungslos, beziehungsweise nur mit dem Verweis “dass ich eben eine esoterische Ader habe” – 2006 kurzerhand aus dem WM-Kader gestrichen worden war.

Abwehrspieler, die im Zeichen des Löwens geboren sind, erachtet Domenech übrigens ebenfalls für grundsätzlich unzuverlässig. Komisch, dass mit William Gallas, Gael Chlichy und Sebastien Squillaci dennoch gleich drei Verteidiger des aktuellen Frankreich-Kaders eben dieses Sternzeichen haben.
Krebse behagen ihm dagegen sehr – nicht erst, seit er mit Zinedine Zidane einen Weltklasse-Krebs einberufen durfte.

Domenech selbst ist übrigens Wassermann. Mag sein, dass sich nur eine rein zufällige Ähnlichkeit zu Raymond Domenechs Persönlichkeit ergibt, aber folgende Eigenschaften werden Wassermännern seitens der Astrologie zugeschrieben: erfinderisch, unkonventionell, originell, individuell, anders, abgehoben, provokant, einsam, bizarr.
Interessant.

Auch obwohl (oder, wer weiß, vielleicht gerade weil) Raymond Domenech trotz mäßigen Erfolgs (vom Vize-Weltmeistertitel in Deutschland abgesehen) ein weiteres Großereignis als französischer Teamchef betreuen wird, zählen die Franzosen weiterhin zu den Co-Favoriten. Man sehe sich alleine die Hintermannschaft des einmaligen Weltmeisters an: Wäre es nicht ohnehin schwer genug, die 4er-Abwehr mit Evra, Gallas, Abidal und Sagna zu überwinden, gilt es danach noch, den vermutlich besten Torhüter der Gegenwart, Hugo Lloris, zu bezwingen.

Seine Vorliebe für das 4-2-3-1-System (Er entdeckte sie – genauso wie jene zu Horoskopen – in den 1980er Jahren als Lyon-Trainer, Anm.) lebt Raymond Domenech auch als französischer Teamchef vollstens aus. Die Doppelsechs in seinem taktischen Konzept geben meistens Lassana Diarra (WM-Teilnahme unmöglich, weil von Darmproblemen geplagt – potenzieller Ersatz: Abou Diaby, Anm.) und Jeremy Toulalan. Für schöne Spielzüge sollen zumeist der umfunktionierte LOM Henry, der gelernte ZOM Gourcuff und der umfunktionierte ROM Ribery sorgen. So er sich nicht verletzt oder mit dem Trainer zerkracht (soll bei Domenech schon vorgekommen sein), komplettiert Chelsea-Stürmer Anelka die Startelf als Solo-Spitze.

In einem Testspiel gegen Costa Rica erprobte Domenech allerdings ein 4-3-3 – und reagierte damit auf die Darmprobleme L. Diarras, die den 25-jährigen für die WM ausfallen lassen werden. Einige denkbare Startaufstellungen für Les Bleus:

Aufstellung gegen Costa Rica:

Lloris
Sagna – Gallas – Abidal – Evra
Toulalan
Gourcuff – Malouda
Gouvou – Anelka – Ribery

Domenech 08/15:

Lloris
Sagna – Gallas – Abidal – Evra
Toulalan – Diaby
Ribery – Gourcuff – Henry
Anelka

Empfehlung des dseitlhuber – sportblogs:

Lloris
Sagna – Gallas – Abidal – Evra
Toulalan – Diaby
Gourcuff
Ribery – Henry – Malouda

Eines scheint jedenfalls gewiss: Startelf und Erfolg der Equipe Tricolore stehen in den Sternen.


URUGUAY
– Sechzehnter der Weltrangliste
– von Oscar Tabarez zusammengestellt und trainiert
– durch Relegationssieg über Costa Rica qualifiziert


Die Wiege des Fußballs mag England sein, die Mutter aller Weltmeisterschaften hat aber trotz allem 1930 in Uruguay statt gefunden. Damals war die Gastgebernation auch gleichzeitig der erste Weltmeister der Geschichte. 20 Jahre später fuhren die “Charrúas” (was soviel wie “die Himmelblauen” bedeutet) in Brasilien gar noch einen zweiten Titel ein.

Seither hat der uruguayische Fußball jedoch viel seiner Qualität verloren, beziehungsweise der ständigen Modernisierung des Profi-Fußballs einfach nicht Schritt halten können. Konnte man in den 70er und 80er Jahren immerhin noch halbwegs mit den Besten der Welt mithalten, gelang gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht einmal mehr die Qualifikation für das WM-Turnier. Zwischen 1990 und 2002 nahm Uruguay an keiner Weltmeisterschaft teil und verschwand somit endgültig in der Versenkung.

Die Qualifikation für die WM in Korea/Japan sollte sich dafür umso positiver auf den uruguayischen Fußball auswirken, in der Folge zu einer Initialzündung werden. Zwar scheiterte man bei der Quali für die WM2006 erneut, hinter den Kulissen begann sich jedoch eine schlagkräftige Truppe zu formieren – auch das Niveau der uruguayischen Liga stieg allmählich. Dass Uruguay bei der letztjährigen Qualifikation teils sehr starke Leistung bot, schlussendlich mit Rang 5 in die Relegation einzog, dort Costa Rica ausschaltete und deshalb zum elften Mal zu einer Fußball-WM fährt, kommt daher auch nicht wirklich von ungefähr.

Uruguay fährt mit einem aufeinander eingeschworenen Kollektiv, einem ehemaligen AC Milan-Trainer (Oscar Tabarez, Anm.), sowie zahlreichen Stars wie Fernando Muslera (jener Goalie, der in der €-League-Gruppenphase gegen RB Salzburg Rot hätte sehen müssen, Anm.), Diego Lugano, Luis Suarez (erzielte in der abgelaufenen Saison 35 Tore für Ajax, Anm.) oder Diego Forlan nach Südafrika und darf dort zumindest mit dem Aufstieg ins Achtelfinale liebäugeln.


MEXIKO
– Siebzehnter der FIFA-Weltrangliste
– von Javier Aguirre Onaindia zusammengestellt und trainiert
– Gruppenzweiter in der CONCACAF-Quali


Die mexikanische Nationalmannschaft durchlebte in ihrem mittlerweile 87-jährigen Bestehen weder sonderliche Höhe noch weltbewegende Tiefen. Anfangs – sprich: in den 30er und 40er Jahren – tat man sich im internationalen Vergleich oft noch sehr schwer, doch spätestens bei der WM1950 in Brasilien fand man endgültig Anschluss ans Mittelmaß. Seither qualifizierte man sich für quasi jede Weltmeisterschaft, ohne jemals den Durchbruch zu schaffen. Immerhin gelang es den Mexikanern aber, bei den letzten vier WMs jeweils ins Achtelfinale einzuziehen.

Grundsätzlich ist der Auswahl Javier Onaindias in Südafrika sicherlich eine Fortführung oder gar Steigerung dieser Erfolge zuzutrauen. Rund um Barcelona-Bankdrücker Rafael Marquez hat sich in den letzten Jahren eine erfahrene (fast alle Kaderspieler haben bereits mehr als 50 Länderspiele für Mexiko bestritten) und durchaus abgebrühte Mannschaft gefunden. Ob eine solide Mannschaftsleistung reichen wird, um die zahlreichen Ausnahmekönner in den Reihen Uruguays (und mit Abstrichen auch Südafrikas) aus dem Turnier zu kegeln, darf – vor allem in Anbetracht der immer wieder auftretenden Abschlussschwäche Mexikos – allerdings bezweifelt werden.


SÜDAFRIKA
– 83. der Weltrangliste
– von Carlos Altberto Parreira trainiert
– fix qualifiziert, weil Veranstalter


Selten war ein Gastgeber in der FIFA Weltrangliste so schlecht platziert, wie es Südafrika momentan ist. Abgesehen davon, dass diese Ansammlung sinnlos zusammengetragener Rechenspielchen fast immer mit einem Griff ins Klo gleichzusetzen ist, besteht dennoch kein Grund zu übermäßiger Sorge um den Veranstalter. Vielleicht ist die niedrige Erwartungshaltung des neutralen WM-Publikums (beim eigenen Anhang sieht die Sache freilich ganz anders aus) ja gerade das, was eine – was internationale Erfahrung betrifft – fast jungfräuliche Nationalmannschaft braucht. Ich bin keiner, der meint, Südafrika hätte nichts zu verlieren – Südafrika hat nämlich, wie jedes andere Team, den Aufstieg ins Viertelfinale, also sehr viel, zu verlieren –, aber ein gewisser Außenseiterstatus kann in gewissen Situationen gewisse Vorteile mit sich bringen. Zudem hat das Team schon beim CONFED-Cup bewiesen, dass sie im Falle des Falle über sich hinauswachsen und Unfassbares schaffen kann.

Wer wann wie spielen darf, entscheidet der Brasilianer Carlos Alberto Parreira. Wegen familiärer Probleme musste der heute 67-Jährige im April 2008 seine 15-monatige Amtszeit als südafrikanischer Teamchef niederlegen, ehe er Jahrs darauf den erfolglosen Joel Santana ersetzte und zu Südafrika zurückkehrte.

Auf echte Weltstars kann Parreira nicht zurückgreifen, wobei er mit Spielern wie Khune (Kaizer Chiefs), Gaxa (Mamelodi Sundowns), Tshabalala (Kaizer Chiefs), Pienaar (Everton) oder Parker (Twente) definitiv einen konkurrenzfähigen Kader zur Verfügung stehen hat. Wie man Weltmeister wird, weiß Parreira übrigens: 1994 führte er sein Heimatland zum Titelgewinn.

Beitrag stammt vom: 29. Mai 2010 – 11:06 Uhr

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