Nicht wenige Außenstehende meinen, dass Joachim Löw die ideale Mischung aus jungen und alten Spielern, deutschen und nicht-deutschen Tugenden und aus kontrolliertem Angriff und kompakter Verteidigung finde. Der Deutsche Fußballanhang sieht die Sache naturgemäß anders, spricht Löw die Ahnung vom Fußball ab und hätte ihn für die Nicht-Berücksichtigung Kuranyis vermutlich am liebsten gelyncht. Die alte Redensart vom Propheten, der im eigenen Lande nichts zählt, scheint mal wieder Recht zu behalten. Trotzdem machen Sie, Jogi Löw, Fehler. Fehler, die besprochen gehören

Geschätzter Teamchef, lieber Jogi!

Das Deutsche Publikum ist komisch. Es gibt Tage, an denen miserable Auftritte (siehe EURO2008, vom Ergebnis abgesehen, war die aus deutscher Sicht ein Graus) schön gefärbt anstatt realistisch analysiert werden, um an anderen Tagen paradoxerweise objektiv gute Leistungen schwarz zu malen. Insofern hat man als Teamchef der Deutschen Nationalmannschaft prinzipiell einen schwierigen Job. Heißt man zufällig Joachim Löw, pflegt einen eigenwilligen Stil Interviews zu geben und passt man offensichtlich so gar nicht ins Klischee des typischen Deutschen (auch wenn er es vermutlich sogar erfüllt, hierbei wird meistens nur der Einband beurteilt), wird es vermutlich noch etwas anstrengender.

Heißt man, wie Sie, Joachim Löw, kann es beispielsweise passieren, dass man nicht einmal Skandal-Boy Kuranyi daheim lassen kann, ohne dafür in der Luft zerrissen zu werden. Der mediale Wellengang, den seine Nicht-Nominierung geschlagen hat, war selbst in Österreich klar zu vernehmen, die Missgunst Ihnen gegenüber förmlich spürbar.

Nicht, dass ich Ihnen helfen möchte, schließlich haben Sie sich mit ihrer – vermutlich aus der Emotion heraus getätigten – Aussage, Kuranyi würde unter Ihnen nicht wieder auflaufen, selbst ins Bein geschossen – sowas macht man nicht – was, wenn Kuranyi plötzlich von Magath trainiert wird und Tore am Fließband erzielt? Abgesehen davon, dass jeder eine zweite Chance verdient. Auch ein Kevin Kuranyi.

Die Art, WIE sie der Deutschen Medienlandschaft Ihre Entscheidung präsentiert haben, war ohnehin die Krönung des Ganzen. Nicht, weil Sie es versprochen hätten, sondern weil er halt nicht ins gegenwärtige System passe, fährt er nicht nach Südafrika. Sportlich überhaupt nicht nachvollziehbar (mit Gomez und Kießling stehen zumindest ähnliche Spielertypen im Kader) und daher eine menschliche Katastrophe. Allerdings glaube ich, im Gegensatz zur Mehrheit, nicht, dass Sie der Öffentlichkeit bewusst faule Ausreden aufgetischt haben.

Wer kennt es nicht, wenn man sich – der Fitness wegen – zum Beispiel vornimmt, endlich mal wieder Joggen zu gehen, obwohl man in Wahrheit überhaupt keine Lust dazu hat. In solchen Fällen sucht man meist nach Ausflüchten: Wetter schlecht, Fuß verstaucht, etc.

Sie scheinen genauso gehandelt haben, bis sich schließlich ein Grund aufgetan hat, der gegen Kuranyi spricht – so zumindest meine Theorie.
Jedenfalls haben Sie in der Causa Kuranyi sicherlich nicht astrein agiert, da hat die Deutsche Öffentlichkeit schon Recht.

Dennoch haben Sie mit 33 Siegen, denen 7 Unentschieden und nur 7 Niederlagen gegenüber stehen, die beste Bilanz aller bisher dagewesenen Deutschen Teamchefs vorzuweisen. Hätte es Bela Rethy beim gestrigen Testspiel gegen Ungarn nicht nebenbei erwähnt und sich seine Statistik nach gründlicher Recherche nicht als tatsächlich war erwiesen, wüsste ich es bis heute nicht. Ähnlich wird es vermutlich Vielen ergehen.

Mit 26 Punkten, einem Torverhältnis von 26:5 (Vergleich: Non-Plus-Ultra Spanien 28:5) und somit sicherer Gruppensieger, erlangte Ihre Mannschaft die Qualifikation für die nahende WM in Südafrika. Inwieweit ihre Auswahl gegen die Besten der Besten Chancen hat, wird sich weisen, aber ein konkurrenzfähiges Team werden Sie definitiv in die Schlacht schicken können. Baustellen wie die Torhüterfrage (mir persönlich wäre ja Wiese lieber gewesen, aber das ist subjektiv), die Abräumerposition(en) – den verletzten Ballack werden Khedira und Schweinsteiger garantiert würdig vertreten – und die Systemfrage (4-2-3-1 macht Sinn, vor Allem wenn man es, wie Sie, konsequent durchzieht) haben Sie souverän bewältigt.

In einer Sache muss ich Sie aber doch noch tadeln: Auch wenn Lukas Podolski und Miroslav Klose verdiente Spieler sein mögen, dürfen Spieler, die sich in solch einer Unform wie die beiden befinden, eigentlich nicht im Kader (geschweige denn in der Startelf) eines Titelaspiranten stehen. Diesbezüglich wandern Sie ein bisschen auf Constantinis Spuren. Einziger Unterschied: Das Resultat. Während Österreich nach glücklichen Erfolgen zu Beginn der neuen, geilen Ära endlich wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt ist, steigert sich Ihre Auswahl von Spiel zu Spiel und zeigt – wie etwa beim gestrigen Testspiel gegen Ungarn – teils sehr erfrischendes Kurzpassspiel.

Abschließend möchte ich Ihnen, weil ich es so gerne tue, noch meine Wunschelf

Wiese
Lahm – Mertesacker – Friedrich – Jansen
Schweinsteiger – Khedira
Kroos ———– Özil ———– Marin
Kießling

sowie den Rat, Philipp Lahm ja nicht auf der linken Seite aufzustellen, mit auf den Weg geben. Bleiben Sie sich und Ihrer Linie treu, schämen Sie sich wegen der Ausrede für die Nicht-Nominierung Kuranyis und verbieten Sie Ihrer Mannschaft bitte unbedingt, Weltmeister zu werden.

Mit sportlichen Grüßen
Ein Freund

Beitrag stammt vom: 30. Mai 2010 – 19:29 Uhr

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