Gruppe E, bestehend aus den Niederlanden, Dänemark, Japan und dem Kamerun, in Tradition gewordener Manier analysiert:

NIEDERLANDE
– Vierter der FIFA-Weltrangliste
– von Bert van Marwijk zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der UEFA-Quali (mit 24 von 24 möglichen Punkten)


Ob die Zeit reif ist? Mir wurden schon leichtere Fragen gestellt. Van Persie, van der Vaart, Sneijder und Robben (???) sagen ‚Ja‘, wohingegen die (Innen-)Verteidigung klar für ‚Nein‘ plädiert. Während van Bronckhorst (auch wenn in die Jahre gekommen) und van der Wiel eines WM-Teilnehmers noch halbwegs würdig sind, scheinen Mathijsen und Heitinga – ohne den Spielern ihre Qualität absprechen zu wollen – nicht für ein mögliches Aufeinandertreffen mit Top-Nationen gerüstet. Dass die Innenverteidiger Durchschnittsnationen, wie etwa Ungarn eine ist, gewachsen sind, haben sie im Duell mit eben diesem bewiesen – doch was, wenn die Niederlande erwartungsgemäß die Vorrunde überstehen und auf Offensivreihen á la Podolski – Klose – Özil, Robinho – Kaka – Luis Fabiano oder gar Pastero – Messi – Higuain treffen? Zusehen? Tore kassieren? Das Klischee von der typisch niederländischen Mannschaft erfüllen?

Wohl kaum. Zumindest, wenn es nach van Marwijks Willen geht. Stellte sein Vorgänger, Marco van Basten, im EM-Viertelfinale gegen Russland mit Engelaar, van der Vaart, Sneijder, Kuyt und van Nistelrooy gleich fünf Offensivakteure auf, um natürlich später (und vielleicht sogar daran) zu scheitern, kann man bei der nahenden WM von einem 4-2-3-1, und somit nur vier Angreifern, ausgehen:

Das typisch niederländische Mittelfeld mit zwei 10ern zwischen 6er und 3-Mann-Sturm erfuhr mit dem Amtsantritt des 58-Jährigen ein plötzliches Ende, wurde rasch in

  1. Doppelsechs (de Jong etwas hinter van Bommel, der übrigens Schwiegersohn des Teamchefs ist),
  2. technisch hervorragende 3er-Angriffsreihe (vermutlich mit van der Vaart halblinks, Sneijder im Zentrum und Kuyt am rechten Flügel)
  3. und Solo-Spitze (in Südafrika wird sie van Persie heißen)

korrigiert. De Jong und van Bommel stabilisieren den niederländischen Defensivverbund seither enorm und sorgen zudem für gewisse Entlastung der eigenen Viererkette. Nichts desto trotz ist das Prunkstück der ‘Oranje’ weiterhin der Angriff…

Was auch wichtig ist, nachdem man bei Spielen gegen die Besten der Welt sicherlich von ein bis zwei Toren pro Spiel ausgehen muss. Bert van Marwijk braucht daher eine dementsprechend produktive Kreativabteilung sowie einen kaltschnäuzigen Stürmer. Blickt er auf seinen Kader, dürfte er dahingehend aber ohnehin kaum beunruhigt sein. Trotz des möglichen Fehlens Arjen Robbens verfügt sein Team schließlich über zahlreiche spielerische Hochkaräter, die auch in einem 4-2-3-1 vollstens in der Lage sind, ihr ungeheures Potential zu entfalten: Van der Vaart, Sneijder, Afellay, um nur einige zu nennen. Hinzu kommt der taktisch perfekt geschulte Dirk Kuyt und mit van Persie ein ungemein vielseitiger Mittelstürmer.

Auf der Gegenseite stehen das bereits oben angesprochene Defensivproblem (obwohl es seit dem Systemwechsel sicher kontinuierlich kleiner geworden ist), die eigenwillige Eigenschaft der Niederländer, in entscheidenden Momenten zu schwächeln (Denis Bergkamp sagte einst: “It’s difficult. Because we aren’t a killer team.”), gepaart mit dem Ausfall Robbens (?), der in eben solchen Situationen für die Wende sorgen kann. Inwieweit die Orangenen in der Lage sein werden, in der entscheidenden Phase des Turniers Schritt zu halten, wird sich frühestens im Laufe der Gruppenphase – oder vermutlich gar erst gegen Ende der WM – erschließen. Bis dahin wird man sich bestenfalls der Kaffeesudleserei und/oder dem kritischen Begutachten meiner Wunschelf widmen können.

meine Wunschelf, kritische Betrachtung erwünscht ->

Stekelenburg
van der Wiel – Heitinga – Mathijsen – van Bronckhorst
de Jong
Sneijder__________
____________van der Vaart
Kuyt____________________
__________Van Persie______Robben*

* Begründung

Stekelenburg, van der Wiel, Heitinga, Mathijsen und van Bronckhorst fallen unter die ‘98-aus-99-Fußballtrainern’-Regel, der Rest dürfte aber einigermaßen von der Meinung anderer abweichen. ‘Problem’ #1: Kein Mark van Bommel?! Begründung: Wir spielen Fußball.

Weiters, also neben dem Wunsch Fußball zu spielen, habe ich mir überlegt, das Spiel unter Umständen bewusst asymmetrisch zu gestalten. In meinen Augen insofern denkbar, als die Niederländer mit Linksfuß vd Vaart und Linksfuß Robben (nach-innen-ziehen hin, nach-innen-ziehen her, für die Mannschaft wertvoller ist er meiner Meinung nach links – nicht zuletzt, weil Kuyt[s Defensivkunst] gebraucht wird) die idealen Leute für diese Spielweise haben. Zusätzlich könnte der unerfahrene Rechtsverteidiger van der Wiel von Kuyts Defensivarbeit (die rechte Seite würde ja dementsprechend defensiver ausgerichtet sein) profitieren. Sneijder gibt in meinem System die zentrale Anspielstation, für meine Begriffe ist er der wesentlich komplettere Spieler als van der Vaart und somit besser als ZM geeignet.

War und ist aber nur ein Vorschlag, nicht mehr, nicht weniger. Um realistisch zu bleiben:

Marwijks Wunschelf, kritische Betrachtung erwünscht ->

Stekelenburg
van der Wiel – Heitinga – Mathijsen – van Bronckhorst
de Jong_______
_____Van Bommel
Kuyt – Sneijder – van der Vaart
van Persie

Meine Beobachtungen: Bronckhorst etwas offensiver als van der Wiel, de Jong immer ein paar Meter hinter van Bommel, van der Vaart deutlich zentraler als Kuyt und Solo-Spitze van Persie oft bis ins Mittelfeld zurückgezogen.

Ob es so sein wird? Mir wurden schon leichtere Fragen gestellt.


KAMERUN
– 19. der FIFA-Weltrangliste
– von Paul le Guen zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der CAF-Gruppe


Was es über die ‘unzähmbaren Löwen’ zu wissen gilt:

  1. Somen Tchoyi fährt nicht mit
  2. Hierachie: Ganz oben Eto’o –> darunter Assou-Ekotto, Bassong, Mbia, Webo –> wiederum darunter der Rest
  3. http://www.zonalmarking.net/2010/06/07/cameroon-tactics-world-cup-2010/


DÄNEMARK
– 36. der FIFA-Weltrangliste
– von Morten Olson zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der UEFA-Quali


Erst neulich haben die Unsrigen und Dänemark die Klingen gekreuzt. Damals spielten die Dänen ein klassisches 4-3-3, relativ hübsch anzusehen, aber erschreckend ideenlos. Das zentrale Mittelfeld, bestehend aus J Poulsen, C Poulsen und Jensen, war nie wirklich in der Lage, die – tief, aber trotzdem extrem unsicher stehende – ÖFB-Abwehr zu durchdringen. Logisch, die beiden Poulsens sowie Jensen sind mehr oder weniger typische 6er, deren Aufgabenbereich irgendwo liegt, aber eben nicht im Spielaufbau.

Dass diesbezüglich Nachholbedarf bestand, erkannte Olsen früh genug: Bereits zu Beginn der WM-Vorbereitung änderte der 60-Jährige das Spielsystem, indem er Jon Dahl Tomasson wieder in die Mannschaft integrierte und eine Art 4-2-3-1 schuf. Seither gelingt der Offensive deutlich mehr, wobei die Defensive im Gegenzug freilich darunter zu leiden hatte. Nichts desto trotz gilt gerade die Viererkette sowie die Doppelsechs weiterhin als DER Trumpf des ‘Danish Dynamite’s: Die Außenverteidiger S Poulson und Jacobsen leisten solide Arbeit, die Innenverteidigung ist mit Liverpools Daniel Agger und dem großgewachsenen Simon Kjaer, ebenso wie die beiden Abräumerpositionen davor, ausgezeichnet besetzt.

Die Kreativabteilung bilden der zuvor erwähnte Jon Dahl Tomasson, der eine Art Freigeist gibt, Wolfsburgs Thomas Kahlenberg und Routinier Dennis Rommedahl – seit der Umstellung auf 4-2-3-1 sehe ich auch in diesem Bereich kaum Handlungsbedarf. Darüber hinaus verfügen die Dänen mit Nicklas Bendtner über einen insofern vielseitigen Mittelstürmer, als er, weil von Arsene Wenger trainiert, irrsinnig geeignet für schnelle Gegenstöße, Direktabnahmen und –lagen ist. Zudem kann er halbwegs gut köpfeln.

Ob die Dänen auch Schwächen haben? Klarerweise lautet die Antwort ‘Ja’. Beispiel? Meinetwegen, es folgt ein anschauliches, welches irgendwie Segen und Fluch zugleich ist: Im 4-2-3-1 spielen normalerweise zwei fixe 6er, ein Spielgestalter und sieben weitere Feldspieler. Nun steht mit Tomasson aber kein Spielgestalter auf der 10er-Position, sondern eher eine vergewaltigte hängende Spitze. Der Ex-Stuttgarter hat sich in seine Rolle gefunden, ist aber gegen kompakte Gegner weiterhin ziemlich leicht zu neutralisieren. Um diesem Problem entgegen zu wirken, eröffnete Olsen Jacob Poulsen Freiheiten nach vorne, ließ ihn hier und da sogar in die Rolle des offensiven Mittelfeldspielers schlüpfen. Zugegeben: Um die offensive Interpretation der DM-Rolle Poulsens ausgleichen zu können, hatten die Flügelspieler von nun an weitaus defensiver zu agieren als in den Spielen davor… nur, so möchte ich an dieser Stelle zu bedenken geben, sind Vorbereitung und Ernstfall in der Regel oft zwei Paar Schuhe.

Inwieweit die Maßnahme letztendlich auf Weltmeisterschafts-Niveau Erfolg bringt, lässt sich momentan noch schwer erahnen, aber sie könnte, so sie überhaupt eingesetzt wird, sicherlich für Unsicherheit in der soliden dänischen Hintermannschaft sorgen.


JAPAN
– 45. der FIFA-Weltrangliste
– von Takeshi Okada zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der ACF-Quali


Zu Japan fallen mir ein paar taktische Eigenheiten, einige herausragende Kicker und zwei Eigentore im Testspiel gegen England ein… mehr leider nicht.

Taktische Eigenheit Nr. 1 ist das übermäßig stark ausgeprägte Bestreben, besonders im zentralen Mittelfeld permanent in Überzahl zu sein und aus dieser Begebenheit heraus Druck auf die gegnerische Nation auszuüben. Grundsätzlich eine interessante und in meinen Augen, vor allem gegen unterlegene und ebenbürtige Gegner, auch wirkungsvolle Spielweise, da die Japaner seit jeher über zahlreiche Techniker verfügen – darunter mit ZSKA Moskaus Honda und Nakamura (Yokohama) momentan auch zwei absolute Ausnahmekönner.

Der Sturm sagt mir namentlich gar nichts und trifft genauso wenig. Japan kombiniert durchaus ansehlich, hat auch im taktischen Bereich den einen oder anderen Schritt in die richtige Richtung gemacht, aber schießt nunmal keine Tore. Und weil Tore nunmal über Sieg oder Niederlage entscheiden, dürfte für die Japaner wohl oder übel bereits nach der Gruppenphase Schluss sein – wenngleich der Fußball freilich keinen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, somit unkalkulierbar ist, unerwartete Achtelfinalisten zulässt und folgerichtig nicht präzise vorgesagt werden kann. Und ja, dieser Seitenhieb musste sein und war auch als solcher gedacht.

Beitrag stammt vom: 8. Juni 2010 – 16:23 Uhr

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