Ehe die WM endgültig beginnen kann, müssen nur noch ein einziger Tag überstanden sowie drei weitere Gruppen analysiert werden – Gruppe F ist eine davon

ITALIEN
– Fünfter der FIFA-Weltrangliste
– von Marcello Lippi zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der UEFA-Quali


Italien: Ein eigenes Kapitel. Lippi: Eine Sache für sich. Der Kader: Ein Erguss. Die Vorbereitung: Eine Katastrophe.
Daher fällt eine Prognose für die ‘Squadra Azzura’ ausgesprochen schwer. Man weiß, dass Lippi (derjenige, der Italien bereits 2006 zum Titel geführt hat, Anm.) Testspielen noch nie besondere Aussagekraft zugesprochen und sich dementsprechend wenig um deren Ausgang gekümmert hat. Freilich werden sie dennoch gespielt, beispielsweise zur Findung von System und Stamm, aber eben nicht in dem Sinne, wie anderswo.

Wie es gerne vorkommt, versteht die italienische Medienlandschaft die Gedankengänge des Teamchefs nicht, hätte ihn nach dem Unspiel gegen Mexiko vermutlich am liebsten mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Glücklicherweise haben Medien selbst in Italien weniger zu sagen, als Fußballverbände – Lippi ist somit Trainer geblieben und wird es, spätestens bis zum Ausscheiden in Südafrika, auch bleiben.

Nun zum Kader Lippis: Der mittlerweile 62-Jährige hat sich seinen Namen und das daraus resultierende Vertrauen des italienischen Verbands zunutze gemacht und bei der Kadergestaltung, wie es sich gehört, ausschließlich auf seine Auffassung von Fußball und die angedachte Spielweise verlassen. Möglicherweise könnte sich dies später als entscheidender Vorteil erweisen, obschon natürlich auch Gegenteiliges der Fall sein könnte – einer kann klüger sein als mehrere, ist es aber nur in den seltensten Fällen.

Lippi vertraut vorwiegend auf vertraute Gesichter – mit Buffon, Zambrotta, Cannavaro, Gattuso, Camoranesi, de Rossi (und Pirlo, sofern dieser fit wird) dürften in Südafrika mindestens sechs Spieler der Weltmeister-Generation von ‘06 beginnen. Den Rest des 23-Mann-Kaders bilden mehrere Juventus-Talente (Lippi scheint eine Vorliebe für diesen Klub zu haben) und diverse Spieler aus der Serie A – überhaupt besteht der Lippi-Kader, dem ständig sinkenden Niveau zum Trotz, ausnahmslos aus Spielern der ersten italienischen Liga.

Bestbesetzte Positionen der Azzurri sind die Innenverteidigung (Cannavaro – Chiellini/Bonucci) ebenso wie alle Stürmer-Positionen: Di Natale, Iaquinta und Quagliarella dürften sich den LF/RF ausspielen, während sich Gilardino und Sampdoria-Jungspund Pazzini um den Platz an vorderster Front duellieren.

Lippi hatte zuletzt einige Male entschieden betont, sich nicht auf ein fixes System festlegen zu wollen, sondern stattdessen während des Spiels, je nach Lage, umzustellen. Die Vorbereitung spiegelte diese Aussagen haargenau wieder, während einigen Partien wechselte man innerhalb weniger Minuten von 4-3-3 zu 4-2-3-1 beziehungsweise sogar von 4er-Kette zu 3er-Kette – all diese Optionen sind auch für die WM denkbar, auf diesen Überraschungsmoment scheint Lippi abzuzielen. Ich persönlich rechne (ausgehend davon, dass Pirlo erst gegen Ende der WM einsatzfähig ist) mit folgender Startelf:

Buffon

Maggio
Cannavaro
Bonucci
Chiellini

Gattuso
de Rossi
Marchisio

Iaquinta
Gilardino
Di Natale

Wie die elf Akteure angeordnet sein werden, wird man sehen, jedenfalls fällt auf, dass objektiv betrachtet mindestens drei, wenn nicht sogar vier, Systeme möglich sind:

4-2-3-1, vermutlich der Standard:

Buffon
Maggio – Bonucci – Cannavaro – Chiellini
de Rossi – Gattuso
Iaquinta – Marchisio – Di Natale
Gilardino

4-3-3, vermutlich wenn in Rückstand geraten:

Buffon
Maggio – Bonucci – Cannavaro – Chiellini
de Rossi – Marchisio – Gattuso
Iaquinta– Gilardino – Di Natale

3-4-3, vermutlich gegen ‘sonderbare’ (hinsichtlich der Taktik, Anm.) Gegner:

Buffon
Bonucci – Cannavaro – Chiellini
Maggio – de Rossi – Gattuso – Marchisio*
Iaquinta – Gilardino – Di Natale

* unter Umständen wird man in diesem Fall wechseln müssen, Marchisio auf Links wäre bestenfalls eine Notlösung

Was irgendwie fehlt, ist Kreativität im Mittelfeld, insbesondere gegen Mexiko hat sich das deutlich gezeigt. Gattuso ist dahingehend ohnehin limitiert, Marchisio könnte, bringt beim Nationalteam aber wenig davon auf den Rasen und Daniele de Rossi sieht sich hauptsächlich mit Defensivaufgaben konfrontiert. Ohne Totti (verletzt, daher nicht im Kader) und Pirlo (verletzt, daher für ein, zwei Spiele außer Gefecht) glaube ich diesbezüglich auch nicht an Besserung. Übersteht Italien die Gruppenphase, könnte Lippis Taktik dafür voll und ganz aufgehen – in KO-Duellen ist Flexibilität oft wichtiger als Kreativität, Italien hat es bei der letzten WM selbst bewiesen.


PARAGUAY
– 31. der FIFA-Weltrangliste
– von Gerardo Martino zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der CONMEBOL-Quali


Der Sturm ist der Star. Mit Ex-Bayern-Stürmer Santa Cruz und dem eingebürgerten Dortmund-Goalgetter Lucas Barrios hat man ein Sturmduo absoluter Weltklasse, manch Titelkandidat würde in Sachen Angriff vielleicht sogar mit Martino tauschen wollen. Ansonsten ist der Kader Paraguays relativ solide, ohne Ausreißer nach oben oder unten.

Im Tor wird Valladolids Justo Villar (1,79m groß, Anm.) stehen, auf den Innenverteidiger-Positionen die Legionäre Alvarez (Wigan) und da Silva (Sunderland). Die beiden Außenverteidiger, vermutlich Veron (Rechts) und Morel (Links), sagen mir persönlich gar nichts, ebenso wenig die Doppelsechs. Wer den linken Mittelfeldspieler in Paraguays 4-2-2-2 geben wird, ist noch ungeklärt, wohingegen die rechte Seite an Vera vergeben sein dürfte.

Es stürmen die genannten Santa Cruz und Barrios, wobei man mit Valdez noch einen dritten Stürmer internationalen Formats auf der Bank sitzen hat – nachdem Gerardo Martino ursprünglich ohnehin ein 4-3-3 angekündigt hatte, vielleicht gar nicht unwesentlich.

In der vermutlich schwächsten Gruppe traue ich Paraguay den Aufstieg ins Achtelfinale durchaus zu, für den großen Coup fehlen aber weiterhin ein guter Torhüter, eine bessere Außenverteidigung sowie ein kompaktes Mittelfeld.


SLOWAKEI
– 34. der FIFA-Weltrangliste
– von Vladimir Weiss zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der UEFA-Quali


Auch die Slowaken fahren nach Südafrika und somit übrigens zu ihrem ersten internationalen Großereignis – das sagt bereits einiges über das Fußballland Slowakei aus. Trotzdem gilt Vladimir Weiss’ Truppe irgendwie als Geheimfavorit.

Was fasziniert, ist vor allem die Stimmigkeit zwischen körperlicher Stärke, taktischem Verständnis und individueller Qualität. Ein in sich stimmiges Kollektiv bereichern unter anderem Spieler wie Liverpool-Verteidiger Skrtel, Freigeist Hamsik oder Mittelstürmer Sestak. Gerne würde ich auch Dusan Svento als Leistungsträger anführen – wieso nicht möglich, sollte bekannt sein. Gründe für die Ausbootung des Salzburgers dürfte sein schmächtiger Körperbau gewesen sein – Weiss bevorzugt auf den Flügeln hauptsächlich robuste Spieler.

Die Slowaken werden sich aller Voraussicht nach mit Paraguay um den zweiten Rang duellieren, den Ausschlag wird wohl das direkte Aufeinandertreffen geben.


NEUSEELAND
– 78. der FIFA-Weltrangliste
– von Ricki Herbert zusammengestellt und trainiert
– Gruppenerster der Ozeanien-Quali


Ein mir unbekanntes Fußballland, mehr als einen interessanten Link kann ich leider nicht beitragen: http://www.zonalmarking.net/2010/06/01/new-zealands-world-cup-2010-tactics/

Beitrag stammt vom: 10. Juni 2010 – 16:10 Uhr

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