Von “Der Star ist die Mannschaft” scheint Diego Armando Maradona wenig zu halten. Viel zu sehr fühlt er sich beim Anblick Lionel Messis an seine glorreichen Tage zurückerinnert, viel zu groß ist die Verehrung für den 22-Jährigen ‘Floh’. Messi ist Dreh- und Angelpunkt des argentinischen Spielaufbaus, quasi jeder erwähnenswerte Angriff findet über ihn statt – das taktische Konzept der ‘Gauchos’ kurz und prägnant erklärt

Vorweg die Startelf Argentiniens:

Ob nun Maradona oder Bilardo für die Taktik der Argentinier verantwortlich ist, sollte eigentlich nicht von übermäßiger Bedeutung sein, vielmehr ist interessant, was man mit ihr bezwecken will. Spätestens seit dem heutigen Aufeinandertreffen mit Nigeria liegen die Karten diesbezüglich recht offen auf dem Tisch:

Defensive
Den Grundstein für den erhofften Coup soll die Viererkette, in der Regel mit Gutierrez – Samuel – Demichelis – Heinze, legen. Auffällig sind hierbei die Außenverteidiger-Positionen: Weder Gutierrez (weil gelernter RM immerhin noch eine Spur offensiver als Heinze, Anm.) noch Gabriel Heinze schalten sich sonderlich in die Angriffsbemühungen ein, halten in der Regel ihre Position einige Meter neben und einige Meter vor Demichelis/Samuel – es sei denn, um bei Bedarf Flanken aus dem Halbfeld in den Strafraum zu schlagen, aber selbst dabei haben sie ihre taktischen Aufgaben zu beachten.

Unterstützt werden die Vier von Kapitän und 6er Javier Mascherano, der praktisch durchgehend rund um den Mittelkreis zu finden ist. Während der Rest der Mannschaft in Richtung des Balles verschiebt, behält Mascherano seine angestammten Platz bei, um für eine etwaige Spielverlagerung gerüstet zu sein. Dem internationalen Trend, den Abräumer immer wieder als dritten Verteidiger einzusetzen und kurzfristig die 4er- zur 3er-Kette zu machen, wirkt Mascherano ebenfalls entgegen – wie gesagt, den 26-Jährigen findet man hauptsächlich um den Mittelkreis herum, also deutlich vor der Abwehr.

Offensive
Experten (und auch Nicht-Experten wie ich) hatten im Vorfeld Gutierrez-vor-Otamendi auf der rechten Seite vermutet, lagen damit aber insofern falsch, als Carlos Alberto Tevez den Platz Gutierrez’ einnahm und dieser zurück in die Viererkette wich. Der ManCity-Stürmer sollte im rechten Mittelfeld verhältnismäßig farblos bleiben, zog zwar immer wieder ins Zentrum, fand dort aber selten ein Mittel gegen die halbwegs solide nigerianische Hintermannschaft. Das dadurch entstandene Loch auf der rechten Seite füllte entweder Higuain oder Veron – jedenfalls musste sie ständig besetzt sein, war das argentinische Spiel schließlich praktisch nur über Rechts existent.

Die schwarze Ellipse (siehe Grafik, Anm.) rund um Lionel Messi soll in etwa dessen Einflussbereich darstellen, auch wenn sie dafür vermutlich sogar zu klein geraten ist. Der 1,69-Meter-Mann ist das Um und Auf des argentinischen Spielaufbaus, nicht viele Angriffsbemühungen finden ohne sein Zutun statt. Der Schlüssel zu 96 Ballkontakten Messis ist insbesondere Juan Sebastian Veron, der ebenfalls eine wichtige Rolle im Angriffsspiel Argentiniens einnimmt:

Die Maradona-Elf versucht möglichst viele Bälle zu Veron zu spielen, welcher wiederum zu Messi passt. Messi selbst sucht in der Folge entweder den Doppelpass mit Higuain, um selbst den Torabschluss (per Innenrist-Schlenzer) zu wagen, oder spielt Lochpässe auf Gonzalo Higuain, welche dieser anschließend in aller Ruhe vergeben kann. Sah er sich mit einer unlösbaren Aufgabe – sprich: mehreren Nigerianern direkt vor ihm – konfrontiert, spielte er den Ball meist zu Mascherano zurück, von wo aus der Spielaufbau wieder seinen üblichen Lauf nehmen konnte.

Gonzalo Higuains Rolle war erstaunlich. Während er bei Real Madrid ausschließlich im Strafraum anzutreffen ist, hielt er sich gestern überwiegend auf dem rechten Flügel auf. Der Grund liegt auf der Hand: Bis auf auf einige Alibi-Flanken aus dem Halbfeld verzichtet Argentinien auf Hereingaben, womit ein Strafraumstürmer seine Wirkung vermutlich verfehlen würde.

Einschätzung
Nachdem Argentinien nur fünf Spieler mit Offensivdrang (Veron, Messi, di Maria, Gutierrez, Higuain) aufgestellt hat, ist es ausgesprochen leicht auszurechnen und von Einzelaktionen der #10 abhängig. Die besten Nationen werden Mittel und Wege finden, Messi aus dem Spiel zu nehmen, zusätzlich Veron früh zu stören und zu Fehlern zu zwingen. Ob Argentinien dem etwas entgegenzusetzen hat, wird sich weisen.

Verfügt Maradona über keinen Plan B für die KO-Runde, wird seiner Auswahl in absehbarer Zeit die Grenzen aufgezeigt werden, denn selbst die Abwehr, die eigentlich den Weg zum Titel ebnen soll, ist seit Gutierrez lang nicht mehr so stabil wie zuvor und wird bei entsprechender Offensivkraft des Gegners sicherlich zu knacken sein.

Beitrag stammt vom: 13. Juni 2010 – 9:40 Uhr

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