Über kaum eine Mannschaft gingen die Meinungen vor der WM so auseinander wie die über die deutsche. Die einen sahen sie in einer schwierigen Gruppe zum Scheitern verurteilt, die anderen trauten ihnen den Weltmeistertitel zu. Seit dem gestrigen Aufeinandertreffen mit Australien weiß man mehr: Den Deutschen muss man den Weltmeistertitel zutrauen.

Während Deutschland erwartungsgemäß mit Klose und ohne Cacau/Kießling/Gomez und auch ansonsten wie ausgemalt begann, überraschten die Australier mit ihrem 4-2-4-0 doch einigermaßen:

Taktik, die zur Niederlage führte
Dass Tim Cahill, wie vom ORF angenommen, als Stürmer fungieren wird, konnten sich kritische Augen schon von vornherein nicht vorstellen und bekamen letztlich Recht mit ihrer Annahme. Cahill spielte, wie bei Everton, eine Mischung aus zentralem und zentral-offensivem, selbst sein Nebenan Garcia agierte offensiver. Stürmer gab es also keinen. Die Australier hatten diese Maßnahme als Gegenmittel zur immens spielstarken deutschen Doppelsechs gewählt (sieh Grafik; der weiße Bereich zeigt, wo das Forechecking der Australier begann). Die ‘Viererkette’ mit Culina, Cahill, Garcia und Emerton platzierte sich bei jedem Angriff der Löw-Elf direkt zwischen Innenverteidigung und Khedira/Schweinsteiger, wollte dadurch Zuspiele auf die beiden letztgenannten verhindern. In gewisser Weise hatte man damit sogar Erfolg, Schweinsteiger war in den ersten 20, 30 Minuten tatsächlich ziemlich isoliert.

Taktik,
die zu überzeugenden und nicht-überzeugenden Leistungen führte

Die Taktik der Australier schlug aber insofern völlig fehl, als Valeri und Grella, systembedingt, viel zu angriffsorientiert auftreten mussten: Um Khedira und Schweinsteiger endgültig aus dem Spiel zu nehmen, so glaubte Teamchef Verbeek, musste sich die eigene Doppelsechs hautnah an der der Deutschen orientieren – sollten Khedira oder Schweinsteiger doch einmal an den Ball kommen, könnte man so sofort einschreiten.

Bei allen Überlegungen dürfte man aber völlig auf den aufstrebenden Mesut Özil vergessen haben, dem im zentral-offensiven Mittelfeld Deutschland viel zu viel Raum überlassen wurde (siehe die folgende Grafik; der schwarz umrandete Bereich zeigt noch einmal, wo sich das Pressing der Australier ungefähr abspielte).

Der Bremer wusste diesen, weil momentan in der Form seines Lebens, gnadenlos auszunutzen, ging weite Wege (siehe Grafik; der weiße Bereich um Özil zeigt dessen bevorzugte Laufwege) und wurde dementsprechend oft angespielt. Viele seiner vielen Ballkontakte führten – man nehme nur das 1:0, als er mit drei sensationellen Haken zwei Australier überspielte – in der Folge zu brandgefährlichen Situationen und ließen den 21-Jährigen zum Mann des Spiels avancieren – spätestens jetzt sollte jedem klar sein, wieso er als etwaiger Fabregas-Ersatz bei Arsenal angedacht ist.

Weiters fielen Thomas Müller (siehe Grafik; der weiße Bereich um ihn zeigt sein ‚Einzugsgebiet‘) und Philipp Lahm sehr positiv auf. Ersterer, weil er seine taktische/technische Ausbildung offensiv wie defensiv perfekt zur Geltung brachte, dadurch sogar ein Tor erzielte und der Kapitän wegen seiner wichtigen Vorstößen, wie etwa der Flanke zum 2:0. Lahm hatte übrigens die meisten Ballkontakte aller 22 Spieler.

Sein Teamkollege und Gegenüber Holger Badstuber war hingegen fast ausschließlich in der eigenen Hälfte zu finden, Vorstöße sind für den Linksverteidiger tabu. Sein Vordermann, Lukas Podolski (machte ebenfalls eine ansprechende Partie, Anm.), profitierte davon und war von Defensivaufgaben weitgehend freigesprochen. Zumindest weniger als Miroslav Klose, der oft bis in die eigene Hälfte verteidigte.

Apropos Klose: Löw machte dem umstrittenen Bayern-Stürmer mit seiner Startaufstellung neuerdings einen Vertrauensbeweis, in der Hoffnung, dass Klose explodieren und endlich wieder treffen würde. Ehe er wieder an 2006er-Zeiten erinnerte, schien Klose allerdings nahtlos an seine bescheidene Saison anzuknüpfen – innerhalb weniger Minuten vergab er zwei Hochkaräter. Schließlich traf er (wie später auch der eingewechselte Cacau) dennoch und rechtfertigte somit seine Aufstellung. Per Kopf, wie sollte es anders sein.

Klose hin, Klose her, als Schwachstelle gilt die Innenverteidigung. Diesbezüglich werden aber wohl erst gegen Ghana erste Schlüsse möglich sein, gestern waren Mertesacker und Friedrich kaum gefordert, ob die beiden KO-Runden-tauglich sind, wird sich weisen.
Themenwechsel:

Taktik, die zum Sieg führte
Eigentlich ist das System der Deutschen leicht erklärt:
Regel #1: Ballbesitz muss sein. Hat man das Leder, lässt man es meist einige Male durch die Viererkette zirkulieren, um es danach einem der mittlerweile (hoffentlich) frei stehenden 6er oder notfalls direkt Mesut Özil zuzuspielen. Um das Tempo ruckartig anzuziehen, wird zudem häufig mit Seitenwechseln durch hohe Bälle (meist durch Schweinsteiger von der linken Seite auf Lahms Fuß) gearbeitet, die meist in einem Sprint mit anschließendem Laufpass des Außenverteidigers enden. Überhaupt dominieren Lochpässe das Spiel der Deutschen, selten habe ich eine Mannschaft gesehen, die dermaßen häufig nach ‘tödlichen’ Pässen suchen – was sicherlich erfolgsversprechend ist, da man mit Özil, Podolski und Klose über sehr schnelle Spieler im Angriff verfügt.

Soweit die Offensive, die Taktik des Defensivverbunds wird erst nach dem Spiel gegen Ghana wirklich abzuschätzen sein – gegen die ‘BlackStars’ haben unsere Lieblingsnachbarn nämlich sicher mit mehr Gegenwehr zu rechnen.

Einschätzung
Auch wenn ich von Beginn an von Löws Kompetenz überzeugt war, hatte ich zugegeben doch meine Zweifeln, ob die Deutschen mit Klose, Podolski und ohne Ballack um den Titel mitspielen werden können. Mittlerweile halte ich Klose aber für den richtigen Stürmertyp (flink, dennoch im Strafraum präsent, technisch passabel, …) in Joachim Löws Spielweise – und selbst Podolski vermochte zu überzeugen, vor dem Spiel hätte ich vermutlich noch mein ganzes Hab und Gut dagegen verwettet. Mit Schweinsteiger und Khedira stellen die Deutschen meiner Meinung nach die beste Doppelsechs der WM und auch Özil gehört zu den besten Spielmachern der Gegenwart.

Den Ausschlag wird – gerade bei dieser, übermäßig taktisch geprägten, WM – dennoch die Innenverteidigung + Badstuber geben. Drei Fragezeichen, die, wie bereits angesprochen, erst im Laufe des Turniers geklärt werden.

Beitrag stammt vom: 14. Juni 2010 – 18:49 Uhr

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