Zwei Namen werden rund um den Globus, von Jung bis Alt, von Gelegenheitsfußballschauern, über fanatische Fans bis hin zu “Experten” und echten Experten genannt: Der eine ist Spanien und der andere Brasilien. Gut möglich, dass sich am Ende einer der beiden den WM-Titel sichert.

SPANIEN
– Zweiter der FIFA-Weltrangliste
– Gruppenerster der UEFA-Quali (mit 30 von 30 möglichen Punkten)

– von Vicente del Bosque zusammengestellt und trainiert


Was Louis Aragones aus dem Nichts erschuf, muss Vincente del Bosque demnächst aufbieten: Eine Mannschaft, die ein Großevent gewinnen kann. Nach zehn Siegen in zehn Quali-Spielen legte man sich die Messlatte schließlich selbst noch höher, als sie es ohnehin schon war – alles andere als nach der EURO auch bei der Weltmeisterschaft in Südafrika den Pokal zu stemmen, wäre vermutlich – im eigenen Land, wie auch für Spanien-Sympathisanten aus aller Welt – eine herbe Enttäuschung. Spätestens seit der Auftaktniederlage gegen die …
… nein, dazu erst später mehr.

Del Bosques Konzeption
Del Bosque hat dem EM-System gewissermaßen abgeschworen, freilich ‘Tiqui Taca’ beizubehalten versucht, im Grunde aber auf ein 4-2-3-1 umgestellt. Während im Europameisterschaftsendspiel noch Francesc Fabregas und Xavi Hernandez die Fäden zogen, ist unter del Bosque ersterer nicht mehr sonderlich gefragt und Xavi daher alleiniger Spielmacher – womit ich beim ersten Kritikpunkt angelangt wäre:

Bitte nicht fehlinterpretieren, nichts gegen Xavi – tatsächlich ist er der gegenwärtig Beste auf seiner Position, dem zentralen Mittelfeld –, aber bei Spanien spielt er nunmal nicht in seiner Rolle. Xavi war nie einer, der imstande war, ein Spiel alleine zu lenken, sich ein Herz zu nehmen wenn der Mannschaft nichts gelingen will, eben alles was zu einem ZOM gehört.

Bei Barcelona stieg er erst mit Guardiolas System – sprich: Andres Iniesta direkt neben ihm – zum Weltstar auf, zuvor hatte ihm immer ein etwas impulsiverer Spielertyp an seiner Seite gefällt. Selbiges im spanischen Nationalteam, wo es, wie bereits angesprochen, bei der EURO Fabregas gab und Xavi bestenfalls Co-Spielmacher war. Die Stärken des mittlerweile 30-Jährigen liegen einfach woanders: Aus einer tiefen Position im Mittelfeld heraus verteilt er die Bälle horizontal, spielt bei Gelegenheit geniale Lochpässe, spult Kilometer um Kilometer ab, ist in der letzten Phase des Spielaufbaus allerdings praktisch nie eingebunden – einfach, weil ihm die Dynamik fehlt. Und ja, so gesehen wundert es nicht, dass Xavi gegen die Schweiz wenig seiner ungemeinen Klasse zeigen konnte.

Zugegeben: Ganz alleine ist Xavi natürlich nicht. Wenn ein Angriff gerade in den Kindesschuhen steckt, sich der Ball also ungefähr um die Mittellinie herum befindet, ziehen Iniesta und Silva oft in die Mitte, um dort ein Übergewicht zu bewirken. Zudem ist natürlich auch die Doppelsechs – Sergio Busquets, Xabi Alonso – am Spielaufbau beteiligt. Ab einem gewissen Grad (gegen defensiv orientierte, aber hoch verteidigende Mannschaften – wie etwa die Schweiz eine war – kommt er früher, gegen andere etwas später) findet sich Xavi jedoch ziemlich auf sich alleine gestellt wieder, vom etwas offensiveren der beiden 6er, Xabi Alonso, und mit Abstrichen Andres Iniesta, abgesehen, was sich wiederum negativ auf Solo-Stürmer David Villa auswirkt. Del Bosque wird sich diesbezüglich Gedanken machen müssen, denn Xavi kommt mit seiner momentanen Rolle, verständlicherweise, überhaupt nicht zurecht.

Ein weiterer interessanter Aspekt in del Bosques Konzept sind die Laufwege der beiden Flügelspieler: David Silva, Linksfuß, ist unter del Bosque nomineller RM, doch in Wahrheit wie bei Valencia als linker Flügelspieler angedacht – gestern fand man ihn geschätzte zwei Mal auf der rechten Seite. Derweilen läuft Andres Iniesta, nomineller LM, auf einer Art ‘Achse’ (siehe Grafik unten, Anm.) immer und immer und immer wieder die selben Laufwege ab, was es dem Gegner schwierig macht, sich auf ihn einzustellen.

Den Raum, der sich durch Silvas Ausweichen auf Links ergibt – und wir sprechen hier von einem sehr, sehr großen Raum, je nach Verschieben der Viererkette bis zu 30 Metern –, versucht unterdessen Sergio Ramos für seine gefürchteten Vorstöße zu nutzen. Hierbei agierte er gegen die Schweiz (vermutlich auf Anraten des Teamchefs) meiner Meinung nach jedoch viel zu vorsichtig. Vorsichtig insofern, als Ziegler (Linksverteidiger der Schweiz, Anm.) einige Male aus der Viererkette hinaus verschieben musste, um ein Loch im Mittelfeld zu stopfen, der Real Madrider den dadurch eröffneten Raum aber nie (mit einer einzigen Ausnahme, die auch prompt torgefährlich wurde: Ramos traf immerhin das Außennetz) wirklich füllte. Möglicherweise wollte man den Schweizern unter keinen Umständen Konterchancen ermöglichen, was grundsätzlich ja auch ratsam ist. Angesichts der Unfähigkeit gegen die Schweiz Tore zu erzielen, hätten vermehrte Angriffsbemühungen Ramos’ dennoch mehr Positives als Negatives mit sich gebracht, wie ich finde.

Auftaktniederlage gegen die Schweiz

Startelf + bevorzugte Laufwege:


* Anmerkung zur Grafik:
Silva war überwiegend auf der linken Seite tätig, was grafisch jedoch nur sehr schwer darzustellen gewesen wäre


Um anzuknüpfen, wo ich zu Beginn abgesetzt habe: Spätestens seit der Auftaktniederlage gegen die Schweiz, weiß man um die Stärken und Schwächen der Spanier so ziemlich bescheid. ‚Tiqui Taca‘ ist nach wie vor existent, vielleicht sogar noch perfekter als es jemals war, man spielt weiterhin den durchdachtesten, ansehlichsten Fußball, aber ansonsten beinhaltet das System zahlreiche Tücken: Beispielsweise gelang es den Spaniern überhaupt nicht, das Spiel – wie es gegen einen defensiven Gegner ratsam wäre – breit zu machen, viel zu oft befanden sich viel zu viele Spieler im Zentrum. Dementsprechend eng wurden die Räume und dementsprechend offensiver hätte man meiner Meinung nach vorgehen müssen – Sergio Ramos tat komischerweise das genaue Gegenteil. Wie es hätte gehen können, wenn der rechte Flügel entsprechend besetzt ist, zeigte in den Schlussminuten der eingewechselte Jesus Navas.

Darüberhinaus brachten es die Spanier äußerst selten zuwege, zentrale Mittelfeldspieler rund um Villa anzusammeln, was hauptsächlich mit der oben analysierten Xavi-Problematik zu tun hat und unbedingt behoben werden muss, sofern man das Turnier als Weltmeister verlassen will. Anbieten würde sich hierfür Cesc Fabregas, der wie gemacht für die ZOM-Position wäre. Möglicherweise wird del Bosque gegen Honduras und Chile auf ihn zurückgreifen, Xabi Alonso oder Sergio Busquets stattdessen auf die Bank setzen und letzten Endes doch zum altbewährten 4-1-4-1 zurückkehren.

Wenn nicht, wird sich Spanien gegen defensiv starke Mannschaften weiterhin sehr schwer tun, was aber nichts daran ändert, dass man mit diesem Spielermaterial und dieser Art Fußball zu spielen trotz allem einer der Top-Kandidaten auf den Weltmeistertitel ist.


BRASILIEN
– Erster der FIFA-Weltrangliste
– von Carlos Dunga zusammengestellt und trainiert

– Gruppenerster der CONMEBOL-Quali


Aufstellung gegen Nordkorea + bevorzugte Laufwege:


Dungas Konzept
Wenn es eine Auswahl gibt, die Spanien in Normalverfassung schlagen kann, so ist es definitiv die brasilianische. Was viele als fad, fad und unkreativ bezeichnen, ist in Wahrheit bis ins kleinste Detail durchdacht und wird sich im Laufe der WM zudem als Augenweide herausstellen. Die Brasilianer verstehen es unter Dunga wie kein anderes Team, blitzschnell zwischen zwei Systemen zu wechseln: Während bei Ballbesitz des Gegners ein klassisches 4-4-2 mit Raute zu erkennen ist, ergibt sich bei eigenen Angriffen sofort ein 4-2-3-1 daraus. Interessant sind dabei insbesondere die Rollen von Robinho, der ständig zwischen LS und LM wechselt, und Elano. Letzterer erfüllt die vermutlich laufaufwändigste Position der Gegenwart: Bei Angriffen des Gegners arbeitet er im zentral defensiven Mittelfeld, bei Angriffen Brasiliens findet man ihn plötzlich auf dem rechten Flügel. Nicht umsonst gilt es als unmöglich, diese Rolle über 90 Minuten hinweg auszufüllen.

Die wichtigsten zwei Bausteine in Dungas Taktik dürften dennoch die beiden Außenverteidiger, Bastos und Maicon, sein. Bastos, bei Lyon im LOM eingesetzt, wurde von Dunga zum Außenverteidiger umfunktioniert, bekommt als solcher aber ausgesprochen viele Freiheiten nach vorne – im Gegensatz zu seinem Gegenüber Maicon erweisen sich seine Vorstöße allerdings selten als wirkungsvoll, da ihm Robinho, einfach weil er da ist, enorm viel Platz wegnimmt (siehe Grafik; die weiße Ellipse zeigt in etwa den Raum, der Bastos durch Robinho genommen wird, Anm). Maicon hat es auf Rechts wesentlich leichter, da Elano meist ein paar Meter zentraler spielt als ein typischer RM, damit natürlich den Linksverteidiger des Gegners an sich bindet, und dem Inter-Verteidiger somit Raum und Zeit ermöglicht.
Bei Vorstößen von Maicon und/oder Bastos wird Gilberto Silva übrigens zum Innenverteidiger und die 4er- plötzlich zu einer 3er-Kette.

Zusammenfassend
Brasiliens größtes Problem ist mit Sicherheit die fehlende Ballzirkulation: Technisch limitierte Akteure wie Gilberto Silva führen den Ball von haus aus länger, Robinho ist ohnehin für Sinnlos-Dribblings bekannt und Kaka fehlt momentan die Ballsicherheit – Faktoren, die gegen Mauergegner wie Nordkorea rasch zu Ideenlosigkeit und in weiterer Folge zu Standfußball führen. Überhaupt war das Spiel gegen die Führer-Auswahl ein guter Gradmesser für die Stärke Brasiliens: Man wird schöne Tore, ein ausgeklügeltes 4-1-2-1-2/4-2-3-1-System, Dominanz im Mittelfeld, sehenswerte Vorstöße der Außenverteidiger, aber auch Unbeholfenheit zu sehen bekommen – je nachdem ob letztendlich das Positive oder das Negative überwiegt, wird die WM für Brasilien den Titel oder ein frühes Ausscheiden bringen.

Beitrag stammt vom: 17. Juni 2010 – 17:50 Uhr

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