Mittlerweile hat jede Nation mindestens einmal gespielt, manche bereits zweimal – Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Was war von der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika nicht alles erwartet worden? Ausgesprochen viel, egal ob im positiven oder negativen Sinne. Leere Stadien, unaufhörliches Vuvuzela-Getröte, gewohnt dürftige Schiedsrichterleistungen (welch Ironie: während ich diese Zeilen tippe, wird den US-Amerikanern ein regulärer Treffer aberkannt…) und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen erwarteten sich Pessimisten (und Realisten), von Zauberfußball, offenen Visieren und torreichen Begegnungen sind kühnste Optimisten ausgegangen.

Taktik
Dass sich deren Hoffnungen nicht bewahrheiten würden, war bereits im Vorhinein klar, mit dem einen oder anderen Tor mehr durfte man dennoch rechnen. Nachdem jede Nation ein Spiel absolviert hatte, stand ein Torschnitt von 1,56 zu Buche – zum Vergleich: Die letzte WM hatte nach allen 64 Partien durchschnittlich 2,30 Tore aufzuweisen, 1994 waren es gar noch 2,71 Treffer pro Spiel. Diese – manche sprechen von einer unangenehmen – Entwicklung ist leicht erklärt: Zum einen geben sich die meisten WM-Teilnehmer in Auftaktpartien in der Regel mit Unentschieden zufrieden (zumindest, wenn für einen Sieg übermäßig viel Risiko nötig wäre), andererseits hat sich der Fußball seit 2006 taktisch enorm weiterentwickelt:

Das 4-4-2 wurde längst vom 4-2-3-1 abgelöst, 6er nehmen völlig neue, universelle, Rollen ein und 3er-Ketten sind vor allem bei schwächeren Teams wieder in Mode gekommen. 6er sind Gift für Torfestivals, eben weil sie so effektiv geworden sind, das 4-2-3-1 nimmt den Außenverteidigern die Räume (und macht Flügelspiel daher immer ungebräuchlicher) und eine 3er-Abwehr, wie sie etwa Mexiko in Perfektion praktiziert, ist irrsinnig schwer zu durchspielen.

Die Mehrheit bedauert diese Entwicklung, sehnt vergangene, torreiche Tage herbei. Grundsätzlich stehe ich dem Ganzen relativ neutral gegenüber: Der Fußball hat sich nunmal kommerzialisiert, die Taktik rückt dadurch mehr und mehr in den Vordergrund und Tore werden langsam zur Rarität. Dennoch bereitet einem die WM fußballerisch viel Freude, inbesondere wenn man, wie ich, Taktik-Fanatiker ist. Sieht man die Elfenbeinküste in der 93. Spielminute einen Eckball kurz ausführen, fragt man sich aber sehrwohl, wohin der Weg den Fußball führt.

Überraschungsteams
Besonders positiv fielen mir die Mexikaner mit ihrem anpassungsfähigem 3-4-3 sowie die Chilenen durch ansehliches Kurzpassspiel auf. Von den Favoriten wussten die Brasiliener (gegen Nordkorea muss man erst mal zwei Tore erzielen), Argentinien (auch wenn sehr auf Messi fixiert) und mit Abstrichen auch Deutschland (man wird sehen, ob sich das Serben-Match als Ausrutscher erweist) und die Niederlande zu überzeugen.

Dass Raymond Domenechs Frankreich in der Quali Probleme hatte, wusste man, aber ein Vorrunden-Aus, welches mit ziemlicher Sicherheit eintreten wird, hatte ich nicht erwartet.

Entdeckungen
Galatasarays Giovani dos Santos, Michael Bradley (ein unheimlich kompletter Kicker) und Chiles Flügelflitzer Alexis Sanchez erwiesen sich als ausgezeichnete Fußballer. Zudem konnten Spieler wie Montolivo (Italien), Inler (Schweiz) oder Chu-Young Park (Südafrika) die Öffentlichkeit endgültig von ihrer enormen Qualität überzeugen. “Entdeckungen” sind sie nicht wirklich, aber Neuankömmlinge im Kreise der Weltklassespieler allemal: Sami Khedira und Mesut Özil. Zwei begnadete Kicker, die dem Turnier vermutlich noch ihren Stempel aufdrücken werden.

Rundherum
Abseits des Feldes passiert wenig. Mal ist der ‘Jabulani’ im Kreuzfeuer der Kritik, andernmal büchsen einige Nordkoreaner aus dem Mannschaftshotel aus, aber im großen und ganzen dominiert ein Thema: Die Vuvuzelas. Zugegeben: Das scheußlich klingende Blasinstrument hat weder was mit südafrikanischer Kultur zu tun – schließlich ist es ein reines Kunstprodukt –, noch trägt es irgendwie zu guter Stimmung im Stadion bei. Wirklich anstrengend sind trotz allem eigentlich nur die ständigen Diskussionen darüber – die westliche Welt hat sich mit den Begebenheiten abzufinden, so schlimm wie dargestellt sind sie in meinen Augen/Ohren nun auch wieder nicht.

Beitrag stammt vom: 18. Juni 2010 – 18:46 Uhr

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