England war gegen Algerien, wie schon gegen die USA, zeitweise enorm hilflos. Einer erfolgreichen WM-Quali könnte nach dem Unspiel gegen Algerien das frühe Vorrunden-Aus folgen. Warum das Unspiel bereits eine Stunde vor dem Anpfiff feststand, wieso es tatsächlich zustande kam und wie man es vermeiden hätte können

Fabio Capello ist zweifelsohne ein Fachmann. Für meine Begriff mit Sicherheit ein außerordentlich guter Trainer. Das kleine Debakel, das seine Mannschaft gegen Algerien erfuhr, geht dennoch großteils auf seine Kappe.

Englands geplante Versäumnisse
Wir schreiben den 18. Juni 2010, es ist 19:14 Uhr: Die FIFA gibt die Startaufstellung Englands und jene des Gegners bekannt. Selbst ohne Algerien übermäßig gut zu kennen, ließ sich anhand der Formation der Spielablauf erahnen.

England

Allein die 3er-Abwehr Algeriens versprach für England nichts gutes: Drei-Mann-Abwehrketten sind gegen 4-4-2s unheimlich wirkungsvoll, da sich die beiden äußeren Innenverteidiger, im Falle Algeriens Bougherra und Yahia, mit jeweils einem der beiden Stürmer beschäftigen können und im Falle des Falles noch immer der dritte Innenverteidiger absichern kann. Weitaus schwieriger fällt es einer 3er-Abwehr gegen ein 4-5-1/4-3-3: Der mittlere Innenverteidiger kümmert sich um den Mittelstürmer, die beiden anderen um die Flügelstürmer – ergibt in allen drei Fällen Eins-gegen-Eins-Situationen, die unbedingt vermieden werden müssen.

Algerien

In meinen Augen hätte Fabio Capello Courage zeigen müssen, in der Halbzeit auf die schwache Darbietung seiner Mannschaft reagieren und die Taktik entsprechend verändern sollen – sprich: Heskey raus, linker Mitttelfeldspieler rein, Barry auf die 6er-Postition beordern und ein 4-1-4-1 aufbieten. Man hätte sicherlich mehr Verwirrung stiften können, als man es letzten Endes getan hat.

Weiters war absehbar, dass Gareth Barry und Frank Lampard in ihrer Rolle nichts bewirken werden können. Yebda, Lacen und Kadir (der mit Steven Gerrard überhaupt keine Mühe hatte) standen äußerst tief, die 3er- bzw. (bei Angriff des Gegners) 5er-Kette machten die Räume zusätzlich eng, wodurch ihnen meist nur der hohe Ball auf Heskey oder ein hilfloser, horizontaler Pass übrig blieb. England brachte es einfach nicht zuwege, Frank Lampard in die Nähe des gegnerischen Tores zu bringen, von eine durch Zufall entstandenen Torchance kam er zu keiner einzigen Gelegenheit, während er im Liga-Alltag zu den torgefährlichsten Mittelfeldspielern zählt.

England - Algerien

Am Mangel an Kreativität im zentral-englischen Mittelfeld konnte auch Steven Gerrard nichts ändern. Angriffsbemühungen fanden daher fast ausschließlich durch hohe Zuspiele auf Emil Heskey und dessen Ableger statt, worauf die Algerier jedoch bestens eingestellt waren. Als dementsprechend schwierig erwies sich das Unterfangen Spielaufbau, zumal, wie gesagt, eigentlich nur ein einziges Schema verwendet wurde.

Mit Fortdauer des Spiels sah man Wayne Rooney, der zuvor kaum Bälle gesehen hatte, hauptsächlich rund um den Mittelkreis herum, nicht aber dort, wo er normalerweise zu stehen hat. Der ManU-Stürmer wollte helfen, bewirkte aber rein gar nichts – im Gegenteil. Steven Gerrard hatte niemanden, mit dem er Dreieck hätte spielen können (siehe England-Grafik; Lampard – Gerrard – Rooney sollten den Ball im Dreieck zirkulieren lassen, Anm.), Heskeys Ableger fanden noch seltener einen Abnehmer als zuvor.

So konnte Algerien sein 3-4-2-1-System seelenruhig durchziehen – und dabei sogar die eine oder andere Konterchance fabrizieren. Bei den Nordafrikanern überzeugten insbesondere Matmour, (etatmäßiger Solo-Stürmer, welcher aber eher wie ein zentral offensiver Mittelfeldspieler agierte) der Barry früh störte und bei Gegenstößen die zentrale Anspielstation war, sowie Wolfsburg-Dribblanski Ziani und der linke Mittelfeldspieler Belhadj. Letzterer hatte insofern leichtes Spiel, als Aaron Lennon einen rabenschwarzen Tag erwischte und falsch machte, was man falsch machen kann: Capello hatte Walcott aus dem Kader eliminiert, weil dieser viel zu oft nach innen zog und das Spiel damit unnötig eng machte… und was tat Lennon gestern? Er machte einen auf Walcott. Dass er nach der Halbzeit nicht wieder das Feld betrat, verwunderte nicht.

Ebenso schlecht erging es Glen Johnson, der mit Ziani Müh und Not hatte, und bei Vorstößen meist an seinen limitierten ballesterischen Fähigkeiten scheiterte. Sein Gegenüber, Ashley Cole hätte ursprünglich das Gerrard-Loch füllen sollen, behielt seine Position allerdings bei – vermutlich aus Angst vor Gegenstößen der Wüstenfüchse.

John Terry lieferte eine passable Leistung ab, während Jamie Carragher in einigen Szenen die Nerven einen Streich gespielt zu haben schienen.

Zusammenfassend
Beckenbauer hat nicht ganz unrecht, wenn er von „Steinzeitfußball” und “Kick&Rush” spricht. Capello zwingt seinen Spielern eine Taktik auf, die sich für eine WM-Endrunde einfach nicht eignet. Der Misserfolg war absehbar, deswegen hat England eigentlich auch nicht enttäuscht. Sollte Capello dennoch auf seiner Spielweise beharren (Warum wird Carrick zum Beispiel nicht einmal eingewechselt, obwohl er genau der Typ Spieler wäre, den es bräuchte?), so wird sie – so weit lehne ich mich aus dem Fenster – gegen die taktisch genialen Slowenen zum Aus führen.

Algerien kann hingegen stolz sein, müssen vielleicht aber auch einer Jahrhundertchance nachtrauern, fand man über 90 Minuten doch einige Einschussmöglichkeiten vor. Im Aufeinandertreffen mit den US-Amerikanern wird man es mit einem ähnlichen System wie es die Engländer (4-4-2, Doppelsechs, eine hängende Spitze, Anm.) praktiziert haben, aber sicherlich mehr Leidenschaft zu tun bekommen – der Ausgang daher für mich völlig offen.

Beitrag stammt vom: 19. Juni 2010 – 20:11 Uhr

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