Spätestens seit der vorgestrigen Partie sollte klar sein, dass Brasilien mit Carlos Dunga einen herausragenden Taktiker auf der Bank sitzen hat und unter normalen Umständen nur schwer zu schlagen sein wird. Kakas Formtief könnte der ‘Selecao’ in Verbindung mit der Verletzung Elanos dennoch den Weltmeistertitel kosten.
Die Elfenbeinküste machte ein solides, typisch afrikanisches, Spiel, ohne die Brasilianer auch nur kurzzeitig gefährdet zu haben.

Brasilien und die Elfenbeinküste lieferten sich vorgestern ein Duell, welches eigentlich genau wie erwartet verlief: Die Afrikaner bauten gegen die favorisierten Brasilianer auf ein 5er-Mittelfeld und ihre gewohnt kampfbetonte Spielweise, während der Gegner durch individuelle Klasse und ein ausgeklügeltes System zu überzeugen wusste.

Elfenbeinküste: Passabel, wenngleich ohne Überraschungsmomente
Bei den ‘Elefanten’ ersetzte der am Ellbogen verletzte Didier Drogba den wieselflinken Gervinho, wobei Drogba die Mittelstürmerposition einnahm und Dindane stattdessen in die Gervinho-Rolle wich. Die Entscheidung Gervinho auf die Bank zu setzen, ist mir in keinster Weise nachvollziehbar, war er gegen die Portugiesen schließlich noch einer der besten seiner Mannschaft gewesen. Dass die Ivorier ohne ihn zwar solide, aber praktisch ohne Durchschlagskraft auftraten, überraschte daher nicht wirklich.
Ansonsten nahm Sven Göran Eriksson keine personellen Umstellungen gegenüber der Vorwoche vor – und auch das System glich jenem gegen Portugal, mit der einzigen Ausnahme, dass Kalou und Dindane deutlich mehr Defensivaufgaben zu erfüllen hatten.

Elfenbeinküste

Brasilien: Weltmeisterliches System mit potentiellem Personalproblem
Carlos Dunga übernahm sowohl die elf Spieler, als auch das taktische Konzept vom Spiel gegen Nordkorea nahtlos. Der ständige Wechsel zwischen 4-4-2 und 4-2-3-1 war gestern trotzdem nicht so klar erkennbar, wie noch vor einigen Tagen. Der Grund: Elano, der seine Rolle diesmal etwas zentraler interpretierte, vermutlich um Maicon etwaige Vorstöße noch leichter zu gestalten. Ansonsten agierten die Südamerikaner gewohnt abgeklärt, durch die technisch limitierte Doppelsechs im Spielaufbau zwar etwas zu durchsichtig, aber alles in allem eines künftigen Weltmeisters würdig.

Brasilien

Die Grafik erklärt, nochmals und hoffentlich verständlich, wie das Konzept Dungas aussieht: Bei Ballbesitz des Gegners rückt Robinho neben Fabiano in den Sturm, dahinter steht Kaka, wiederum dahinter Elano halbrechts und Melo halblinks und schließlich der Abräumer Gilberto Silva – ein klassisches 4-4-2 mit Raute, das es dem Gegner möglichst schwierig gestalten soll, einen geordneten Spielaufbau zustande zu bringen – was gegen die Elfenbeinküste auch ausgezeichnet funktioniert hat.
Sobald man selbst den Ball hat, bewegt sich Robinho Richtung linker Flügel, während Elano sich nach Rechts orientiert und Maicon zeitgleich bis weit über die Mittellinie hinausstürmt. Felipe Melo bleibt fast wie angewurzelt stehen und bildet in der Folge die Doppelsechs mit Gilberto Silva – et voila, im Nu ist aus dem 4-4-2 ein extrem offensives 4-2-3-1 geworden. Hauptsächlich finden die Angriffsbemühungen der ‘Selecao’ über Links, also Robinho, statt, wobei natürlich auch Maicon entsprechend mit Bällen gefüttert wird.

Neben zahlreichen Vorstößen Lucios – Gilberto Silva sichert in diesem Fall für ihn ab – war gestern auch oft eine Art Dreiecksbildung zwischen Kaka, Robinho und Luis Fabiano zu erkennen. Das erste und zweite Tor waren keineswegs glücklich, sondern vielmehr das Resultat eines raffinierten Tricks: Sobald Kaka, Robinho oder Fabiano den Ball hat, bewegen sich die drei aufeinander zu, um den Gegner mit Kombinationen auf engstem Raum zu überwältigen (siehe 1:0) beziehungsweise einfach, um Gegner an sich zu binden und dem Ballführenden Freiraum zu schaffen (siehe 2:0).

Man liest: Ich bin ein großer Fan der brasilianischen Spielweise, Carlos Dunga ist in meinen Augen der fähigste Chef-Coach aller 32 WM-Teilnehmer und Brasilien folgedessen der logische Weltmeister. Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass der Weltmeister Brasilien heißen wird. Gründe sind einerseits die absolute Unform Kakas (die durch die rote Karte nicht unbedingt zu einer guten Form werden wird) und andererseits das mögliche Ausscheiden Elanos.
Die Kaka-Position wird sich gegen defensivstarke Mannschaften als äußerst wichtig herausstellen, da Melo und Silva alleine überhaupt nichts zuwege bringen und die Außenverteidiger, Bastos und Maicon, auch relativ leicht auszurechnen sind – ein Spielmacher außer Form könnte tatsächlich zu stockendem Spielaufbau führen; möglicherweise ärgert sich Dunga mittlerweile, Diego nicht mitgenommen zu haben. Noch schmerzhafter wäre vermutlich dennoch eine langfristige Verletzung von Elano, dem halbrechten Mittelfeldspieler. So wie er seine Rolle interpretiert – in all ihrer Tiefe, wo jeder Laufweg perfekt sitzt, wo er sich um keinen Meter zu schade ist – werden es vermutlich gut eine Hand voll Spieler rund um den ganzen Globus verstreut können – unglücklicherweise befindet sich aber kein einziger davon im brasilianischen 23-Mann-Kader. Optionen wären Dani Alves, der (aus Gewohnheit, weil Rechtsverteidiger bei Barcelona) dazu neigt, Maicon durch zu weites Abdriften auf die rechte Seite Platz wegzunehmen, und Ramires, der den Stammplatz auf der Elano-Position inne hatte, ehe er nach mäßigen Auftritten von eben diesem ersetzt wurde.

Zusammenfassend
Die Elfenbeinküste verteidigte recht ordentlich, brachte viele Spieler hinter den Ball und erzielte immerhin den Ehrentreffer. Letztendlich muss man anerkennen, an einer taktisch hervorragenden Mannschaft gescheitert zu sein. Wie sich die ‘taktisch hervorragende Mannschaft’ im Laufe des Turniers schlagen wird, ist momentan noch nicht absehbar und dürfte vor allem mit der Form eines Kakas und der Verletzung (bzw. Nicht-Verletzung) von Elano verknüpft sein – wie gesagt: Ein würdiger Weltmeister wären sie allemal.

Beitrag stammt vom: 21. Juni 2010 – 20:18 Uhr

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