Im folgenden Blog-Eintrag betrachtet der dseitlhuber – sportblog eine qualitativ hochwertige Partie zwischen Brasilien und den Niederlanden näher und erläutert, wer wie das Spiel prägte

Bevor wir durchstarten: zur Aufstellung, also zum mitunter Wesentlichen. Carlos Dunga bot das gewohnte 4-1-2-1-2 (mit 4-2-3-1-Touch) auf und besetzte jede Positon mit dem selben Spieler wie im Achtelfinale gegen Chile. Ergibt: Eine äußerst solide Innenverteidigung mit Lucio halbrechts und Juan halblinks, zwei extrem offensiven Außenverteidiger, zwei Abräumer, einen schwindligen Dani Alves und Kaka, Robinho, Fabiano an vorderster Front.

Brasilien

Bert van Marwijk bot derweilen fast die selben elf Spieler wie im Achtelfinale auf, einzig Oijer ersetzte den verletzten Joris Mathijsen. Van Persie agierte gewohnt tief, kam oft aus dem Mittelfeld und Arjen Robben suchte immer wieder nach einem Weg in die Mitte.

Niederlande

Die übereinandergelegten Startaufstellung zeigen ganz gut, wer es mit wem zu tun hatte. Nigel de Jong und Mark van Bommel gegen Gilberto Silva und Felipe Melo, Robinho gegen den offensiven Außenverteidiger van der Wiel und Arjen Robben gegen den ebenso angriffsorientierten Michel Bastos waren hierbei die entscheidendsten.

Brasilien - Niederlande

Und die Duelle hätten nicht wirklich unterschiedlicher vorlaufen können. Während de Jong und van Bommel in der ersten Halbzeit gegen ihre beiden brasilianischen Gegenspieler keinen Stich machten, kamen sie mit Fortdauer des Spiels immer mehr zur Geltung – nur, um ein Beispiel zu nennen. Ein anderes wäre zweifelsohne auch Arjen Robben, der in Halbzeit zwei eine spielerische 360-Grad-Wende hinlegte, aber dazu erst später mehr.

Spielverlauf
Anfangs bestätigen die Brasilianer meine hohe Meinung von ihnen eigentlich zur Gänze. Die perfekt ausgeklügelte Dunga-Taktik ging im großen und ganzen auf, der Gegner wurde dominiert, die angeblich so unattraktive Spielweise brachte zahlreiche schöne Kombinationen hervor. Motor des Spiels war insbesondere Robinho, der mit van der Wiel, welcher ausgesprochen offensiv agierte und Robben häufig überlief (beziehungsweise überlappte, wie der SKY-Kommentator so schön sagte), wenig Mühe hatte. Auch bei Spielmacher Kaka war eine Leistungssteigerung auszumachen, wenngleich sie freilich sehr klein war und Brasilien nicht wirklich weiterzuhelfen wusste.

So gut die Brasilianer spielten, so sehr fielen sie auch durch verschiedenste Nickligkeiten und Schwalben auf. Zudem wurde jeder Pfiff des Schiedsrichters gegen Brasilien, wenn er auch noch so eindeutig richtig war, von überschwänglichen Wutausbrüchen der Südamerikaner begleitet. Die Rolle des Sympathieträgers war somit – zumindest für mich – recht früh geklärt, das Geschehen auf dem Rasen zeigte aber wie gesagt eine tonangebende brasilianische Mannschaft, der die Niederländer nichts entgegenzusetzen hatten. Selbst Robben vermochte keine Farbe ins Spiel der Oranje zu bringen, blieb mitsamt seinen Haken wirkungslos.

Bereits nach zehn Minuten schlug sich die Dominanz Brasiliens auch in Toren nieder – nach einem idealen Pass von Felipe Melo vollstreckt Robinho alleinstehend vor Stekelenburg. Der Spielzug war offensichtlich einstudiert – dass Gilberto Silva genau im richtigen Moment ein, zwei Meter zurück ging, um de Jong an sich zu binden und Melo den Passweg frei zu machen, deutet zumindest darauf hin. Dennoch hätten die Niederländer das Tor verhindern können, vor allem van der Wiel hätte es verhindern können. Der junge Ajax-Verteidiger teilte Arjen Robben Robinho zu, anstatt selbst nach innen zu laufen und Michel Bastos links alleine zu lassen – ein fatales Fehlverhalten des 22-jährigen Rechtsverteidigers. Was hängen bleibt: Robbens Defensivarbeit ist – frei nach Peter Pacult – “grenzenswert” und Bastos’ Vorstöße führen zu Verwirrung in der Viererkette des Gegners.

360-Grad-Wende, angefangen bei Robben
Die zweite Halbzeit brachte ein völlig neues Bild. Die Dominanz der Brasilianer war plötzlich verschwunden, die Niederlande fanden im Gegenzug endlich zu ihrem Spiel. Tatsächlich veränderte van Marwijk nichts an seiner Mannschaft, zumindest blieben Spieler und Laufwege die selben. Dennoch hatte man das Gefühl, eine entfesselte niederländische Auswahl zu sehen, die plötzlich Antwort auf die Eigenheiten des brasilianischen Systems wusste – Gratulation Herrn Marwijk dazu, motivationstechnisch dürfte er seinen Job gut erfüllen.

Auch Arjen Robben war plötzlich im Spiel, weil bereitwilliger, den Ball auch seinen Mitspielern zuzuschieben. Dadurch wurde auch Gregory van der Wiel wirkungsvoller, Robinho deswegen mit Defensivaufgaben konfrontiert und die personifzierte Konterstärke der Südamerikaner somit ausgeschalten. Zusätzlich musste Carlos Dunga als Reaktion auf dessen dunkelgelbe Karte (verursacht durch Robben, selbstredend) den überforderten Bastos gegen den defensivstärkeren Gilberto Melo ersetzen und seinem Team noch mehr Schwung nehmen. Insofern leitete Robben eine Art Teufelskreislauf ein und war auch ohne Treffer eine Art Matchwinner.

Ebenso natürlich Wesley Sneijder, der Felipe Melo ein Tor vorlegte und eines selbst erzielte, letzteres ironischerweise per Kopf. Auch Mark van Bommel lieferte eine starke Vorstellung ab, indem er nach dem Seitenwechsel Gilberto Silva und Felipe Melo förmlich überrannte. Zu allem Überfluss sah schließlich noch F. Melo rot und Rot, machte damit den ohnehin schon überforderten Mitspielern das Spielen sicher nicht leichter.

Interessant war in der Folge zu beobachten, dass die Blauen zwar noch den unbbängigen Siegeswillen hatten, aber aus ziemlich simplen drei Gründen scheiterten:

  • Kaka trotz leichtem Leistungsanstieg viel zu schwach, als dass er Brasilien Kreativität verleihen hätte können… wie bereits hier vom dseitlhuber – sportblog gemutmaßt
  • Dani Alves eine Naturkatastrophe, in meinen Augen ein grenzenlos überschätzter Spieler, der Elano nicht ansatzweise ersetzen konnte… wie bereits hier vom dseitlhuber – sportblog gemutmaßt
  • Maicons Vorwärtsdrang brachte diesmal rein gar nichts ein, van Bronckhorst hatte ihn meist im Griff – ein Loch hinterließ er trotzdem

Zusammengefasst
Ich bleibe dabei: Mit Brasilien ist die beste Mannschaft des Turniers ausgeschieden, sowohl in punkto System als auch von der individuellen Klasse her. Was die Dunga-Elf nach dem Seitenwechsel aufgetischt hat, rechtfertigte ein frühes Ausscheiden aber allemal. Die Niederländer rissen sich am Riemen und kamen in ein Spiel zurück, das eigentlich schon verloren schien und sind daher verdient aufgestiegen. Ob man mit seiner relativ einfallslosen Spielweise gegen die uruguayische Defensive bestehen wird können, ist eine andere Frage.

Einzelkritik

BRASILIEN:

Julio Cesar: “Wenn er rausgeht, muss er ihn haben”, ansonsten nicht wirklich geprüft

Maicon: Von van Bronckhorst und Kuyt eingekocht
Lucio: Vorstöße wirkungslos, Abwehrversuche wirkungsvoll
Juan: Passt. Nur: Wieso klärte er vor dem 1:2 zur Ecke? Einwurf wäre leichter zu verteidigen gewesen

Bastos: Ließ Robben im ersten Durchgang keinen Freiraum, was diesen sichtlich ärgerte, nach der Gelben in einer unangenehmen Lage und sicherheitshalber ausgetauscht

G. Silva: Spielte, was er kann
F. Melo: Gefiel mir anfangs ganz gut, bereitete sogar den Treffer vor, verschuldete dann aber den Ausgleich mit, ging beim 1:2 nicht zum Kopfball und flog wegen einer absolut unnötigen Dummheit vom Platz

Alves: Naturkatastrophe
Kaka: Wurde weiters oben bereits besprochen. Einige seiner Schüsse gefielen mir gut, andere Pässe wiederum überhaupt nicht
Robinho: Mit Freiraum im Rücken im ersten Durchgang der beste Mann auf dem Feld, danach musste selbst er hinten aushelfen, was eine entsprechend

Fabiano: Schlichtweg schlecht

NIEDERLANDE:

Stekelenburg: Entweder gingen Schüsse daneben oder wurden erst gar nicht abgegeben, hatte also nicht wirklich viel zu halten

van der Wiel: Dass er immer wieder Robben überlief, war mutig, brachte ihm aber im ersten Durchgang einige Schwierigkeiten – nach dem Seitenwechsel belohnte er sich selbst mit dem einen oder anderen guten Vorstoß
Heitinga: Sehr solide
Oijer: Solider als gedacht
van Bronckhorst: Des Robbens Albtraum

de Jong: Humorlos, genau wofür er gedacht ist, mehr aber auch nicht
van Bommel: Hatte seine Glanzmomente – oh Wunder – ausschließlich in der zweiten Spielhälfte

Robben: Zu Genüge besprochen
Sneijder: Bewies einmal mehr, dass er zu den komplettesten Spielern des Planeten gehört – vorne wie hinten, in Passspiel und Abschluss und überhaupt top
Kuyt: Nutzte das Maicon-Loch einige Mal aus, seine Stärken liegen aber vor allem in der Defensive – dort machte er aber auch gestern eine herausragende Partie

van Persie: Irrsinnig ungeschickt, im 16er ein Fremdkörper, wegen seiner Laufbereitschaft aber trotz allem ein wertvoller Spieler

Beitrag stammt vom: 5. Juli 2010 – 22:11 Uhr

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