Wie die Spanier Deutschland den Garaus machten, was dies für das heutige Endspiel bedeutet und wie das WM-Finale ablaufen wird

Bevor ich mich der alles entscheidenen Partie zwischen den Niederlanden und Spanien widme, sei ein kurzer Schwenk in die Vergangenheit gestattet:

Erklärung
Kaum einer findet hierzu- und in Nachbarslande eine Erklärung, weshalb die in der Vorrunde so mutigen, fast spanisch spielenden Deutschen gegen eben diese Spanier so dermaßen in die Defensive gedrängt wurden. Mangelnde Erfahrung und übermäßig großer Respekt, vielleicht sogar Angst, werden als Gründe für die drückende Überlegenheit der Iberer gehandelt. Was sicher der Wahrheit entsprechen mag – gegen den amtierenden Europameister spielt es sich nun mal nicht so locker flockig wie in Achtel- und Viertelfinals gegen taktisch desolate Gegner –, aber im Grunde genommen sicher nur ein kleiner Puzzleteil des Ganzen war. Vielmehr machten einfach die individuelle Klasse des spanischen Mittelfelds sowie die Vorzüge der spanischen Spielweise den Unterschied.

Hatte die Loew-Auswahl gegen England und Argentinien (insbesondere Argentinien) das Glück, im zentralen Mittelfeld ständig eine 3-gegen-2- oder sogar 4-gegen-2-Situation vorzufinden. Del Bosques System ist hingegen so konzipiert, dass sich die Weltstars rund um den Mittelkreis förmlich auf den Schuhen stehen: Zu den nominellen Zentrumsspielern (Sergio Busquets, Xabi Alonso, Xavi Hernandez) gesellt sich mit dem häufig nach innen ziehenden Andres Iniesta noch ein weiterer Ausnahmekönner (siehe Grafik weiter unten). Zudem zieht sich die einzige Spitze, David Villa, oft 15, 20 Meter zurück um seiner Mannschaft noch mehr Dominanz im Mittelfeld zu ermöglichen.

Deutschland fand sich folgedessen immer wieder in Unterzahl wieder – abgesehen davon, dass Jungspunde wie Sami Khedira oder Mesut Özil sicherlich noch einige Jahre brauchen werden, um gegen Iniesta, Xavi & Co. bestehen zu können.

Die Deutschen waren im Mittelfeld also restlos überfordert und eigentlich die gesamte Spielzeit über den berühmten Schritt hinterher. Die Spanier zogen ihr berüchtigtes Kurzpassspiel auf und drückten die deutsche Viererkette, welche normalerweise sehr “hoch” agiert, immer weiter in den eigenen Strafraum. Die beliebteste Waffe unseres Lieblingsnachbars, das Konterspiel nämlich, war somit auch mehr oder minder abgemeldet – selbst Klose musste hinten aushelfen, schnelle Gegenstöße erstickten mangels Anspielstationen im Keim.

In Wahrheit hatten die Deutschen dennoch die Möglichkeit, den Spielverlauf auf den Kopf zu stellen, das Spiel zu gewinnen. Faktisch fanden die Spanier nämlich kaum Tormöglichkeiten vor, bis zum 16er kombinierte man prächtig, danach fehlte aber ein Brecher der Marke Torres. Ebenso ungefährlich waren natürlich auch die Angriffsbemühungen der deutschen Nationalmannschaft, wobei ein platzierter Vollspannschuss Toni Kroos’ das Spiel vermutlich in eine völlig andere Richtung hätte laufen lassen. Jedenfalls ist es müßig über das Was-wäre-Wenn zu debattieren, viel spannender ist es schließlich, Schlüsse aus diesem Spiel zu ziehen und diese auf das heutige Finale zu übertragen.

Die Startelf Spaniens (?)

Die Startelf Spaniens (?)

Erwartung
Das heutige Aufeinandertreffen zwischen der Elftal und der Seleccion verspricht auf den ersten Blick ein eher einseitiges Spiel mit zahlreichen Torszenen und dem Weltmeister Spanien zu werden. Komischerweise gerät man bei näherer Betrachtung bezüglich all dieser Thesen ins Grübeln, gut möglich, dass keine der drei Erwartungen auch so eintrifft. Mit Sicherheit ist Spanien der Favorit, mit Sicherheit ist Spanien die bessere Mannschaft, aber wer wenn nicht die Niederlande könnte dem Tiqui-Taca ein Ende bereiten.

Was ich erwarte ist ein beinharter Kampf im mittleren Drittel des Spielfeldes, der in gegenseitigem Neutralisieren endet. In punkto Ballbesitz werden die Spanier die dominierende Mannschaft sein, ob man daraus Kapital schlagen kann, ist allerdings die wiederum andere Frage. Die Niederländer werden versuchen, die Stärken von Dirk Kuyt in die Waagschale zu werfen – sprich: den Liverpool-Akteur die linke Seite auf und ab laufen lassen, was letztendlich zu einem Problem für Barcelonas Pedro Rodriguez werden könnte.

Startaufstellung der Niederlande (?)

Startaufstellung der Niederlande (?)

Insofern wird Dirk Kuyt definitiv ein wichtiger Faktor für den Spielausgang werden. Erst durch die Hereinnahme von Pedro Rodriguez bekam die rechte Angriffsseite der Spanier ein Gesicht, erst durch ihn war Sergio Ramos nicht länger überfordert. Gelingt es den Niederländern, Rodriguez hinten zu binden, könnte dies der Spielfreude des Gegners hinderlich sein. Weiters wird interessant zu beobachten sein, ob es dem arbeitswilligen van Persie zusammen mit Wesley Sneijder gelingt, Sergio Busquets im Spielaufbau zu stören. In Wahrheit ist dieser der Ruhepol des spanischen Spielaufbaus und entsprechend wichtig für sein Team.

Die möglichen 11en übereinander gelegt

Die möglichen 11en übereinander gelegt

Das Duell schlechthin werden sich dennoch Capdevila und Robben liefern. Setzt der Bayern-Dribblanski seine ansteigende Leistungskurve fort, wird er den spanischen Linksverteidiger vor eine Bewährungsprobe der besonderen Sorte stellen – mal sehen, ob er ihr gewachsen sein wird. Ebenso wichtig für die Oranje ist zweifelsohne Wesley Sneijder, der sich aber bei Busquets und Xabi Alonso in guten Händen befinden dürfte.

Im Kreise der spanischen Anhängerschaft definiert man die Furia Roja in letzter Zeit fast ausschließlich über David Villa. Legitim, wie ich finde – Villa spielt ein ausgezeichnetes Turnier. Dass er in der Rolle des Mittelstürmers (seine Tore in diesem Turnier erzielte er vorwiegend als linker Mittelfeldspieler, Anm.) genauso zur Geltung kommen wird, wie in den Spielen zuvor, zweifle ich trotz allem an. Vielmehr sehe ich das Kollektiv als die Waffe der Spanier – bei all den angeführten Mann-gegen-Mann-Duellen darf man nicht vergessen, dass das heutige Finale hauptsächlich durch eine kompakte Mannschaftsleistung gewonnen werden wird. Und die Spanier sind zweifellos die kompakteste Mannschaft der Gegenwart.

Zu erwartende Taktik
Von den Spaniern erwarte ich gewohnt hervorragendes Pressing, numerische Überlegenheit im Mittelfeld sowie permanente Seitenwechsel von Pedro Rodriguez und Andres Iniesta, welche im niederländischen Defensivverbund für zusätzliche Schwierigkeiten sorgen sollen. Xavi Hernandez hat sich mit der Zeit besser in seine Rolle im zentral offensiven Mittelfeld eingefunden, kommt dort aber weiterhin nicht so gut zur Geltung wie er es kommen könnte. Dies, und der Umstand, dass man mit David Villa einen sehr kleinen, körperlich eher schmächtigen Mittelstürmer hat, könnte bei entsprechender Leistung der Niederlande zu Problemen im spanischen Spielaufbau führen.

Nicht weniger Unstimmigkeiten wird es bei der Marwijk-Elf zu bewundern geben. Bereits in der Vorrunde präsentierte man sich zwar als guter Chancenverwerter aber als schlechter Chancenfabrikant, also ist nicht anzunehmen, dass dies gerade gegen das überragende spanische Mittelfeld anders sein wird. Die Trümpfe der Orangefarbenen sind für meine Begriffe Dirk Kuyt, Wesley Sneijder, natürlich Arjen Robben und ja, auch Mark van Bommel – gerade gegen Gegner wie die Spanier einer sind, braucht man Spielertypen wie ihn.

Ansonsten werden die Niederländer auf ihre Chancen warten, sich auf ihre verhältnismäßig gute Abwehr verlassen und über die zweifelsohne vorhandenen Qualitäten eines Robbens oder Sneijders ins Spiel kommen versuchen.

Zusammengefasst
Die Fußballfans erwartet ein qualitativ hochwertiges, aber möglicherweise tor- und chancenarmes Finale – wie es 4-2-3-1-gegen-4-2-3-1-Begegnungen einfach an sich haben. Die Spanier werden, so ich nicht völlig falsch liege, das Spiel dominieren, in den entscheidenden Situationen jedoch immer wieder an der niederländischen Viererkette (+ Doppelsechs davor) scheitern. Der Elftal wird ihr blitzschnelles Umschalten von Defensive auf Offensive entgegen kommen, was die Spanier wiederum vor stürmischen Angriffen warnt. Wie das WM-Finale endet, weiß weder Mensch, noch Tier, noch Wissenschaft – einzig der liebe Fußballgott. Doch was Ich weiß: Wir werden einen würdigen Weltmeister bekommen.

Beitrag stammt vom: 11. Juli 2010 – 19:13 Uhr

Advertisements