Der folgende Blog-Eintrag wurde ursprünglich für Rasenfussball.at, ein Portal für RedBull Salzburg-Fans, verfasst – die subjektive Sichtweise sollte mir daher verziehen sein 😉

Schlafende Riesen weckt man nicht. Salzburg hat es trotzdem getan – und bekam in der 93. von 93 Spielminuten vom Fußballgott persönlich die Quittung präsentiert. Gewissermaßen kann man auch von einem Denkzettel für Huub Stevens sprechen: Lernunwilligkeit, möglicherweise Lernunfähigkeit, sind Tugenden, die eines Meistertrainers nicht würdig sind. Rasenfussball.at arbeitet ein brisantes Spitzenspiel von vorne bis hinten auf:

Startformation
Stevens schickte gegen einen taumelden, weil von zwei Saisonniederlagen angeschlagenen, Vize-Bundesliga-Rekordmeister die selben elf Spieler, wie schon gegen Omonia Nikosia auf den heiligen Rasen. Dass Wallner als Solo-Spitze nur foulen, schwalben und abseitsstehen würde, war allemal zu erahnen, für den 56-Jährigen aber kein Grund, Änderungen vorzunehmen. Vermutlich des Rhythmus’ wegen.

Wie die folgende Graphik zeigt, teilte Stevens Leitgeb und Mendes da Silva Rollen zu, für die weder der eine, noch der andere wirklich geschaffen ist. Leitgeb liebt es, aus einer tiefen Mittelfeldposition heraus die Bälle zu verteilen, Kontrolle über den Ball zu haben und das Spiel geschickt zu verlagern – Stevens stellte ihn als zentralen/zentral offensiven Mittelfeldspieler auf. Mendes da Silva liebt es, aus der 6er-Position heraus Bälle in Empfang zu nehmen, möglichst rasch weiterzugeben, egal ob kurz oder lang – Stevens stellte ihn neben Christoph Leitgeb auf.

Aufstellung gegen Rapid

Startformation gegen Rapid Wien

Spielverlauf
Indem er neuerlich ein 4-2-2-2 aufbot, erwies sich Pacult zwar als ebenso engstirnig wie Stevens, die einfallslose Schaltzentrale der Salzburger (Schiemer, Mendes da Silva, Leitgeb) vertuschte den Systemfehler in Rapids Spielweise jedoch einwandfrei. Die übermäßig passive Art zu verteidigen, die häufigen Abspielfehler im Spielaufbau, das fehlende Durchsetzungsvermögen im Angriff – all das spielte den Hütteldorfern direkt in die Hände. Vor allem in den ersten 30 Minuten wussten die Grün-Weißen Kapital daraus zu schlagen, die Pacult-Elf war bissig und gewohnt dynamisch, zog ihr gefürchtetes Flügelspiel auf und brachte das Sturmduo Salihi/Jelavic immer wieder in Schussposition.
Wie man dies verhindert, haben Schöttel und dessen MAGNA Wiener Neustadt bewiesen – man forme ein kreatives Mittelfeld (Stanislaw, Grünwald, Wolf, Simkovic) und mache sich drei Hilfsmittel zunutz: Pressing, Pressing, Pressing.
Die Doppelsechs von Rapid bekommt Bauchschmerzen, sobald sie auch nur ansatzweise Druck verspürt. Dadurch bleibt den Flügelspielern nichts anderes übrig, als in der Luft zu hängen. Von den beiden Stürmern ganz zu schweigen. Leider hat RedBull Salzburg stur seinen Stiefel runtergespielt, ohne Rücksicht auf Spielweise und Form des Gegners.

Die Rapidler spielten hingegen genau das, was sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht hat: Unkomplizierter Spielaufbau, ambitioniertes Flügelspiel. Und, nicht zu vernachlässigen: Die Stürmer Jelavic und Salihi waren flexibel wie in besten Zeiten, wichen immer wieder auf die Seite aus, um Verwirrung in der Salzburger Abwehr zu stiften.

Einen detaillierten Spielverlauf erspare ich den Lesern an dieser Stelle, die Partie dürfte eh so ziemlich jeder verfolgt haben – und wer nicht, kann ja in einem der dutzenden APA-Spielberichte nachlesen. Vielmehr interessiert mich das “Warum” der Niederlage. Also: Warum?

Fehler im System
Vorweg: Ein “Darum” gibt es nicht. Es sind eher Puzzleteile, die ineinandergesteckt eine 1:2-Niederlage ergeben. Ein Puzzleteile – und wahrlich kein kleiner – ist die Rolle von Christoph Leitgeb. Der gebürtige Steirer hat Huub Stevens in Wahrheit viel zu verdanken. Erst Stevens gab ihm den Feinschliff, der aus dem ewigen Flügelflitzer das machte, was er eigentlich ist –
ein zentraler Mittelfeldspieler der neuen Generation. Am ehesten ist er in meinen Augen mit Arsenals Denilson vergleichbar, einem ebenfalls oft unterschätzten Akteur. Leitgeb ist ein Mann für die Drecksarbeit, ein Mann für das, was der gemeine Zuseher oft nicht wahrnimmt. Er passt den Ball dorthin, wo er hinmuss, und “trägt” ihn gegebenenfalls dorthin, wo er nicht hingepasst werden kann. So jemand ist ungeheuer wertvoll, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen. Auch die Statistik belegt meine hohe Meinung von ihm: Leitgeb hat trotz als seiner leichtfertigen Abspielfehler die höchste Quote an angekommenen Pässen aller Mittelfeldspieler der Tipp3-Bundesliga (rund 90! Prozent).

Nun gelingt es Leitgeb seit der Ausbootung von Pokrivac, Cziommer und Jantscher (?) allerdings einfach nicht, sein ungeheures Potential abzurufen. Für meine Begriffe aus dem einfachen Grund, dass er mit der Spielmacherrolle nicht klarkommt, sich einen dominanten Spieltyp an seiner Seite wünscht. Momentan ist dieser jedoch nicht gegeben und insofern ist Stevens auf dem besten Weg zum Totengräber des Christoph Leitgeb zu werden.
Wie gesagt, die Fehlpositionierung der #24 ist nur EIN Puzzleteil des Ganzen, das heißt aber mit Sicherheit nicht, dass man ihm deshalb keine Beachtung schenken sollte. Auf weitere Puzzleteile werde ich im Laufe der nächsten Spiele eingehen.

Back2Spielverlauf
Um noch einmal auf das Rapid-Spiel zurückzukommen: Rapid hat mehr oder weniger verdient gewonnen. Nicht, dass sie besser gespielt hätten, aber wer sich in der 93. Minute einen solchen Treffer einschenken lässt, verdient sich im Hanappi nunmal keinen Punkt. In einem durchaus ansehlichen Spiel hatten beide Mannschaften ihre Torgelegenheiten, einzig die Auswertung klappte hüben wie drüben nicht. Ohne es als Ausrede für die Niederlage benutzen zu wollen, muss ich an dieser Stelle doch noch Schiedsrichter Gangl erwähnen: Rapid hätte einmal Rot (Hinums Vergehen war im Grunde genommen 1:1 das gleiche, wie jenes von Kragl gegen Gustafsson) und einmal Gelb-Rot sehen müssen. Nicht das erste Mal, dass sich ein Schiri von der Stimmung im Hanappi beeinflussen lässt.

Lichtblick der Niederlage waren insbesondere die Einwechselspieler Boghossian und Jantscher. Ersterer wirkte wie eine erfolgreiche Kreuzung aus Janko und Maierhofer und Letzterer erzielte sogar den Ausgleichstreffer. Somit sollten beide heiße Kandidaten für die Startelf gegen Omonia Nikosia sein, schließlich haben deren direkte Konkurrenten – Wallner bzw. Svento – bisher keineswegs überzeugt.

Advertisements