Im nachfolgenden Blog-Eintrag beschäftigt sich der dseitlhuber – sportblog mit dem Fußball als Großes und Ganzes. Er stellt nicht nur fest, sondern hinterfragt und begründet das Sterben des klassischen Spielmachers.

Diego Maradona, Michelle Platini, Manuel Rui Costa und Zinedine Zidane eint nicht vieles, aber in Sachen Spielstil sind sie einander ähnlich wie Denilson und Christoph Leitgeb. Die fünf angeführten Weltklasse-Kicker sind Spielmacher, teils aus verschiedenen Epochen stammend, aber was zählt: Sie sind Spielmacher. Der angeschnittene Denilson oder der ebenfalls erwähnte Leitgeb sind dagegen alles andere als Spielmacher im eigentlichen Sinn. Und dennoch lösen sie die Spielmacher gewissermaßen ab.

Warum?
Zur Frage nach dem “Warum” tummeln sich verschiedenste Theorien im WWW, eine einleuchtender als die andere. Ob nun abgewandelte 4-5-1/4-3-3-Systeme an der globalen Entwicklung – also der Entwicklung weg vom 10er – Schuld tragen, oder nicht doch der defensive Aspekt des modernen Fußballs einen Freigeist im Zentrum schlicht unmöglich macht, lässt sich nicht wirklich beantworten. Faktum ist einfach: Die Spielmacher sterben nach und nach aus. Oder, man zwingt sie einfach, ihren ursprünglichen Lebensraum zu verlassen.

Geriet man früher bei Zidane oder Figo ins Schwärmen, sind es heute Messis oder Christiano Ronaldos, die die Augenpaare der Öffentlichkeit förmlich anzuziehen scheinen. Gerade Lionel Messi könnte locker in die Rolle des Spielmachers schlüpfen (tat es unter Maradona ja sogar), tut es in Barcelona aber aus gutem Grund nicht: Man würde ihn mit einer Doppel- oder gar Tripple-Sechs doppeln oder gar trippeln und ziemlich leicht aus dem Spiel nehmen können. Davon abgesehen, kommt die eigentliche Spielmacher-Position im zentral offensiven Mittelfeld in den „modernen“ (ich mag dieses Wort überhaupt nicht, benutze es aber der Einfachheit halber) Systemen gar nicht erst vor.

Der Überdrüberspieler muss sich folglich anderweitig aufhalten: Als “falsche 9” oder als Flügelspieler, manche entwickeln sich aber auch kurzerhand zu “Spielmachern” des 21. Jahrhunderts – dazu später mehr.

Es folgt eine Liste prominenter Spieler, die eigentlich zum Spielmacher geboren sind, von ihren Trainern aber anderswo eingesetzt werden/werden werden/wurden:

  • “falsche 9” oder hängende Spitze: Wayne Rooney (ManUdt), Andrei Arshavin (Arsenal), Kaka (damals bei Milan), Francesco Totti (AS Rom), Zoltan Gera (Fulham), Steven Gerrard (vermutlich unter Roy Hodgson bei Liverpool)
  • Flügelspieler: Lionel Messi (Barcelona), Ronaldinho (damals bei Barcelona), Samir Nasri (Arsenal), Thomas Rosicky (Arsenal), Ryan Giggs (ManUdt), Toni Kroos (Leverkusen), Alexandr Hleb (Stuttgart), Rafael van der Vaart (Nationalteam Niederlande), Yossi Shai Benayoun (Liverpool), Vladimir Weiss (ManCity, Nationalteam Slowakei), Claudio Marchisio (Juventus), Joaquin (Valencia), Andreas Ivanschitz (Mainz05), Michael Liendl (Austria), Milenko Acimovic (Austria), Steffen Hofmann (Rapid)
  • “Spielmacher” des 21. Jahrhunderts: Denilson (Arsenal), David Pizarro (AS Rom), Luka Modric (Tottenham), Christoph Leitgeb (Salzburg)

Die Liste ist bei weitem nicht vollständig, sondern beinhaltet nur einige wenige Spieler, die mir auf die Schnelle eingefallen sind.

Dass selbst eine unvöllständige Auflistung 27 umfunktionierte 10er anführt, zeigt, von welcher Größenordnung ich hier schreibe. Die Fußballwelt produziert mehr 10er denn je, teilt diesen aber andere, “modernere” Rollen zu. “Richtige”, herkömmliche Spielgestalter werden dennoch nicht gänzlich von der Bildfläche verschwinden – durch das aufkommende 4-2-3-1 und das wiedererstarkte 4-1-2-1-2 fördern immer mehr Teams immer mehr Spielmacher. Man nehme das 4-2-3-1-Team Lyon (Yoann Gourcuff), die Bremen Mannschaft von 2008 (Diego als Spielmacher im Schaaf’schen 4-2-3-1) und nicht zuletzt den Vfl Wolfsburg, der in der Saison 2008/09 mit Spielmacher Misimovic und 4-4-2-Raute Meister wurde.

Es handelt sich also mal wieder um eine Frage der Spielweise. Sicher ist aber, dass man heutzutage auch als 10er flexibel sein muss – der letzte verbliebene statische Spielmacher aus einer europäischen Top-Liga ist in Person von Juan Roman Riquelme bereits vor einigen Jahren abgelöst worden.

“Spielmacher” des 21. Jahrhunderts
Chelsea London hat ihn. Auch Manchester United hat ihn. Selbst Arsenal London hat ihn. Die Rede ist vom “Spielmacher” der kommenden Jahre. Ancelotti hat ihn in John Obi Mikel gefunden, United vertraute lange Zeit Michael Carrick und Wenger meint über seinen “Spielmacher”:

Wenn Fabregas, Nasri und Denilson bis zu ihrem 24. Lebensjahr für Arsenal spielen, dominieren wir Europa.

Komischerweise sieht die Fußballfachwelt und sogar die eigene Fanlandschaft die Dinge genau andersrum: Alan Hansen, Fußballexperte auf der Insel, fragt sich zusammen mit etlichen Blues-Fans: “What does John Obi Mikel do?”
Ebenso unglücklich sind Arsenal-Anhänger mit Denilson und ManU-Fanatiker mit Carrick.

Doch genau diese Art Fußballspieler wird von wirklichen Fachmännern als Zukunft des modernen Fußballs gesehen. Weder sind Mikel, Denilson und Carrick außerordentlich zweikampfstark, noch spielen sie den tödlichen Pass. Also: What do they do? Sie bewegen sich gut und viel, sind fleißige, bewegliche Akteure, meist in einer tiefen Mittelfeldrolle (siehe Graphik) angesiedelt und lenken von dort aus den Spielaufbau. Ihre Aufgabe ist meist klar strukturiert: Sich freilaufen, Ball empfangen, Ball abspielen, sich freilaufen, Ball empfangen, Ball abspielen, …

Arsenals Aufstellung

Arsenals mögliche Top-XI 2010/11 --- Denilson als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff

Wer glaubt, dass Spieler wie Denilson oder Carrick nur 08/15-Kicker sind, die auf den Spielverlauf nur indirekt Einfluss nehmen, irrt gewaltig – beispielsweise hatte Claude Makelele, ein Pionier dieser Roller, 2002 erheblichen Anteil am Champions League-Triumph der Madrilenen. Die beeindruckendste Vorstellung eines zentral defensiven Mittelfeldspielers der neuen Generation erbrachte jedoch zweifelsohne Denilson beim CL-Viertelfinal-Hinspiel seiner Gunners gegen Barcelona.Dem 22-Jährigen wurde ursprünglich Abou Diaby (ein ähnlicher Spielertyp, nur etwas offensiver) vorgezogen, nach der Verletzung von William Gallas (44.) musste Wenger jedoch reagieren – und tat dies, indem er Song in die Gallas-Position des Innenverteidigers schlüpfen ließ und eben diesen Denilson als Song-Vertretung im zentral defensiven Mittelfeld einwechselte. Dieser spielte, so man der “Guardian”-Statistik glauben darf, in 46 Einsatzminuten wiederum mehr angekommene Pässe, als jeder seiner Mitspieler über 90 Minuten hinweg. Welch großen Anteil er an der sensationellen Aufholjagd Arsenals hatte, verdeutlicht das eingefügte Video.

Denilson gegen WestHam

20.3.2010, Arsenal gg WestHam - Denilson bringt von 73 Pässen 73 zum Mitspieler, Liga-Rekord! (c) Guardian.co.uk

Ein anderer, ebenfalls häufig unterschätzter, Spieler dieser Art ist Manchesters Michael Carrick. Carrick ist technisch weniger gut ausgebildet als Denilson, diesem in Sachen Zweikampfverhalten dafür um Welten überlegen. Man sieht also: Der Spielmacher des 21. Jahrhunderts exisitiert definitiv, einen Prototypen des modernen zentralen Mittelfeldspielers gibt es allerdings nicht – einige kommen mit wenigen Ballkontakten aus, andere nicht; einige können nicht Tackeln, andere schon; und so weiter und so fort.

Beitrag stammt vom: 8. August – 14:46 Uhr

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