Der dseitlhuber – sportblog analysiert das freundschaftliche Länderspiel zwischen Österreichs A- und der schweizerischen B-Auswahl

18 000 Zuseher – einer davon war, man könnte sagen ‘unglücklicherweise’, ich – pilgerten in die Klagenfurter Hypo Group-Arena, um dort zu hoffen, dass sich bessert, was sich unter einem Teamchef Dietmar Constantini nicht mehr bessern wird: Der Spielaufbau des ÖFB-Teams, oder grob gesagt: das Auftreten selbigens.

Das Ergebnis täuscht über eine katastrophale Leistung hinweg, gegen in Bestbesetzung und mit vollem Einsatz auftretende Schweizer hätte man sich keineswegs mit einer, letztendlich fast unglücklich zustande gekommenen, knappen Niederlage aus der Affäre ziehen können. Dennoch – und darauf lege ich im Laufe des Blog-Eintrags explizit Wert, einfach weil gerne Gegenteiliges behauptet wird – hatte Constantini einen Plan und folglich auch eine Taktik.

So sah die Grundformation aus:

Österreich gegen Schweiz

Österreichs Startformation gegen die Schweiz

Constantinis Taktik und warum diese scheiterte
Ich habe es bereits angesprochen, Constantini hatte eine Taktik – die Graphik veranschaulicht dies zusätzlich. Der sture Tiroler mit Schilehrer-Vergangenheit verzichtete auf einen Stürmer neben Jimmy Hoffer und bot stattdessen erstmals in seiner nunmehr 17-monatigen Teamchef-Ära ein 4-2-3-1 auf. Bei Ballbesitz des Gegners wurde dieses allerdings zu einem 4-4-2 , welches den Gegner in dessen Spielaufbau stören sollte und das auch einigermaßen tat – dieses Muster hat sich Constantini vermutlich vom Nachbar abgeschaut, Mesut Özil erfüllte für Deutschland genau jene Rolle, die vorgestern auch Zlatko Junuzovic zugeteilt war.

Das 4-2-3-1 mit Deutschland-Touch war jedenfalls insofern eine gute Wahl, als unser Gegenüber in seinem traditionellen 4-2-2-2/4-4-1-1-System auftrat und Österreich, von der Papierform her, leichtes Übergewicht im Mittelfeld hatte. Dass es sich hierbei nicht um Zufall, sondern tatsächlich eine Überlegung Constantinis handelte, zeigt sich auch am folgenden taktischen Muster: Praktisch jedes Mal wenn der Ball in den österreichischen Reihen zirkulierte, wurde einer der beiden Außenverteidiger (in 98% der Fälle war es Christian Fuchs) zum sechsten Mittelfeldspieler und die 4er- zur 3er-Kette. Folglich hatte Dag bei schnellen Gegenstößen der Schweizer zwei Positionen, nämlich jene des Innen- und die des Außenverteidigers, zu erfüllen, was ihm sichtlich Probleme bereitete und den Schweizern zu zwei Großchancen verhalf.

Wirklich verloren hat Österreich die Partie jedoch anderswo: Im zentral defensiven Mittelfeld. Zum einen konnte ich trotz intensivster Beobachtung von genau dieser Zone in der österreichischen Doppelsechs nicht mal ansatzweise eine Form der Arbeitsteilung ausmachen. War nun Schiemer der offensivere, oder doch Baumgartlinger? Ich tendiere eher zu Baumi, wissen tu ich es aber nicht.
Weiters passte der Abstand von Abräumer A zu Abräumer B nichtmal ansatzweise, wobei ich mir in diesem Fall nicht sicher bin, ob Schiemer/Baumgartlinger schlicht überfordert waren, oder ihr Fehlverhalten einer absurden Idee des Teamchefs entsprang.

Schließlich und endlich der wesentlichste Verhau: Das Umschalten (beziehungsweise Nicht-Umschalten) von Offensive auf Defensive, welches in einem 4-2-3-1 noch wichtiger ist, als in vielen anderen Systemen. Baumgartlinger bekam offensichtlich die “Busquets-Rolle” (Vorbild ist nämlich Spanien) zugeteilt, was so viel wie “Ball annehmen, passen, freilaufen, Ball annehmen, passen, freilaufen, Ball annehmen, …” bedeutet (Sinn = 0, nachdem man den geregelten Spielaufbau bereits nach 30 Minuten eingestellt hatte). Ein Schiemer – natürlich wäre jeder Badekicker für diese Rolle besser geeignet als Schiemer, aber Constantini will es nunmal so – als Xabi Alonso für Arme wäre für den Spielverlauf ein Segen gewesen, dass er nahtlos an seine Zerstörer-Funktion bei RB Salzburg anknüpfte, ist andererseits konsequent, weil die perfekte Abrundung einer perfekten Vergewaltigung des Prinzips ‘Doppelsechs’. Gebracht hat die Doppelsechs also nur eines: das altbekannte „Österreicherloch“.

Dass Erwin Hoffer und nicht ein etwas größerer Spieler die Solo-Spitze gab, sehe ich übrigens, im Gegensatz zu manch anderem, nicht als Fehler des Teamchefs. Solange er Bälle für sich und sich in Zweikämpfen behauptet – was er meiner Meinung nach durchaus getan hat –, ist er in meinen Augen auch ohne Riesen an seiner Seite zu gebrauchen.

Zusammenfassend
Wer sagt, Constantini hätte seinen Spielern keine Taktik mit auf den Weg gegeben, lügt, oder verfügt einfach über eine mäßige Beobachtungsgabe. Seine Strategie war schlichtweg a) oberflächlich… und deshalb b) um nichts besser als keine Taktik. Alleine, dass DC Schiemer offensichtlich aufgetragen hat, sich bei jedem Abschlag ins ZOM zu begeben, nur damit er dort Kopfballduelle gewinnt, demonstriert die Naivität unseres Teamchefs auf eindrucksvolle Art und Weise, weshalb er sich nachfolgenden Sager im Grunde genommen sparen hätte können:

Das Konzept schaut so aus: Jeder soll sich bewegen und jeder soll einen einfachen Pass spielen. Dann kommen wir nach vorne zum Tor und machen den Treffer. Das wäre mein Konzept. Da kommt aber etwas dazwischen: Der Gegner zerstört mir dieses Konzept. Bei jeder Vereinsmannschaft ist es dasselbe. Unser Konzept ist so ausgelegt, dass wir so spielen wie Spanien. Das wäre ideal. Aber das geht nicht, weil wir nicht so gut sind wie Spanien.

Um meinen Blog-Eintrag auf den Punkt zu bringen: Eine Taktik hatten wir sehrwohl, der Teamchef dürfte aber einfach nicht in der Lage sein, eine in sich stimmige zusammenzustellen. Heißt: Unter Dietmar Constantini wird Österreich höchstwahrscheinlich keine besseren Spiele mehr erbringen. Das Unternehmen ‚WM-Quali‘ ist somit vorbei, ehe es begonnen hat – ein fähiger ÖFB-Präsident würde aus dieser Perspektive seine Schlüsse ziehen und das einzig richtige tun

Einzelkritik:

Gratzei: Im ersten Durchgang hielt er einige Male die Null fest, nach Seitenwechsel nicht mehr ernsthaft geprüft

Dag: Mitunter einer der Schlechtesten, was aber eher auf Constantini zurückzuführen ist
Prödl:
Hölzern wie eh und je, aber allemal zweikampfstark und deshalb eine Bereicherung
Pogatetz:
In der Innenverteidigung Fels in der Brandung, im gegnerischen 16er gefährlichster Österreicher
Fuchs:
Hätte er sich beim Elfer zurückgehalten und jemand anders schießen lassen, könnte man von einer guten Leistung sprechen

Schiemer: Lieferte im Rahmen seiner Möglichkeiten eine solide Vorstellung ab
Baumgartlinger:
Gefiel mir phasenweise ganz gut, machte sich/uns mit einigen Abspielfehlern allerdings auch vieles zunichte

Wolf: Kann nichts dafür, dass er nichts im Nationalteam zu suchen hat
Junuzovic:
Anfangs noch okay, danach zusehends untergetaucht
Jantscher:
Hat schon bessere Tage gesehen, wobei einige Hereingaben dennoch brauchbar waren

Hoffer: Ihm wurde bereits ein Absatz gewidmet

Klein: Kann genauso viel dafür wie Patrick Wolf
Korkmaz:
Technisch macht ihm weder Freund noch Feind was vor, andererseits ist seine Effizienz weiterhin unter jeder Kritik
Harnik:
Holte das 11er-Geschenk heraus und war auch ansonsten bemüht, sein fehlender Torinstinkt brachte ihn jedoch oft um die Früchte seiner Arbeit

Beitrag stammt vom: 13. August 2010 – 18:26 Uhr

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