[ANALYSE] Wenger nimmt Risiko und gewinnt

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Arsenal FC : FC Barcelona
2-1 (van Persie 77., Arshavin 83. bzw. Villa 26.)

Welch ein Spiel im Emirates Stadium, das da der Arsenal Football Club mit ein wenig Glück aber letztlich nicht unverdient gewonnen hat. Das Kräftemessen zweier außergewöhnlich spielstarker Mannschaften brachte das erwartete Spitzenspiel und durch den knappen Endstand viel Spannung fürs Rückspiel. Lange Zeit sah Barcelona wie der sichere Sieger aus, doch Arsenals Mut ließ am Ende die Nordlondoner jubeln…

programmgemäße Startformationen

Beide Teams begannen rein personell genau so, wie man sich das im Vorfeld erwartet hatte. Emmanuel Eboue ersetzte bei Arsenal den gesperrten Sagna, Samir Nasri kehrte nach überstandener Sprunggelenksverletzung in die Mannschaft zurück.
Bei Barcelona fehlte Kapitän Puyol verletzungsbedingt. Manch einer mutmaßte deshalb im Vorfeld, dass Guardiola Busquets zurückziehen und Mascherano in die Mannschaft bringen würde, Busquets blieb jedoch einziger 6er und Abidal spielte zu Piques Linken in der Innenverteidigung.

die Startformationen (4-4-1-1 gg 4-3-3)

die Startformationen (4-4-1-1 gg 4-3-3)

Auch die taktische Anordnung beider Mannschaften glich jener aus den vorherigen Spielen, bei Arsenal vielleicht mit dem Unterschied dass Nasri und Walcott diesmal etwas defensiver spielten, sodass sich eine weitere Viererkette vor der Abwehr ergab. Die Katalanen spielten der Papierform nach mit drei echten Stürmern, nur konnte man Messi an diesem Abend eigentlich gar keinen solchen nennen, so weit zurückfallen hat er sich teilweise lassen. Es war also das Duell eines 4-2-3-1/4-4-1-1 gegen ein 4-3-3 mit einem Lionel Messi als “falsche 9” – der Papierform nach heißt das: Überzahl für Barca im Mittelfeld, dafür möglicherweise viel Raum für Arsenals Flügelspieler; und so kam es dann eigentlich auch.

mutige Gunners

In den ersten drei Spielminuten ließ Barcelona gleich anklingen, worauf sich Arsenal gefasst zu machen hatte – endlose Ballstafetten, gern auch ausschließlich in der eigenen Hälfte, aber insofern effektiv als der Gegner den Ball nicht hat und so selbst für keine Gefahr sorgen kann. Nachdem sie 180 Sekunden lang kaum einen Ballkontakt hatten, fanden die Gunners jedoch immer mehr zu ihrem Spiel und hätten nach Fabregas-Vorlage schon in Minute 6 durch Robin van Persie in Führung gehen können. Die nächsten Minuten gehörten dann auch hauptsächlich den Gastgebern, die zu Beginn weitaus intensiveres Pressing als in den meisten Ligaspielen und so Barcelona nicht wirklich zu deren Spiel finden haben lassen.

Mit der Zeit sah sich Arsenal allerdings immer weiter zurückgedrängt, was schlichtweg an der enormen Ballsicherheit des Gegners lag.

Song als Unsicherheitsfaktor

In dieser Phase erwies sich der sonst so souveräne Alexandre Song als dem Tempo der Katalanen einfach nicht gewachsen. Bereits nach wenigen Minuten sah er für ein taktisches Foul an Messi (ob in einem CL-Achtelfinale das erste Vergehen gleich eine Karte zufolge haben sollte, lass ich hier mal dahingestellt…) die gelbe und musste somit vorsichtig in seinen Tacklings sein. Als dann noch ein paar Fouls und so auch mehrere ausdrückliche Ermahnungen des Schiedsrichters folgten, konnte Song endgültig nichtmehr ohne Bedenken in normale Zweikämpfe gehen, vor allem weil Spieler wie Busquets jede Gelegenheit nutzten eine Gelb-Rote zu provozieren.

Nachdem zuvor Weltfußballer Messi eine 100%ige Torchance ausgelassen hatte, folgte Minuten später durch David Villa der Führungstreffer für die Gäste. Neben Gael Clichy – der Franzose hob das Abseits auf – war hier auch Song mitverantwortlich für das Gegentor: Eben weil er schon am Rande eines Platzverweises wandelte musste er Messi im Mittelfeld ziehen lassen, wodurch dieser relativ unbedrängt auf die Arsenal’sche Viererkette zulaufen und in der Folge den Pass zum Tor spielen konnte.

Walcott weitesgehend harmlos, Wilshere nicht

Nun waren die Gunners unter Zugzwang, denn eine Heimniederlage käme gegen einen solchen Gegner praktisch dem Ausscheiden gleich. Als Arsenals gefährlichster Mann war im Vorhinein Theo Walcott eingestuft worden, der blieb jedoch bis auf eine gute Szene zu Beginn recht farblos und auch Fabregas und van Persie konnten zu Beginn nicht sonderlich für Akzente sorgen. Es musste also der 19(-!)-Jährige Jack Wilshere einspringen und den Londonern wieder auf die Beine helfen. Der Teenager machte eine wirklich gute Partie – unerreicht seine Ruhe in der eigenen Hälfte, extrem ausgereift seine Technik, offensichtlich seine enorme Spielintelligenz und unheimlich gefährlich die Tempo-Dribblings, von denen eines zu einer großen Torchance führte.

Von dieser abgesehen war für die Heimmanschaft aber wenig zu holen, den Ball hatte praktisch nurnoch Barcelona und die Art und Weise wie sie ihn spielend zirkulieren ließen erinnerte ein wenig an die Demütigung vom letzten Jahr. Gut dass sich Arsenal mental auf die Überlegenheit des Gegners eingestellt hatte, wie Wenger später erklärte, denn es gab durchaus schon Mannschaften die in solchen Phasen die Neven weggeschmissen haben…

Arsenals Comeback

Aus der Kabine kamen die Gunners wie ausgewechselt, ohne dass sich personell auch nur irgendetwas getan hätte. Es war vielmehr die deutlich offensivere Ausrichtung, die Arsenal wieder ins Spiel finden ließ und Barcelona von übermäßiger Ballkontrolle abhielt. Zwar schauten zunächst hauptsächlich Halbchancen dabei heraus, doch die waren genug um die Spieler wieder Glauben an sich und die Zuseher Vertrauen in die Spieler finden zu lassen.

Nach 68 Minuten nahmen dann beide Trainer Wechsel vor: Guardiola brachte Keita für den Torschützen Villa, Arsene Wenger Arshavin anstelle von Alex Song. Bei Barca ging nun Iniesta in die Spitze, bei den Gunners Nasri an die Seite von Wilshere. Zur Folge hatte das natürlich, dass Barcelona ohne Iniesta nicht länger die Ballzirkulation aus Hälfte Eins aufrechten erhalten konnte, während Nasri den Spielaufbau der Gunners aus dem Zentrum heraus noch mehr belebte. Ein wenig später kam dann auch noch Nicklas Bendtner für Theodor James Walcott, ein Wechsel der sich auszahlen sollte, war es doch der Däne der Valdes beim herausragenden Ausgleichstreffer durch van Persie entscheidend irritierte.

Das Emirates war nun außer sich und Arsenal psychologisch klar im Vorteil. Worin das ganze letztendlich mündete ist bekannt, einen bilderbuchartigen Konter schließt Andrej Arshavin in Minute 83 zur Führung für sein Team ab. Barcelona, sichtlich geschockt, versuchte noch alles auszugleichen, von einer großen Gelegenheit in der Nachspielzeit abgesehen – Szczesny vereitelte sie mit tollem Stellungsspiel – war es das jedoch gewesen. So durften also die Gunners und ihr Anhang feiern, wobei man sich natürlich darüber im Klaren ist wie schwer es sein wird im Nou Camp zu bestehen.

Fazit

Ein hervorragendes Spiel in vielerlei Hinsicht haben wir erleben dürfen, insbesondere auch eines dass die Fähigkeiten der jeweiligen Teams sehr gut repräsentiert: Das Passspiel der Katalanen ist unerreicht und unnachahmlich, mit technisch ebenso feinem aber wesentlich direkterem Angriffsfußball versuchte Arsenal da dagegen zu halten und hatte letzten Endes Erfolg damit. Die erfolgreiche Aufholjagd verdankt man einerseits dem konditionellen Vorteil gegen Ende (man siehe nur, wie Alves beim 2:1 seinen Sprint frühzeitig abbrechen muss, Anm.) und zum anderen den gelungenen Wechseln von Arsene Wenger. Während Pep Guardiola mit seinem Tausch seiner Mannschaft mehr geschadet hat, gingen Wengers mutige Umstellungen auf. Der erfolgreiche Coach, nach dem Spiel darauf angesprochen, sagt folgendes:

I took a gamble. But I had to do it, we needed two goals. I’m very proud because everybody urged us to play differently to our nature.

Mal sehen, ob sich Arsenals Spielweise auch in Spanien bewährt oder ob nicht doch ein parkender Bus (= extrem tiefes Verteidigen, kaum eigene Offensivbemühungen, Inter Mailand eben), wie etwa der Hercules-Coach meint, die einzige Möglichkeit ist sich langfristig mit dem unbestritten besten Team der Welt messen zu können…

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[ANALYSE] Arsenals „double impact“ im Londoner Derby

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Gestern standen einander der FC Arsenal, Chelsea London und somit zwei Londoner Teams gegenüber. Heißt, es handelte sich nicht nur um ein Spitzenspiel erster Güte, sondern sogleich um ein Treffen zweier Lokalrivalen. Nur ein Punkt trennte die Teams vor dem Spiel, Arsenal dafür schon fünf Punkte von Tabellenführer ManU. Die Partie hätte also bedeutender garnicht sein können, vor allem weil Wengers Mannschaft sich und seinem Publikum zu beweisen hatte, auch in Aufeinandertreffen mit unmittelbaren Gegner um die Meisterschaft bestehen zu können. Schlussendlich sollte den Gunners der Sieg gelingen, nämlich sogar ein relativ ungefährdeter…

die Startformationen
Der interessanteste Gesichtspunkt aus taktischer Sicht war zweifelsohne Arsenals Startformation: Entgegen aller Erwartungen blieb Arshavin vorerst auf der Bank sitzen, so auch Neuverpflichtung Squillaci. Stattdessen begannen mit dem Schweizer Djourou und Theo Walcott ein körperlich sehr robuster Innenverteidiger bzw. schneller, auch defensiv recht starker Winger. Wenger, dessen angeblich nicht vorhandenes taktisches Verständnis oft kritisiert wird, hat hiermit ins sprichwörtliche Schwarze getroffen – sowohl Djourou als auch Walcott taten Ihres zum Erfolg ihrer Mannschaft.

Carlo Ancelotti dagegen stellte sein Team erwartungsgemäß auf, bietet ihm der verhältnismäßig dünn gewordene Chelsea-Kader doch kaum Alternativen. Immerhin konnte er auf Frank Lampard (in den letzten Wochen und Monaten plagte ihn eine Leistenzerrung, Anm.) zurückgreifen. Dafür musste Nicolas Anelka verletzungsbedingt passen, ihn ersetzte Kalou.

die Startformationen (4-2-3-1 / 4-5-1)

die Startformationen (4-2-3-1 / 4-5-1)

 

Spielverlauf
Die ersten Minuten brachten den erwarteten offenen Schlagabtausch, zu Beginn mit leichten Vorteilen für Arsenal, aber auch etlichen Halbchancen für Chelsea. Interessant zu sehen war, dass Alexandre Song nicht wie in den Spielen zuvor einen Box-to-Box-6er gab, sondern sich wie in der Vorsaison hauptsächlich mit den Defensivaufgaben eines Abräumers beschäftigte. So wollte Arsenal jene Konter unterbinden, die ihnen in den vergangenen “Big Games” jeweils zum Verhängnis wurden.

Auch Walcotts Aufgabe war interessant: Als eigentlich gelernter Flügelstürmer fand er sich oft in der eigenen Hälfte wieder, um dort entweder Bälle zu erobern oder Ashley Cole einfach ein wenig auszubremsen. Außerdem wichen Kapitän Fabregas und Robin van Persie immer wieder wieder in tiefere Positionen (siehe hierzu die Graphik!), den Niederländer fand man sogar einige Male auf dem rechten Flügel. Obwohl der Papierform nach das zentrale Mittelfeld (bestehend aus Song, Wilshere, Fabregas bzw. Mikel, Essien, Lampard) ausgeglichen hätte sein sollen, konnte Arsenal in dieser Zone des Spielfelds einen klaren Vorteil für sich verbuchen.

van Persies Passes

van Persies Passes

 

Wenger hatte also seine Hausaufgaben gemacht und seine Truppe auf das Spitzenspiel vorbereitet. Nicht so anscheinend Ancelotti, dessen einziges taktisches Mittel offensichtlich ein massives Mittelfeld – deshalb die Umstellung von 4-3-3 zu 4-5-1 – und lange Bälle auf Solo-Spitze Didier Drogba hinter die hoch stehende Arsenal-Abwehr waren. Dass letzterer so überhaupt nicht ins Spiel fand, lag einerseits an der nicht vorhandenen Unterstützung seitens seiner Mitspieler, andererseits aber auch an Djourous athletischem Körper, der ihn auf Schritt und Tritt verfolgte.

Mit Fortdauer des Spiels bekamen die Hausherren selbiges immer besser in den Griff, unter anderem aufgrund des extrem wirkungsvollen Pressings das man von Beginn an betrieb: nicht mit nur einem und nicht mit zwei, drei Spielern setzte man Chelsea unter Druck, sondern die ganze Mannschaft beteiligte sich daran. So zwang man Chelsea zu Abspielfehlern, wie sie das passstärkste Team der Liga normalerweise nicht machen würde…

Gegen Ende der ersten Spielhälfte igelte sich Chelsea mehr und mehr ein und man hatte das Gefühl, der Führungstreffer der Gunners könne nurnoch eine Frage der Zeit sein. So war es dann auch – nach einem versuchten Doppelpass zwischen Wilshere und Song und einem regelrechten Gemetzel im Strafraum bewahrt der Kameruner die Übersicht und bringt das Leder im Tor unter.

Zweite Halbzeit
Zur Pause brachte Ancelotti Ramires für den enttäuschenden John Obi Mikel, wobei Essien dessen tiefe Rolle übernahm und Ramires neben Lampard spielte.
In die beiden Tore kurz nach dem Seitenwechsel zu viel hineinzuinterpretieren wäre sogut nicht, resultierten sie doch aus kapitalen Eigenfehlern der Blues. Immerhin belegen sie aber, was Arsenal an diesem Abend auszeichnete: Beim 2:0 kam Chelsea nicht mit van Persies Rolle als sogenannte “falsche 9” zurecht, Walcotts Treffer ging ein Ballgewinn durch Pressing voraus.

Außer dem Ehrentreffer durch Branislav Ivanovic – möglich gemacht durch katastrophales Abwehrverhalten des ansonsten starken Koscielny – gelang Chelsea in weiterer Folge recht wenig. Zwar ging nach und nach auch bei Arsenal der Spielfluss verloren, doch hatten die ihre Tore ja bereits erzielt. Dennoch, es hätten gut und gerne noch mehr werden können – unter anderem vergaben Nasri, aus Überschuss an Selbstvertrauen, und der eingewechselte Diaby, aus Mangel an einem funktionstüchtigen linken Fuß, Hochkaräter. Beim 3:1 blieb es letztlich, was dem Spielverlauf nach auch so in Ordnung ging.

Zusammenfassend
Auch wenn der Gegner über weite Strecken nicht wie einer gespielt hat, ist es den Gunners gestern seit langer Zeit wieder gelungen einen Großen zu besiegen. Mannschaftliche Tugenden wie ausgezeichnetes Pressing und Ansätze totalen Fußballs waren dafür ebenso verantwortlich wie herausragende Einzelleistungen wie sie beispielsweise Alex Song gezeigt hat. Erleichtert schien nach der Partie vor allem der zuletzt in die Kritik geratene Arsene Wenger, der die Folgen des Sieges folgendermaßen beschrieb:

It was a double impact. Mathematically, it keeps us in touch with the leaders of the league. And psychologically, it was important. We were questioned about our capability of winning big games. I’m happy with the desire in the team.

[ANALYSE] Ein Stück vom Himmel

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Der Fußball übertraf sich vorgestern zeitweise selbst. Barcelona zeigte sich vor Allem im ersten Durchgang von seiner besten Seite, Arsenal hingegen kam in den ersten 30 Minuten kaum aus der eigenen Hälfte und tat sich generell mit dem Spiel der Spanier schwer. Das Endresultat, 2:2, lässt auf Spannung und sensationelle 90 Minuten hoffen

Als Arsenal in Nyon Barcelona zugelost bekam und klar war, dass Barca mit Arsenal spielen würde, hatte der neutrale Fußballfan allen Grund zur Freude. Das Treffen der beiden spielstärksten Teams der Fußballszene versprach, ein vorgezogenes Finale zu werden.

Barca lief im gewohnten 4-3-3 auf

Valdes
Alves – Pique – Puyol – Maxwell
Busquets
Keita – Xavi
Messi…………………….Pedro
Ibrahimovic

während Arsenal etwas ungewohnt, wenngleich der Papierform nach eigentlich genauso wie Barca, auftrat.

Almunia
Sagna – Gallas – Vermaelen – Clichy
Song
Diaby – Fabregas
Arshavin…………………….Nasri
Bendtner

Was nominell somit beiderseits eine Mischung aus 4-1-4-1 und 4-3-3 ergab, bei Arsenal aber faktisch zum 4-2-3-1 wurde.

Barca spielte mit Arsenal
Während Barcelona im Stile eines amtierenden Champions-League-Siegers agierte, war Arsenal im ersten Drittel des Spiels fast ausschließlich mit defensiven Aufgaben beschäftigt. Man sah den Londonern förmlich an, wie sie bemüht waren, hübsch zu spielen – da Barcelona ohne Ball aber vermutlich noch besser ist als mit, hatten die wieselflinken Wengers keine Möglichkeit, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Spielgestalter Fabregas – der fit geworden war, das Spiel aber verletzt verließ – wurde bei jeder Ballberührung von mehreren Spaniern umringt und in den meisten Fällen am Abspiel gehindert.

Der Titelträger hingegen spielte, wie es sich gehört. Erfrischend offensiv, ohne defensiv in Bedrängnis zu geraten. Entgegen dem internationalen Trend der defensiven Defensive (den Spieler nicht tackeln, sondern nur vom Tor fernhalten – siehe RB Salzburg) besteht das Abwehrverhalten von Barcelona aus intensivem Pressing. Da dieses praktisch immer Früchte trägt und den Gegner allzu oft zu Ballverlust zwingt, läuft man trotzdem nur äußerst selten in Konter.

Jedenfalls machte Barca – inklusive den Außenverteidigern Alves und Maxwell, die teilweise wie Stürmer agierten – mächtig Druck und erspielte sich Torchance um Torchance. Dass es vorerst nicht zur Führung reichte, lag an mangelhaftem Torabschluss und dem sensationellen Arsenal-Goalie Almunia. Nach 30 Minuten bekam man von der Statistik bestätigt, was man sich vermutlich schon in ähnlicher Form erwartet hatte: 70% Ballbesitz für Barcelona. Die Auswärts(!)mannschaft spielte Arsenal förmlich an die Wand, was Arsene Wenger sichtlich missfiel.

Erst gegen Ende des ersten Durchgangs konnte sich seine Elf aus der Umklammerung lösen. Für das anfängliche Auftreten der Londoner gibt es Entschuldigungen en Masse – Barca ist einfach stark, Barca steht zu eng am Mann, Arshavin verletzte sich, Gallas verletzte sich, … -, aber trotz allem hatte man sich von Arsenal zurecht mehr erwartet.

Auf der Gegenseite hatte Guardiola eigentlich allen Grund, stolz zu sein, wirkte aber eher aufgekratzt und zuweilen ein bisschen unzufrieden. Bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so komisch: Denn nicht nur die Chancenverwertung gab ihm allen Grund dazu, auch in der Schaltzentrale klappte nicht alles nach Wunsch: Während Xavi, der im Laufe der Partie zum Mann des Spiel avancieren sollte, eine überragende Leistung auspackte, spielten Busquets und Keita unter deren Leistungsfähigkeit. Vor Allem letzterer tat sich sehr schwer, war ständig auf der Suche nach Anschluss und tauschte deshalb oft Position mit Busquets.

Arsenal wurde wieder Arsenal
Die erste Halbzeit war eine neuerliche Machtdemonstration des Titelverteidigers, lediglich die Tore fehlten. Ausgerechnet der viel gescholtene Zlatan Ibrahimovic führte dieses jedoch sehr rasch nach Wiederbeginn herbei. Ganze 22 Sekunden waren vergangen, ehe der Schwede nach Tormannfehler von Almunia einlupfte. Auffallend: Solo-Spitze Bendtner ließ den Abwehrspieler Pique viel zu lange gewähren, sodass dieser den idealen Zeitpunkt des Abspiels wählen konnte.

Um nicht baden zu gehen, brauchte Arsenal nun einen Sinneswandel – die Abwehrschlacht der ersten 45 Minuten würde Barca von nun an in die Hände spielen. Arsenal hatte keine Lust, stattdessen ließ sich stattdessen noch ein zweites Tor einschenken:
Xavi Hernandez verzögert im Mittelfeld geschickt – ein typisches Barcelona-Muster, weshalb die nächsten Sekunden für den Beobachter vorhersehbar waren. Für die Arsenal-Verteidigung nicht, wodurch der ideal frei gespielte Ibrahimovic kaum Mühe hatte, für die vermeintliche Vorentscheidung zu sorgen. Dass die Hausherren nach dem Rückstand geschockt waren, kann man verzeihen, auch die Genialität eines Xavi kommt eventuell strafmildernd zugute – nichts desto trotz geht das 2:0 mindestens zur Hälfte auf die Innenverteidigung des englischen Tabellendritten und ist auf dieser Bühne ein mittelschweres Verbrechen.

Eine Wende erfuhr die Partie erst mit der Hereinnahme des pfeilschnellen Theo Walcott. Gerade einmal zwei Einsatzminuten brauchte er, um seine Mannschaft zurück ins Spiel zu bringen. Dem Tor vorausgegangen war eine nette Kurzpassstafette der Londoner, die jedoch erst durch einen verehrenden Abspielfehler von Busquets  ermöglicht worden war.

Arsenal war mittlerweile die bessere Mannschaft geworden, Barcelona bekam in dieser Phase ihre Menschlichkeit aufgezeigt. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, dass die Guardiola-Elf Lockerheit mit Leichtsinn verwechselte und den Ernst der Lage verkannte. So kam es, wie es in solchen Fällen eigentlich immer kommt: Walcott hat Platz, findet über Umwege Bendtners Kopf, welcher wiederum zu Fabregas ablegt. Dieser hätte vermutlich ausgeglichen, wäre er nicht von Puyol gehindert worden – Strafstoß + Rot wegen Torraubs. Der gefoulte schoss, der goldenen Regel zum Trotze (Wenger: „Diese Regel gibt es bei uns nicht.“), selber und holte mit einem strammen Schuss inmitten des Tores Versäumtes nach. Unglücklicherweise zog er sich im Rahmen dieser Szene (vermutlich beim Foul von Puyol) einen Wadenbeinbruch zu, welcher ihm unter Umständen die WM kosten könnte.

Die letzten Minuten gehörten Arsenal, die numerisch zwar überlegen waren, jedoch einen humpelnden Fabregas auf dem Spielfeld hatten – Wenger hatte sein Wechselkontingent bereits verbraucht. Einige Halbchance sorgten für eine spannende Schlussphase, der Siegestreffer wollte aber weder hüben noch drüben gelingen.

Fazit: Solche Spiele muss man – auch als Barcelona – gewinnen, wenn man den Titel verteidigen will. Ein 2:0 gab zuletzt Red Bull Salzburg aus der Hand – die Geschichte, wie man gegen einen offensichtlich unterlegenen Gegner doch noch ausscheiden kann, ist bekannt.

Artikel stammt vom: 2. April 2010 – 15:29 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Arsenal in der Einzelkritik:

Almunia: Spielte in der ersten Halbzeit sein bestes Tennis, hätte beim Führungstreffer der Katalanen im Tor bleiben müssen

Sagna: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Pique in Schach halten konnte
Gallas: Hier und da ein Unsicherheitsfaktor, nach 44 Minuten aber ohnehin verletzungsbedingt vom Platz gegangen
Vermaelen: Der Bessere seiner Defensive.
Clichy: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Messi entwaffnete

Song: Räumte nach bestem Wissen und Gewissen ab, scheute keinen Zweikampf, verwechselte Kampf aber zeitweise mit Foul

Walcott: Belebte die Offensive der Londoner nach seiner Einwechslung immer wieder, sprintete immer wieder mustergültig in den Raum – siehe 1:2.
Fabregas: In den ersten 45 Minuten völlig aus dem Spiel genommen, danach ein guter Akzentgeber
Diaby: Spielte oft neben Song, hatte dort einen schweren Job, den er befriedigend erfüllte
Nasri: Ackerte wie ein braver Franzose und machte auch ansonsten eine durchaus gute Partie

Bendtner: Immer wieder am Spielaufbau beteiligt, beim 1:2 genialer Vorlagengeber und auch am Ausgleich beteiligt.

Barcelona in der Einzelkritik:

Valdes: Selten geprüft, beim 2:1 darf man ihn nicht schuldlos sprechen

Alves: Der wohl offensivstärkste Außenverteidiger der Welt machte seinem Ruf alle Ehre. Hinten hatte er mit Nasri kaum Schwierigkeiten
Pique:
Sicher, wenngleich auch nur selten gefordert
Puyol:
Siehe Pique. Sein Elferfoul gegen Fabregas war zwingend nötig, auch wenn es Rot nach sich zog
Maxwell:
Wirbelte vorne wie ein Wilder, vernachlässigte hierbei aber hier und da die Defensivarbeit – Walcott ließ ihn des Öfteren alt aussehen

Busquets: Tauschte oft Rolle mit Keita, spielte ganz gut, verschuldete jedoch das 2:1 durch einen unnötigen Fehlpass
Keita:
Tauschte oft Rolle mit Busquets, spielte nicht wirklich gut, verschuldete immerhin kein Gegentor
Xavi:
Bester Mann am Platz, dirigierte auch ohne Iniesta fabelhaft. Beim zweiten Tor für Barca demonstrierte er seine Klasse.

Messi: Hatte in der ersten Halbzeit eine gute Einschussmöglichkeit – ansonsten hielt er sich auf hohem Niveau im Hintergrund
Ibrahimovic:
Vernebelte im ersten Durchgang zwei Großchancen, bewies bei seinen Toren 1 und 2 schlussendlich trotzdem Torjägerqualitäten
Pedro:
Hatte mit dem geschwinden Sagna seine liebe Müh und blieb über 90 Minuten hinweg farblos

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