[ANALYSE] Wenger nimmt Risiko und gewinnt

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Arsenal FC : FC Barcelona
2-1 (van Persie 77., Arshavin 83. bzw. Villa 26.)

Welch ein Spiel im Emirates Stadium, das da der Arsenal Football Club mit ein wenig Glück aber letztlich nicht unverdient gewonnen hat. Das Kräftemessen zweier außergewöhnlich spielstarker Mannschaften brachte das erwartete Spitzenspiel und durch den knappen Endstand viel Spannung fürs Rückspiel. Lange Zeit sah Barcelona wie der sichere Sieger aus, doch Arsenals Mut ließ am Ende die Nordlondoner jubeln…

programmgemäße Startformationen

Beide Teams begannen rein personell genau so, wie man sich das im Vorfeld erwartet hatte. Emmanuel Eboue ersetzte bei Arsenal den gesperrten Sagna, Samir Nasri kehrte nach überstandener Sprunggelenksverletzung in die Mannschaft zurück.
Bei Barcelona fehlte Kapitän Puyol verletzungsbedingt. Manch einer mutmaßte deshalb im Vorfeld, dass Guardiola Busquets zurückziehen und Mascherano in die Mannschaft bringen würde, Busquets blieb jedoch einziger 6er und Abidal spielte zu Piques Linken in der Innenverteidigung.

die Startformationen (4-4-1-1 gg 4-3-3)

die Startformationen (4-4-1-1 gg 4-3-3)

Auch die taktische Anordnung beider Mannschaften glich jener aus den vorherigen Spielen, bei Arsenal vielleicht mit dem Unterschied dass Nasri und Walcott diesmal etwas defensiver spielten, sodass sich eine weitere Viererkette vor der Abwehr ergab. Die Katalanen spielten der Papierform nach mit drei echten Stürmern, nur konnte man Messi an diesem Abend eigentlich gar keinen solchen nennen, so weit zurückfallen hat er sich teilweise lassen. Es war also das Duell eines 4-2-3-1/4-4-1-1 gegen ein 4-3-3 mit einem Lionel Messi als “falsche 9” – der Papierform nach heißt das: Überzahl für Barca im Mittelfeld, dafür möglicherweise viel Raum für Arsenals Flügelspieler; und so kam es dann eigentlich auch.

mutige Gunners

In den ersten drei Spielminuten ließ Barcelona gleich anklingen, worauf sich Arsenal gefasst zu machen hatte – endlose Ballstafetten, gern auch ausschließlich in der eigenen Hälfte, aber insofern effektiv als der Gegner den Ball nicht hat und so selbst für keine Gefahr sorgen kann. Nachdem sie 180 Sekunden lang kaum einen Ballkontakt hatten, fanden die Gunners jedoch immer mehr zu ihrem Spiel und hätten nach Fabregas-Vorlage schon in Minute 6 durch Robin van Persie in Führung gehen können. Die nächsten Minuten gehörten dann auch hauptsächlich den Gastgebern, die zu Beginn weitaus intensiveres Pressing als in den meisten Ligaspielen und so Barcelona nicht wirklich zu deren Spiel finden haben lassen.

Mit der Zeit sah sich Arsenal allerdings immer weiter zurückgedrängt, was schlichtweg an der enormen Ballsicherheit des Gegners lag.

Song als Unsicherheitsfaktor

In dieser Phase erwies sich der sonst so souveräne Alexandre Song als dem Tempo der Katalanen einfach nicht gewachsen. Bereits nach wenigen Minuten sah er für ein taktisches Foul an Messi (ob in einem CL-Achtelfinale das erste Vergehen gleich eine Karte zufolge haben sollte, lass ich hier mal dahingestellt…) die gelbe und musste somit vorsichtig in seinen Tacklings sein. Als dann noch ein paar Fouls und so auch mehrere ausdrückliche Ermahnungen des Schiedsrichters folgten, konnte Song endgültig nichtmehr ohne Bedenken in normale Zweikämpfe gehen, vor allem weil Spieler wie Busquets jede Gelegenheit nutzten eine Gelb-Rote zu provozieren.

Nachdem zuvor Weltfußballer Messi eine 100%ige Torchance ausgelassen hatte, folgte Minuten später durch David Villa der Führungstreffer für die Gäste. Neben Gael Clichy – der Franzose hob das Abseits auf – war hier auch Song mitverantwortlich für das Gegentor: Eben weil er schon am Rande eines Platzverweises wandelte musste er Messi im Mittelfeld ziehen lassen, wodurch dieser relativ unbedrängt auf die Arsenal’sche Viererkette zulaufen und in der Folge den Pass zum Tor spielen konnte.

Walcott weitesgehend harmlos, Wilshere nicht

Nun waren die Gunners unter Zugzwang, denn eine Heimniederlage käme gegen einen solchen Gegner praktisch dem Ausscheiden gleich. Als Arsenals gefährlichster Mann war im Vorhinein Theo Walcott eingestuft worden, der blieb jedoch bis auf eine gute Szene zu Beginn recht farblos und auch Fabregas und van Persie konnten zu Beginn nicht sonderlich für Akzente sorgen. Es musste also der 19(-!)-Jährige Jack Wilshere einspringen und den Londonern wieder auf die Beine helfen. Der Teenager machte eine wirklich gute Partie – unerreicht seine Ruhe in der eigenen Hälfte, extrem ausgereift seine Technik, offensichtlich seine enorme Spielintelligenz und unheimlich gefährlich die Tempo-Dribblings, von denen eines zu einer großen Torchance führte.

Von dieser abgesehen war für die Heimmanschaft aber wenig zu holen, den Ball hatte praktisch nurnoch Barcelona und die Art und Weise wie sie ihn spielend zirkulieren ließen erinnerte ein wenig an die Demütigung vom letzten Jahr. Gut dass sich Arsenal mental auf die Überlegenheit des Gegners eingestellt hatte, wie Wenger später erklärte, denn es gab durchaus schon Mannschaften die in solchen Phasen die Neven weggeschmissen haben…

Arsenals Comeback

Aus der Kabine kamen die Gunners wie ausgewechselt, ohne dass sich personell auch nur irgendetwas getan hätte. Es war vielmehr die deutlich offensivere Ausrichtung, die Arsenal wieder ins Spiel finden ließ und Barcelona von übermäßiger Ballkontrolle abhielt. Zwar schauten zunächst hauptsächlich Halbchancen dabei heraus, doch die waren genug um die Spieler wieder Glauben an sich und die Zuseher Vertrauen in die Spieler finden zu lassen.

Nach 68 Minuten nahmen dann beide Trainer Wechsel vor: Guardiola brachte Keita für den Torschützen Villa, Arsene Wenger Arshavin anstelle von Alex Song. Bei Barca ging nun Iniesta in die Spitze, bei den Gunners Nasri an die Seite von Wilshere. Zur Folge hatte das natürlich, dass Barcelona ohne Iniesta nicht länger die Ballzirkulation aus Hälfte Eins aufrechten erhalten konnte, während Nasri den Spielaufbau der Gunners aus dem Zentrum heraus noch mehr belebte. Ein wenig später kam dann auch noch Nicklas Bendtner für Theodor James Walcott, ein Wechsel der sich auszahlen sollte, war es doch der Däne der Valdes beim herausragenden Ausgleichstreffer durch van Persie entscheidend irritierte.

Das Emirates war nun außer sich und Arsenal psychologisch klar im Vorteil. Worin das ganze letztendlich mündete ist bekannt, einen bilderbuchartigen Konter schließt Andrej Arshavin in Minute 83 zur Führung für sein Team ab. Barcelona, sichtlich geschockt, versuchte noch alles auszugleichen, von einer großen Gelegenheit in der Nachspielzeit abgesehen – Szczesny vereitelte sie mit tollem Stellungsspiel – war es das jedoch gewesen. So durften also die Gunners und ihr Anhang feiern, wobei man sich natürlich darüber im Klaren ist wie schwer es sein wird im Nou Camp zu bestehen.

Fazit

Ein hervorragendes Spiel in vielerlei Hinsicht haben wir erleben dürfen, insbesondere auch eines dass die Fähigkeiten der jeweiligen Teams sehr gut repräsentiert: Das Passspiel der Katalanen ist unerreicht und unnachahmlich, mit technisch ebenso feinem aber wesentlich direkterem Angriffsfußball versuchte Arsenal da dagegen zu halten und hatte letzten Endes Erfolg damit. Die erfolgreiche Aufholjagd verdankt man einerseits dem konditionellen Vorteil gegen Ende (man siehe nur, wie Alves beim 2:1 seinen Sprint frühzeitig abbrechen muss, Anm.) und zum anderen den gelungenen Wechseln von Arsene Wenger. Während Pep Guardiola mit seinem Tausch seiner Mannschaft mehr geschadet hat, gingen Wengers mutige Umstellungen auf. Der erfolgreiche Coach, nach dem Spiel darauf angesprochen, sagt folgendes:

I took a gamble. But I had to do it, we needed two goals. I’m very proud because everybody urged us to play differently to our nature.

Mal sehen, ob sich Arsenals Spielweise auch in Spanien bewährt oder ob nicht doch ein parkender Bus (= extrem tiefes Verteidigen, kaum eigene Offensivbemühungen, Inter Mailand eben), wie etwa der Hercules-Coach meint, die einzige Möglichkeit ist sich langfristig mit dem unbestritten besten Team der Welt messen zu können…

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[ANALYSE] Inter schlug die Unschlagbaren

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Im sagenumwobenen San Siro trafen gestern Inter Mailand, der FC Barcelona und somit zwei Welten aufeinander. Die Welt von Inter Mailand war nach 90 Minuten mehr als in Ordnung, gewann man doch, verdientermaßen, gegen die viel gerühmten Katalanen. Warum Mourinho ein Mittel fand, Guardiola kein Mittel fand und die Ausgangslage vor dem Showdown im Camp Nou spannender nicht sein könnte

Barcelona ist auch nur eine Mannschaft
Vorweg – die Barcelona-Fans unter euch mögen mir nicht böse sein: Ich bin mit dem Ausgang des Spiels glücklich, in meinen Erwartungen erfüllt und nochmals glücklich. Die, Barcelona, die man als unschlagbar deklarierte, waren doch schlagbar und insbesondere Lionel Messi, bekanntlich nicht zu verteidigen (Wenger: „Unstopable“, Sammer: „Nicht zu verteidigen“, Rossi: „Nicht zu verteidigen), wurde perfekt verteidigt.
Generell neigt man dazu, das momentane Maß aller Dinge, das nichts desto trotz momentan sicherlich Barca ist, bis ins Unendliche zu verherrlichen – dass Hirn weg zu schmeißen und in der Folge auf Kritik verzichten. Auch als ich Messi als Abhängigen – im fußballerischen Sinne, vom Kollektiv Barcelona – bezeichnet und Ronaldo als den kompletteren Fußballer beschrieben habe, wurde mir rasch Majestätsbeleidigung vorgeworfen. Jedem das Seine, aber mir das Meine.

Mourinho ist mehr als ein guter Trainer
Insgeheim habe ich wirklich gehofft, dass Mourinho etwas aus dem Hut zaubert und Barca, samt Messi, endlich vor eine gute Hintermannschaft und ernsthafte Probleme stellt. Gehofft, getan.
José Mourinho machte seinem Titel als „Bester Trainer der Welt“, den er sich übrigens einst selbst verliehen hat, alle Ehre und neutralisierte mit seiner Aufstellung sämtliche Qualitäten der Katalanen.

„Seiner Aufstellung“ war folgende:

Cesar
Maicon – Samuel – Lucio – Zanetti
Cambiasso – Motta
Eto’o____________Pandev
Sneijder
Milito

Stand zwar anders zu Papier, wurde faktisch aber wie oben angeführt gespielt. Während Milito relativ wenig machen musste, attackierte Snejder schon wesentlich energischer, zwang 6er Busquets oft zu Abspielfehlern. Die Flügelspieler Eto’o und Pandev spielten mal so, mal so – je nach Situation offensiver oder defensiv orientiert. Die beiden ließen zu den Flügelspielern der Barcas – meistens waren es die Außenverteidiger – unheimlich viel Platz, konnten dies durch exzellente Raumdeckung jedoch wieder wett machen.

Knackpunkt
Dahinter wurde das Spiel erst richtig entschieden: Cambiasso – und zeitweise auch Thiago Motta – montierte die Schaltzentrale, sie heißt Xavi, kompromisslos ab und lähmte damit den gesamten Spielaufbau der Gäste.
Dass Ibrahimovic völlig in der Luft hing, vorwiegend Löcher in die Luft schaute, ist da mehr als typisch, fast logisch, wenn man ihn kennt. Messi ist weit weniger exzentrisch als der Schwede, brachte gestern aber doch recht wenig auf den Platz. Ich glaube nicht dass es an der schlechten Tagesform gelegen hat, vielmehr meine ich weiterhin, dass Messi nur funktioniert, wenn der Gegner ihm Raum und Zeit, Lust und Laune lässt – nebenbei muss natürlich auch der Rest der Mannschaft mitspielen. Beides war gestern nicht gegeben, Messi daher unauffällig. Trotzdem: Er hat keinesfalls schlecht gespielt, er ist halt wie er ist: Weltklasse, sofern Gegner und Teamkollegen mitspielen.

Sonderbewachung gab es für den Argentinier – wie von Mourinho versprochen – übrigens keine, er wurde fast wie jeder andere Spieler behandelt. 1 1/2 Mannen attackierten den Ballführenden, der Rest spulte Kilometer um Kilometer ab – selbstredend auf fix fertig einstudierten Laufwegen. Überhaupt bot Inter eine Konzentrationsleistung der Sonderklasse, kaum ein Ball wurde unnötig verloren gegeben.
Etwas anders sah die Sache bei Barcelona aus: Dort verfiel man teilweise in Selbstgefälligkeit (wieso eigentlich?) und somit Konzentrationsdefizite, die sich durch eine ungewöhnlich hohe Fehlpassquote bemerkbar machte.

Krieg der Welten
Womit wir beim Kampf zweier Welten angelangt wären. Neben Inter gegen Barcelona trafen auch zwei von Grund auf verschiedene Einstellungen aufeinander: Einerseits die taktisch disziplinierten, kampfstarken Italiener, die aber auch offensiv – meistens durch schnelle Gegenstöße mit 1,2 Mal Ballberühren – ansehlich agierten. Auf der anderen Seite Barcelona, die technisch brillanten, wieselflinken Spanier, die in der Regel auch defensiv zu überzeugen wissen.
Gestern entschied zum Einen die Fähigkeit des Siegers, die Stärken des anderen (Technik, Geschwindigkeit, …) nahezu gänzlich zu neutralisieren und zum Anderen die Fähigkeit des Siegers, die Schwächen des anderen (4er-Abwehrkette, weil eigentlich nur aus Innenverteidigung bestehend) eiskalt auszunutzen.
Diesbezüglich war Inter Barcelona meilenweit (man könnte gut und gerne auch von 1 000 Kilometern sprechen) überlegen, hat daher auch völlig verdient gewonnen.

Soviel zu gestern. Viel pikanter, weil fundamentaler, ist für mich allerdings die Frage nach der Erstrebsamkeit von übermäßig viel Ballbesitz. Manche empfinden ihn als Segen (Van Gaal, Guardiola, …), andere als unliebsame Bürde (Magath, Mourinho, …), die man gerne umgeht.
Wirklich beantworten kann man die Frage meiner Meinung nach nicht. Auch wenn das in Zeiten des modernen, engen, perfektionistischen Fußballgeschäft sehr schwer zu glauben ist: Es geht beides. Das sieht man auf höchster- (Champions League: Guardiola gg Mourinho), hoher Ebene (Deutsche Bundesliga: Van Gaal vs. Magath) und mit Abstrichen auch im österreichischen Fußball (Stevens vs. Pacult). Überall liefern sich die Philosophien ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in manchen Spielen hat der Eine einen Vorteil, im anderen der wiederum andere.
Gestern hat der Anti-Ballbesitz (Inter hatte nur 33% Ballbesitz, aber wesentlich mehr Hochkaräter) gewonnen, mal schaun ob er auch aufsteigt.

Artikel stammt vom: 21. April 2010 – 15:35 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Inter Mailand:

Cesar: Hatte gar nicht so arg viel zu tun, war beim Gegentor mehr als machtlos und ansonsten ein solider Rückhalt.

Maicon: Machte hinten wie vorne (siehe Tor zum 2:1) eine gute Partie, wesentlich besser als sein Diagonal-Gegenüber Dani Alves
Samuel:
Nicht der Schnellste, aber dank brillanten Stellungsspiel ohne echte Fehler – tadellose Darbietung
Lucio:
Legte den Grundstein für die starke Defensivleistung Inters, blieb über 90 Minuten ohne ernsthafte Fehler, lediglich das Missverständnis mit Cambiasso beim 0:1 befleckt seinen Auftritt ein wenig
Zanetti:
Wäre der Mann nicht 37 sondern 25 Jahre alt, könnte man seine Leistung verstehen – so ist es ein Rätsel, wie man auf diesem Niveau noch dermaßen gut verteidigen kann. Top!

Cambiasso: Hatte das zentrale Mittelfeld der Spanier fast alleine im Griff, teilweise aber mit Ungenauigkeiten im Spielaufbau
Motta:
Pendant Cambiassos… Unterschiede: Nach vorne hin etwas genauer, hinten etwas nachlässiger.
Eto’o:
Mourinho formte ihn vom Mittelstürmer zum RF um – tat auch gut daran, Eto’o blüht dort so richtig auf. Sorgte Vorne für Wirbel und hatte auch defensiv kaum Probleme mit Maxwell.
Pandev:
Solide. Dazu noch ein paar technische Gustostückerl, wie etwa das Gurkerl an Dani Alves. Dazu war auch Hinten auf ihn Verlass.
Sneijder:
Spielte den Regisseur recht gut, bewegte sich trotz Trainingsrückstands viel und erzielte zudem den wichtigen Ausgleich.

Milito: Vermutlich der beste Mann am Platz! Vom Standard-Live-Ticker wurde er nach zwei kläglich vergebenen Chancen in der Anfangsphase schon zum „Chancentod des Spiels“ deklariert – mit zwei Torvorlagen und einem Abseitstor, das zählte, strafte er Herrn Bauer Lügen.

FC Barcelona:

Valdés: Irgendwie trat der Spanier ziemlich komisch, weil unerklärlich unsicher, auf – bei den Gegentreffer darf man ihm jedoch keine Mitschuld einräumen

Alves: Wie immer fast wie ein Flügelstürmer, Vorne aber wirkungslos und in der 4er-Kette teilweise inferior
Puyol:
Gewann wichtige- und verlor schwierige Zweikämpfe – Durchschittspartie. Fehlt übrigens wegen Gelb-Sperre im Rückspiel!
Pique:
Siehe Puyol, nur ein Äutzerl schwächer
Maxwell:
Setzte sich beim 1:0 gut durch, blieb ansonsten im Offensivspiel wirkungslos und war defensiv mit Eto’o überfordert.

Busquets: Hatte mehrere Chancen, fand im Spielaufbau aber nicht wirklich statt
Xavi:
Hatte keine Chancen, fand im Spielaufbau sonderbarerweise nicht statt
Keita:
Wirkte teilweise einfach überfordert

Messi: Oben bereits lang und breit erklärt… Passabel, aber unauffällig trifft es wohl am Besten
Ibrahimovic:
Klassischer Löcher-in-die-Luft-Schau-Ibrahimovic
Pedro:
Spielte eine sehr gute Partie und war an nahezu jeder Offensivaktion der Katalanen beteiligt.

[ANALYSE] Messi vom anderen Stern! Oder doch nicht?

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Barcelona gewinnt weiter wie am Fließband, degradierte gestern selbst die spielstarken Gunners zu biederen 08/15-Kickern. Eine tragende Rolle im Erfolgs-System Guardiolas spielt Lionel Messi. Der Argentinier darf vollenden, was der Rest der Mannschaft ermöglicht. Jedenfalls wurde gestern nur Messi mit Lorbeeren überhäuft, das Kollektiv rückte in den Hintergrund.
Über die Stärken Barcelonas, die Qualitäten eines Lionel Messi und die Frage nach dem besten Fußballer der Welt

Guardiola hat leicht coachen. Wer einen Xavi, Iniesta, Messi oder Ibrahimovic im Offensivspiel zur Verfügung hat, kann eigentlich nur Tore schießen. Dass die Defensive ebenfalls aus Ausnahmekönnern besteht, ist quasi eine Lebensversicherung für die Künstler jenseits der Mittellinie. Der junge wie ballesterisch erprobte Josep Guardiola hat es verstanden, zusammenzufügen was zusammengehört und ein funktionierendes System zu formen.

Vermutlich angelehnt an die Europameister-Aufstellung der spanischen Nationalmannschaft, eignete er seinem Team folgende Startelf an:

TW
ROV – IV – IV – LOV
DM
ZM – ZM
RF – MS – LF

Die drei Stürmerpositionen übernahmen gestern der 19-jährige Bojan Krkic, Pedro Rodriguez und Lionel Messi. Krkic und Pedro Rodriguez tauschten alle paar Minuten die Flügel, nur um Mittelstürmer Messi die nötigen Räume zu verschaffen. Mittelstürmer Messi? Gut, er war zugegeben kein Ibrahimovic der im Strafraum auf Bälle wartend Löcher in die Luft schaut, spielte oft bis ins zentrale Mittelfeld zurückgezogen – aber ja, er war eine Art Mittelstürmer.
Der bewegliche Mittelstürmer – okay, nennen wir ihn künftig der Gewohnheit halber eine hängende Spitze – dem die blutjunge Arsenal-Defensive aber so gar nichts entgegen zu setzen hatte. Das Bemühen war da bei den Gunners, nur sind sie eben genau jene Mannschaft, gegen die Barcelona so gerne spielt: Arsenal will immer mitspielen, ist am Ball verspielt wie eine Schülermannschaft und hat vor Allem keinen klassischen 6er, wie er Messi Schwierigkeiten bereiten könnte.

Die Show des 22-jährigen Argentiniers war daher kein Wunder. Dass er Tore erzielen würde, war absehbar – dass es gleich deren vier wurden, aber eher nicht. Beim ersten Treffer bewies er nach Ballglück einen strammen Schuss, das zweite Tor leitete er sich selbst mit einem ideal getimten Pass auf Abidal ein. Bei seinem dritten Tor stand er, wo ein Mittelstürmer – pardon, eine hängende Spitze – zu stehen hat und das Vierte war ein klassischer Messi.

Was aber steht hinter dem Phänomen? Garantiert ein Ausnahmekönner Lionel Messi. Dass es der alleine nicht sein kann, der für seinen aktuellen Torlauf verantwortlich ist, beweisen uns allerdings seine Leistungen im argentinischen Nationalteam, wo er mehr enttäuschend als herausragend agiert. Es gehören noch immer zwei, drei oder gar neun andere Feldspieler dazu. Allen voran natürlich Xavi und Iniesta, die durch technische Finesse und exakte Pässe das Spiel für Messi aufreißen. Von einem magischen Trio des Erfolgs zu sprechen, wäre der restlichen Mannschaft gegenüber jedoch ungerecht. Die nicht enden wollende Arbeit eines jeden Einzelnen, das einstudierte Forechecking jedes Spielers macht den Erfolg des Kollektivs aus. Dass Lionel Messi den medialen Ruhm absahnt, ist logisch – aber sollte es nicht das Gesamtkunstwerk sein, dem gehuldigt (sofern man überhaupt jemandem huldigen sollte) wird?

Wurscht, das hat Guardiola mit seinen Jungs und der Chefredakteur mit seinem Sportjournalisten auszumachen. Was die Allgemeinheit vielmehr beschäftigt, ist die Frage nach dem besten Fußballer der Gegenwart. Die Meisten sehen eben diesen Messi als den unumstritten Besten, andere favorisieren Christiano Ronaldo. Der Eine oder Andere findet auch Xavi/Iniesta super. Vermutlich war die internationale Weltklasse im Fußball schon seit Jahren nicht mehr so dicht beieinander wie sie es heute ist. Meiner Meinung nach beruhen die Unterschieden zwischen den vier absolut potenziellen Kandidaten fast ausschließlich auf der persönlichen Auffassung von Fußball.
Will ich eine Augenweide, kann ich nur Messi wählen. Ist mir ein kompletter Kicker das liebste auf der Welt, kann es für mich nur einen Christiano Ronaldo geben. Und will man sich schlicht und einfach an den Fadenziehern aufgeilen, wählt man hoffentlich Xavi oder Iniesta. Solange mir keiner mit einem Andreas Ivanschitz daher kommt, reden wir hier von persönlicher Meinung und keinem unverrückbaren Faktum.

Artikel stammt vom: 7. April 2010 – 11:04 Uhr

[ANALYSE] Ein Stück vom Himmel

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Der Fußball übertraf sich vorgestern zeitweise selbst. Barcelona zeigte sich vor Allem im ersten Durchgang von seiner besten Seite, Arsenal hingegen kam in den ersten 30 Minuten kaum aus der eigenen Hälfte und tat sich generell mit dem Spiel der Spanier schwer. Das Endresultat, 2:2, lässt auf Spannung und sensationelle 90 Minuten hoffen

Als Arsenal in Nyon Barcelona zugelost bekam und klar war, dass Barca mit Arsenal spielen würde, hatte der neutrale Fußballfan allen Grund zur Freude. Das Treffen der beiden spielstärksten Teams der Fußballszene versprach, ein vorgezogenes Finale zu werden.

Barca lief im gewohnten 4-3-3 auf

Valdes
Alves – Pique – Puyol – Maxwell
Busquets
Keita – Xavi
Messi…………………….Pedro
Ibrahimovic

während Arsenal etwas ungewohnt, wenngleich der Papierform nach eigentlich genauso wie Barca, auftrat.

Almunia
Sagna – Gallas – Vermaelen – Clichy
Song
Diaby – Fabregas
Arshavin…………………….Nasri
Bendtner

Was nominell somit beiderseits eine Mischung aus 4-1-4-1 und 4-3-3 ergab, bei Arsenal aber faktisch zum 4-2-3-1 wurde.

Barca spielte mit Arsenal
Während Barcelona im Stile eines amtierenden Champions-League-Siegers agierte, war Arsenal im ersten Drittel des Spiels fast ausschließlich mit defensiven Aufgaben beschäftigt. Man sah den Londonern förmlich an, wie sie bemüht waren, hübsch zu spielen – da Barcelona ohne Ball aber vermutlich noch besser ist als mit, hatten die wieselflinken Wengers keine Möglichkeit, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Spielgestalter Fabregas – der fit geworden war, das Spiel aber verletzt verließ – wurde bei jeder Ballberührung von mehreren Spaniern umringt und in den meisten Fällen am Abspiel gehindert.

Der Titelträger hingegen spielte, wie es sich gehört. Erfrischend offensiv, ohne defensiv in Bedrängnis zu geraten. Entgegen dem internationalen Trend der defensiven Defensive (den Spieler nicht tackeln, sondern nur vom Tor fernhalten – siehe RB Salzburg) besteht das Abwehrverhalten von Barcelona aus intensivem Pressing. Da dieses praktisch immer Früchte trägt und den Gegner allzu oft zu Ballverlust zwingt, läuft man trotzdem nur äußerst selten in Konter.

Jedenfalls machte Barca – inklusive den Außenverteidigern Alves und Maxwell, die teilweise wie Stürmer agierten – mächtig Druck und erspielte sich Torchance um Torchance. Dass es vorerst nicht zur Führung reichte, lag an mangelhaftem Torabschluss und dem sensationellen Arsenal-Goalie Almunia. Nach 30 Minuten bekam man von der Statistik bestätigt, was man sich vermutlich schon in ähnlicher Form erwartet hatte: 70% Ballbesitz für Barcelona. Die Auswärts(!)mannschaft spielte Arsenal förmlich an die Wand, was Arsene Wenger sichtlich missfiel.

Erst gegen Ende des ersten Durchgangs konnte sich seine Elf aus der Umklammerung lösen. Für das anfängliche Auftreten der Londoner gibt es Entschuldigungen en Masse – Barca ist einfach stark, Barca steht zu eng am Mann, Arshavin verletzte sich, Gallas verletzte sich, … -, aber trotz allem hatte man sich von Arsenal zurecht mehr erwartet.

Auf der Gegenseite hatte Guardiola eigentlich allen Grund, stolz zu sein, wirkte aber eher aufgekratzt und zuweilen ein bisschen unzufrieden. Bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so komisch: Denn nicht nur die Chancenverwertung gab ihm allen Grund dazu, auch in der Schaltzentrale klappte nicht alles nach Wunsch: Während Xavi, der im Laufe der Partie zum Mann des Spiel avancieren sollte, eine überragende Leistung auspackte, spielten Busquets und Keita unter deren Leistungsfähigkeit. Vor Allem letzterer tat sich sehr schwer, war ständig auf der Suche nach Anschluss und tauschte deshalb oft Position mit Busquets.

Arsenal wurde wieder Arsenal
Die erste Halbzeit war eine neuerliche Machtdemonstration des Titelverteidigers, lediglich die Tore fehlten. Ausgerechnet der viel gescholtene Zlatan Ibrahimovic führte dieses jedoch sehr rasch nach Wiederbeginn herbei. Ganze 22 Sekunden waren vergangen, ehe der Schwede nach Tormannfehler von Almunia einlupfte. Auffallend: Solo-Spitze Bendtner ließ den Abwehrspieler Pique viel zu lange gewähren, sodass dieser den idealen Zeitpunkt des Abspiels wählen konnte.

Um nicht baden zu gehen, brauchte Arsenal nun einen Sinneswandel – die Abwehrschlacht der ersten 45 Minuten würde Barca von nun an in die Hände spielen. Arsenal hatte keine Lust, stattdessen ließ sich stattdessen noch ein zweites Tor einschenken:
Xavi Hernandez verzögert im Mittelfeld geschickt – ein typisches Barcelona-Muster, weshalb die nächsten Sekunden für den Beobachter vorhersehbar waren. Für die Arsenal-Verteidigung nicht, wodurch der ideal frei gespielte Ibrahimovic kaum Mühe hatte, für die vermeintliche Vorentscheidung zu sorgen. Dass die Hausherren nach dem Rückstand geschockt waren, kann man verzeihen, auch die Genialität eines Xavi kommt eventuell strafmildernd zugute – nichts desto trotz geht das 2:0 mindestens zur Hälfte auf die Innenverteidigung des englischen Tabellendritten und ist auf dieser Bühne ein mittelschweres Verbrechen.

Eine Wende erfuhr die Partie erst mit der Hereinnahme des pfeilschnellen Theo Walcott. Gerade einmal zwei Einsatzminuten brauchte er, um seine Mannschaft zurück ins Spiel zu bringen. Dem Tor vorausgegangen war eine nette Kurzpassstafette der Londoner, die jedoch erst durch einen verehrenden Abspielfehler von Busquets  ermöglicht worden war.

Arsenal war mittlerweile die bessere Mannschaft geworden, Barcelona bekam in dieser Phase ihre Menschlichkeit aufgezeigt. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, dass die Guardiola-Elf Lockerheit mit Leichtsinn verwechselte und den Ernst der Lage verkannte. So kam es, wie es in solchen Fällen eigentlich immer kommt: Walcott hat Platz, findet über Umwege Bendtners Kopf, welcher wiederum zu Fabregas ablegt. Dieser hätte vermutlich ausgeglichen, wäre er nicht von Puyol gehindert worden – Strafstoß + Rot wegen Torraubs. Der gefoulte schoss, der goldenen Regel zum Trotze (Wenger: „Diese Regel gibt es bei uns nicht.“), selber und holte mit einem strammen Schuss inmitten des Tores Versäumtes nach. Unglücklicherweise zog er sich im Rahmen dieser Szene (vermutlich beim Foul von Puyol) einen Wadenbeinbruch zu, welcher ihm unter Umständen die WM kosten könnte.

Die letzten Minuten gehörten Arsenal, die numerisch zwar überlegen waren, jedoch einen humpelnden Fabregas auf dem Spielfeld hatten – Wenger hatte sein Wechselkontingent bereits verbraucht. Einige Halbchance sorgten für eine spannende Schlussphase, der Siegestreffer wollte aber weder hüben noch drüben gelingen.

Fazit: Solche Spiele muss man – auch als Barcelona – gewinnen, wenn man den Titel verteidigen will. Ein 2:0 gab zuletzt Red Bull Salzburg aus der Hand – die Geschichte, wie man gegen einen offensichtlich unterlegenen Gegner doch noch ausscheiden kann, ist bekannt.

Artikel stammt vom: 2. April 2010 – 15:29 Uhr

Analytischer Zusatzteil

Arsenal in der Einzelkritik:

Almunia: Spielte in der ersten Halbzeit sein bestes Tennis, hätte beim Führungstreffer der Katalanen im Tor bleiben müssen

Sagna: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Pique in Schach halten konnte
Gallas: Hier und da ein Unsicherheitsfaktor, nach 44 Minuten aber ohnehin verletzungsbedingt vom Platz gegangen
Vermaelen: Der Bessere seiner Defensive.
Clichy: Schnelligkeit verlernt man nicht, weshalb er trotz einiger taktischen Fehlverhalten Messi entwaffnete

Song: Räumte nach bestem Wissen und Gewissen ab, scheute keinen Zweikampf, verwechselte Kampf aber zeitweise mit Foul

Walcott: Belebte die Offensive der Londoner nach seiner Einwechslung immer wieder, sprintete immer wieder mustergültig in den Raum – siehe 1:2.
Fabregas: In den ersten 45 Minuten völlig aus dem Spiel genommen, danach ein guter Akzentgeber
Diaby: Spielte oft neben Song, hatte dort einen schweren Job, den er befriedigend erfüllte
Nasri: Ackerte wie ein braver Franzose und machte auch ansonsten eine durchaus gute Partie

Bendtner: Immer wieder am Spielaufbau beteiligt, beim 1:2 genialer Vorlagengeber und auch am Ausgleich beteiligt.

Barcelona in der Einzelkritik:

Valdes: Selten geprüft, beim 2:1 darf man ihn nicht schuldlos sprechen

Alves: Der wohl offensivstärkste Außenverteidiger der Welt machte seinem Ruf alle Ehre. Hinten hatte er mit Nasri kaum Schwierigkeiten
Pique:
Sicher, wenngleich auch nur selten gefordert
Puyol:
Siehe Pique. Sein Elferfoul gegen Fabregas war zwingend nötig, auch wenn es Rot nach sich zog
Maxwell:
Wirbelte vorne wie ein Wilder, vernachlässigte hierbei aber hier und da die Defensivarbeit – Walcott ließ ihn des Öfteren alt aussehen

Busquets: Tauschte oft Rolle mit Keita, spielte ganz gut, verschuldete jedoch das 2:1 durch einen unnötigen Fehlpass
Keita:
Tauschte oft Rolle mit Busquets, spielte nicht wirklich gut, verschuldete immerhin kein Gegentor
Xavi:
Bester Mann am Platz, dirigierte auch ohne Iniesta fabelhaft. Beim zweiten Tor für Barca demonstrierte er seine Klasse.

Messi: Hatte in der ersten Halbzeit eine gute Einschussmöglichkeit – ansonsten hielt er sich auf hohem Niveau im Hintergrund
Ibrahimovic:
Vernebelte im ersten Durchgang zwei Großchancen, bewies bei seinen Toren 1 und 2 schlussendlich trotzdem Torjägerqualitäten
Pedro:
Hatte mit dem geschwinden Sagna seine liebe Müh und blieb über 90 Minuten hinweg farblos

[ANALYSE] Unerwünschte Spielmacher und deren Nachfolger

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Was Branko Boskovic, Simon Cziommer und Samir Muratovic eint? Sie alle wandern gegen den Trend und sind mehr oder weniger typische 10er. Früher hatte man als Spielgestalter nahezu uneingeschränkte Freiheiten, heute sind die meisten Trainer bös auf einen, wenn man einer ist. Über unerwünschte Spielmacher und deren Nachfolger

Hübsch, aber nicht genehm
Die Spielmacher sind es ja eigentlich, die den Fußball hübsch machen. Wer sieht nicht gerne einen Maradona die Abwehr durchtanzen oder Diego die Abwehr mit einem idealen Lochpass öffnen? Richtig, niemand. Dennoch gehört die 10er-Rolle zu den sterbenden im modernen Profifußball. Immer mehr Trainer setzen auf 8er (= vorne wie hinten gut, z.B. Leitgeb) oder stellen konstruktive 6er (= technisch versierte Abräumer) auf – Siehe Huub Stevens, siehe Louis Van Gaal, siehe die weltweite Entwicklung. Der Fußball scheint zu begrenzt geworden sein für Grenzgänger wie beispielsweise Maradona einer war. So kommt es, dass man echte Spielmacher in der Weltklasse mittlerweile fast an zwei Händen abzählen kann. Sneidjer fällt mir ein, Van der Vaart, Diego, die drei zuvor angesprochenen aus der Sissiliga – Nachdenkpause. Jedenfalls werden es ständig weniger.

Geplante Unauffälligkeit
Kein Wunder, wird heutzutage schon selbst den jüngsten Nachwuchs-Kickern eingetrichtert, sich möglichst unauffällig und diszipliniert zu verhalten – das prägt sich natürlich in deren Spielweise. Wird einer versehentlich doch ein 10er, wird er in den meisten Fällen schnell zum Flügelspieler umfunktioniert – Ronaldinho tat das, Hofmann tut das.

Regisseure auf Abwegen
Was früher cool war, ist heute gemeinhin als unmodern abgetan. Trotzdem gibt es noch Exoten. Siehe Somen Tchoyi, frage Huub Stevens. Somen sei Somen, manchmal welt- aber hier und da auch amateurklassig. Dass Stevens auch nur einem seiner Schützlinge Freiheiten gebietet, ist verhältnismäßig komisch. Sieht man aber wo Tchoyi spielt, am rechten Flügel, drängt sich schnell eine logische Schlussfolgerung auf: Je weiter man vom Zentrum entfernt ist, desto mehr Freiheiten scheint man zu genießen. Es gibt sie also weiterhin, die Spielmacher, nur halt nicht in der Schaltzentrale. Prominente Nutznießer: Messi darf bei Barca laufen wo er will, Rapid lebt und stirbt mit Freigeist Hofmann. Alles legitim, solange sich die Herren auf den Flügeln – oder zumindest nur kurzfristig anderswo – bewegen.

Sechser der einen…
Das Sterben der Maradonas ist nichts Neues und schon seit geraumer Zeit aktiv, einen regelrechten Boom erlebte es jedoch rund um die EM 2008. Luis Aragones lehrte seinen Spaniern das revolutionäre 4-1-4-1-System und stellte bisher dagewesenes ziemlich auf den Kopf. Die vermutlich wichtigste Rolle in der Europameister-Elf spielte Marcos Senna, der das gab, was man heute einen ‚konstruktiven 6er‘ nennt. Vor ihm agierten zwei 8er, die vorne wie hinten zu finden sind. Die Flügelspieler agierten beinahe als zweite und dritte Angreifer, die den Mittelstürmer (Villa/Torres) unterstützen.
Nicht wenige haben versucht, die Spanier zu kopieren. Einige offensiver (Guardiola), manche defensiver (Stevens). Jedenfalls kennt diese Art zu spielen keinen Spielmacher, was bei Barca Ronaldinho und im spanischen Nationalteam Fabregas traf. Vielmehr zieht der Mann vor und hinter einer Viererkette die Fäden, nicht wenige interpretieren den 6er als Spielmacher der neuen Generation. Wörtlich ausgesprochen hat dies unter anderem der Tulpengeneral aus München.

… und der anderen Art
Bei Barcelona wandert der 6er auf ganz neuen Spuren – aber Guardiola ist ohnehin eine Ausnahme für sich. Was man derzeit in Salzburg sieht, ist da schon weiter verbreitet. Ein destruktiver 6er, ein sogenannter ‚Staubsauger‘. Das schlägt sich auf den Spielaufbau, die Struktur der Schaltzentrale nieder, verleiht der Abwehr aber wesentlich mehr Stabilität. Ab und an wird dieser bei Angriffen des Gegners auch zum fünften Verteidiger.

Die Vorzüge des 4-1-4-1 sind komplex aber leicht erklärt. Spielt man als österreichischer Teamtrainer mit Andi Ivanschitz, geht man komischerweise in Führung, muss man den Mainzer fast zwangsläufig austauschen und das gesamte System umstellen. Roman Tuchel (Mainz-Cheftrainer, Anm.) kann davon ein Lied singen. Die spanische Nationalmannschaft hingegen beginnt gegen quasi jeden Gegner mit dem selben System und zieht dieses auch über die gesamte Spieldauer durch. Teilweise variieren die eingesetzten Spieler, häufig ist aber auch einfach die taktische Ausrichtung eine andere. Möglichkeiten zwischen angriffs- und defensiv-orientierten Spiel zu wechseln, gibt es im 4-1-4-1 zu Hauf:

Außenverteidiger
bei Führung: weniger Freiheiten nach vorne, etwas ins Zentrum gezogen
bei Rückstand: mehr Freiheiten nach vorne, bis an die Seitenauslinie hinaus verbreitet – daher mehr Räume für die restliche Mannschaft

Sechser
bei Führung: destruktiver 6er (Marke Schiemer) – Abräumer, zeitweise fünfter Verteidiger
bei Rückstand: konstruktiver 6er (Marke Senna) – Spielgestalter, bei Ideenarmut auch gerne mit Torabschlüssen aus der zweiten Reihe

Achter
bei Führung: unterstützen den 6er, halten den Ball flach und in den eigenen Reihen ohne wirklich auf Torerfolg aus zu sein
bei Rückstand: lassen die individuelle Klasse – sofern vorhanden – aufblitzen und sorgen in der gegnerischen Abwehr für Unruhe

Flügelspieler
bei Führung: gehen den Außenverteidigern zur Hand und vermeiden sinnlose Vorstöße
bei Rückstand: zweite beziehungsweise dritte Angreifer, beste Freunde der Solo-Spitze, die sich durch sie nicht mehr alleine fühlen muss

Spanien, Salzburg, Barca spielen immer mit der selben Art, aber doch jedes Mal anders. Kaum ein Spiel gleicht den anderen 90 Minuten. Was auf den einen Blick statisch scheint, ist auf den zweiten irrsinnig variabel. Auch wenn klassische Spielmacher immer einen Platz in meinem Herzen haben werden, überwiegen die Vorteile der modernen Spielweisen doch klar. Eines rate ich jedoch allen Trainern: Finger weg von der Doppelsechs.

Artikel stammt vom: 29. März 2010 – 19:58 Uhr

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